Amnesty Journal Deutschland 25. September 2018

Nukleare Provinz

Eine Gruppe von Menschen steht auf einer Waldlichtung um einen gelben VW-Bus

Protestbewegung. Szene aus dem Film "Wackersdorf".

Der Spielfilm "Wackersdorf" erzählt von einem vergessenen Konflikt.

Von Jürgen Kiontke

Es regnet ständig, Rennräder haben Gepäckträger, beim Essen wird geraucht: Mit viel Liebe zum Detail und zu Hirschhornknopfjacken lässt Regisseur Oliver Haffner in seinem Spielfilm "Wackersdorf" die 1980er Jahre aufleben. Eine Szenerie in der tiefsten Provinz, die über Jahre das Klima in Deutschland mitbestimmen wird: Die bayerische Landesregierung plant, in der strukturschwachen Oberpfalz eine Wiederaufarbeitungsanlage für nukleare Brennstoffe zu bauen. Ein riesiger Komplex, Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und seine Kabinettskollegen sprechen von 30.000 Arbeitsplätzen. Das gefällt zunächst auch dem SPD-Landrat Hans Schuierer ­(Johannes Zeiler). Dem wäre es natürlich höchst willkommen, zeichnete er für den wirtschaftlichen Aufschwung der maroden Region mitverantwortlich, auch wenn er vom politischen Gegner kommt.

Aber bald regt sich Widerstand gegen das ambitionierte Projekt – allen voran beim Physiklehrer des Gymnasiums, Karl Gegenfurtner (Andreas Bittl). Schließlich hat der vor Ort die meiste Ahnung von der Materie. Die Anlage wird 1995 fertig sein? Na klar, da läuft der Atomwaffensperrvertrag aus. Deutschland strebt nach eigenen Atomwaffen, so seine Analyse. Außerdem gefährdet die zu erwartende Radioaktivität Mensch und Tier.

Landrat Schuierer gerät bald zwischen die Fronten: Weil er irgendwann selbst zu viele kritische Fragen stellt, kündigen ihm die Parteifreunde die Gefolgschaft. In der Familie dagegen muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, gefährliche Technologien über die Leute zu bringen.

Als die Regierung mit Gewalt gegen die Proteste der Bürgerinitiative um die Alternative Monika Gegenfurtner (Anna Maria Sturm) vorgeht, schlägt sich Schuierer auf ihre Seite und legt sich mit der mächtigen Strauß-Regierung an.

"Wackersdorf" ist eine Sorte Kino, die nicht allzu oft in Deutschland produziert wird. Mit den Stilmitteln eines alten "Tatorts" zeigt der Regisseur, wie Macht en détail funktioniert: Wenn Schuierer, zu Hause eine Autorität, in den Münchner Regierungsgebäuden verloren auf seine Gesprächspartner wartet oder die Exekutive in wackligen Helikoptern umherschwirrt, ­gelingt ihm nebenher eine bildhafte Kritik an den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen.

Weitere Szenen werden zu Symbolen von Herrschaft und Knechtschaft, etwa wenn um das Gelände ein Bauzaun gezogen wird, der alsbald zum Selbstzweck wird – und nebenbei zwölf Millionen Mark an Steuergeldern verschlingt. Die ganze Region wird alsdann zum Kampfgebiet erklärt. Politiker, die schon zu Zeiten des Nationalsozialismus eine rege Vita hatten, tauchen auf einmal auf – mit dem Bauprojekt, dem Atomstaat, muss sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit stellen.

Mit viel Spannung und überzeugenden Schauspielern stellt der Film die damaligen Kämpfe nach. Das Gefühl, dass die Darsteller ihren Stoff leben, kommt nicht von ungefähr: So verkörpert etwa Schauspielerin Anna Maria Sturm als Monika Gegenfurtner gar die Rolle ihrer eigenen Mutter Irene, die eine führende Figur des WAA-Widerstands war. Zudem beleben etliche Statisten aus der Region die Kulissen. "Wackersdorf" – ein Meisterstück des historisch-politischen Kinos.

"Wackersdorf". D 2018. Regie: Oliver Haffner; Darsteller: Johannes Zeiler, Anna Maria Sturm. Jetzt im Kino.

Film- und Musiktipps

Die gefangene Frau

"Du bist nichts wert": Marish wird übler ausgeschimpft als ein Kind, das etwas verkehrt gemacht hat. Was Abhängigkeiten anbelangt, ist die Situation der 53-Jährigen sogar noch schlimmer als die einer Minderjährigen. Marish ist Hausangestellte bei einer wohlhabenden Familie in Ungarn. Sie putzt, kocht und wäscht den ganzen Tag. Bezahlung? Nein. Nur etwas zu essen, ein Platz auf der Couch und einige Zigaretten. Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter hat für diesen Dokumentarfilm ihre Protagonistin über ein Jahr mit der Kamera begleitet. Sie will ein Licht werfen auf die Millionen Menschen, die weltweit in moderner Sklaverei leben. Es ist ein Blick in die Finsternis: Fast durchgängig spielt ihr Interviewfilm in abgedunkelten Räumen. Selbst wenn es draußen heller Tag ist, bewegt sich Marish in der Dämmerung. Aber im Dialog mit der Regisseurin durchbricht sie den Kreislauf des totalen Ausgeliefertseins. Allmählich plant sie ihre Flucht. Marish steht stellvertretend für jene Menschen, die nicht frei über ihr Leben entscheiden können. Man findet sie in Schlachthöfen, in der Pflegebranche, auf dem Bau oder als Reinigungspersonal. Auch Gastronomie, Landwirtschaft oder Prostitution profitieren von diesen Knebelverträgen. "A Woman Captured" bietet einen nervenzehrenden Blick auf die Opfer dieser Schattenwirtschaft. Diese Strukturen durchleuchtet zu haben, ist Regisseurin wie Protagonistin gleichermaßen zu danken.

"A Woman Captured". Regie: Bernadett Tuza-Ritter. ­Kinostart: 11. Oktober 2018

Geliebte Drohne

Sehr gelungen verbindet der kanadische Regisseur Kim Nguyen die Themen Digitalisierung, Sicherheitswirtschaft, Menschenrechte und Liebe in seinem Spielfilm "Eye on Juliet". Gordon, Angestellter einer amerikanischen Sicherheitsfirma, steuert eine veraltete Kampfdrohne, mit der er eine ­Pipeline in Nordafrika vor Treibstoffdiebstahl schützen soll. Gordons Leben dreht sich um Robotik-Messen, Soziales liegt ihm nicht so. Die Frauen, die er allesamt über die App Tinder kennenlernt, bleiben ihm fremd. Er ihnen auch. Bis er auf ­Ayusha trifft, die Tausende Kilometer entfernt lebt. Die junge Frau plant gemeinsam mit ihrem Freund die Flucht vor einer erzwungenen Hochzeit. Das Schicksal der beiden rührt Gordon, er beschließt zu helfen – seine Drohne spricht schließlich Arabisch. Es dauert nicht lange, und er rückt selbst in die Rolle des Verliebten und entkommt so seiner Einsamkeit. "Eye on Juliet" ist ein ungemein schöner und gelungener Film. Mit der Leichtigkeit eines Spaziergangs verknüpft der dichte Plot verschiedene Diskurse. Wie kontrollieren moderne Waffensysteme ganze Länder, wer macht welche Profite im Sicherheitsbusiness, wie funktionieren Migration und Liebe in Zeiten digitaler Infrastruktur? Dabei gelingen wunderbare Szenen, etwa wenn Gordons Drohne einen alten blinden Lehrer aus der Wüste führt – mit einem Generationendialog, wie es ihn in Gordons alltäglichem ­Leben nicht mehr gibt. Ganz großes Kino!

"Eye on Juliet". CAN 2017. Regie: Kim Nguyen, ­Darsteller: Joe Cole, Lina El Arabi. DVD, ca. 14 Euro

Tanzbarer Protest

Bis 1947 konnte man noch direkt von Jerusalem nach Bagdad reisen oder mit der Bahn von Haifa nach Beirut. Die heute oft unüberwindbaren Grenzen sind ein Erbe der Kolonialzeit und des UN-Teilungsplans von 1947. Nach grenzenloser Reisefreiheit wie einst sehnen sich 47Soul, daher ihr Bandname. Die vier palästinensischen Musiker stammen aus Israel, Jordanien und den USA und haben sich über soziale Netzwerke kennengelernt. Gemeinsam haben 47Soul ein neues Genre geschaffen: Shamstep. Der Name setzt sich aus Dubstep, einer elektronischen Promenadenmischung, und Sham, der arabischen Bezeichnung für den Nahen Osten zusammen. Es ist ein unwiderstehlicher Mix aus Dabke, dem traditionellen Volkstanz-Rhythmus der Levante, arabischen Keyboard-Melodien und bollernden Club-Beats, die sofort in die Beine fahren. Dazu singen sie in Tracks wie "Moved around" oder dem wütenden "Mo Light" von Bewegungsfreiheit, Frieden und Gleichberechtigung. Es ist Protestmusik zum Tanzen. Live ist die Band ein Erlebnis. Auch der Name ihres Albums, "Balfron Promise", ist ein Wortspiel. Er bezieht sich auf den Balfron Tower, einen markanten Hochhaus-Komplex in East London, in dem das Album entstand. Die dortigen Künstlerateliers wurden inzwischen in Eigentumswohnungen umgewandelt, die Kulturszene verdrängt. Er spielt aber auch auf die "Balfour-Erklärung" an, mit der Großbritannien 1917 den Weg für die spätere Vertreibung vieler Palästinenser bereitete. So spiegelt sich für 47Soul das Große im Kleinen.                                      

47Soul: Balfron Promise (Cooking Vinyl)

Hypnotischer Wüstenrock

Der Gitarrist Bombino, bürgerlich Omara Moctar, stammt aus dem Wüstenstaat Niger. Mit seiner Familie floh er in den 1990er Jahren vor der Tuareg-Rebellion ins Nachbarland Algerien, wo er seine erste Gitarre geschenkt bekam. Sein Spitzname leitet sich vom italienischen Wort "Bambino" für Kind ab. So wurde er gerufen, weil er einst das jüngste Mitglied seiner Band war. Heute nennt ihn die New York Times "einen der größten lebenden Blues-Gitarristen der Welt". Aufgewachsen mit Jimi Hendrix und Ali Farka Touré, hat er seine eigene Handschrift entwickelt. Kraftvoll und rau, mit hypnotischen Grooves und virtuosem Gitarrenspiel, verleiht er seinem Wüstenrock eine Note zwischen Bluesrock, Grunge und "Tuareggae". Mit "Deran" ist Bombino aus dem Schatten seiner prominenten Produzenten getreten, die ihm zu Weltruhm verholfen haben. Im Aufnahmeraum in Casablanca hat er Musiker aus Mauretanien und den USA um sich geschart. Die Songs tragen schlichte Titel wie "Die Bäume" ("Tehigren"), "Meine Freunde" ("Midiwan") und "Auf dem Gipfel des Berges" ("Adouagh Chegren"), und so einprägsam klingen sie auch. Mal klingt darin der Rhythmus eines trabenden Kamels an, mal das Knistern des Lagerfeuers, ein anderes Mal das Echo eines Wüstensturms. Die Songs verströmen ein Gefühl von Weite, aber auch von Dringlichkeit. Denn die Sahara ist kein Ort mehr für reine Wüstenromantik.

Bombino: Deran (Partisan Records)

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