Amnesty Journal Deutschland 24. Juli 2017

Keiner hielt mich auf

Eine Menge an Menschen läuft eine Straße entlang, die von Gras umgeben ist.

Ende der Balkanroute. Geflüchtete auf dem Weg durch Österreich, Fürstenfeld, September 2015

Der Schriftsteller Najem Wali über seine Flucht aus dem Irak vor bald vierzig Jahren – und die Schwierigkeiten, mit denen Neuankommende in Deutschland heute konfrontiert sind. 

Meinen ersten Versuch, ins Exil zu gehen, unter- nahm ich am 14. Juli 1976. Keine zwanzig Jahre alt war ich, als ich mit 200 Dollar in der Tasche in Bagdad das Flugzeug der Iraqi Airways Richtung Paris bestieg. Filmregie wollte ich dort studieren. Heute erkenne ich die Sinnlosigkeit dieser Idee, aber damals erschien sie mir realistisch – ebenso wie der Wunsch, auszuwandern und in ei- nem fremden Land zu leben. Die Grenzpolizisten am Flughafen Paris-Orly interessierten sich weder dafür, dass ich kein Rück- ugticket bei mir hatte, noch für die Summe Geld, die ich bei mir trug. Sie drückten einen Einreisestempel in meinen Reise- pass und wünschten mir einen angenehmen Aufenthalt. Wie lange ich beabsichtigte zu bleiben, fragten sie nicht.

Wer könnte sich das heute noch vorstellen? Wie ein goldenes Zeitalter erscheinen mir die 1970er Jahre im Rückblick – nicht nur, was die Kontrollen an den Grenzen anbelangt, sondern auch in Bezug auf die allgemeine Atmosphäre. Sicherlich war es gewagt, zu glauben, mit nur 200 Dollar ein Studium abschließen und danach in den Irak zurückkehren zu können. Aber das lag vielleicht eher daran, dass ich in jenen Tagen viel existen- zialistische Literatur las, insbesondere die Werke von Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus, die in arabischer Übersetzung aus den Verlagen in Beirut zu uns nach Bagdad ka- men. Aber es galt eben auch, dass in den Städten Europas kaum Angst vor der Aufnahme von Ausländern herrschte, so wie das heutzutage der Fall ist. 

Mein Aufenthalt in Paris endete denn auch nach zwei Mona- ten nicht aufgrund einer Abschiebung, Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus, sondern schlicht deshalb, weil ich es schwierig fand, dort zu leben – als junger Mann, der kein Wort Französisch sprach und außer dem Studium nichts im Kopf hatte, schon gar nicht den Gedanken an Arbeit. So kehrte ich mit leeren Händen nach Bagdad zurück, war aber sehr glücklich über die neuen Schätze, die ich in Paris geborgen hatte: all jene Geschichten, die ich erzählen würde über meine Besuche im Café de Flore, wo Sartre und de Beauvoir an ihrem Tisch saßen und schrieben, wo sie Freunde und Verehrer begrüßten. Die meisten Geschichten erfand ich, um meine Kollegen in Bagdad zu beeindrucken.

Ich erinnere mich auch, dass es mir vor meinem Abschied nicht in den Sinn gekommen war, Visa für jene Länder zu bean- tragen, die der Zug auf meiner Rückreise von Paris nach Venedig durchfuhr. Der irakische Reisepass ermöglichte damals den Transit durch alle Länder der Welt. Ein Visum war nur bei einem längeren Aufenthalt nötig. Die Schweizer Grenzbeamten drück- ten mir tatsächlich einen Stempel in den Pass, lediglich die ita- lienischen schickten mich zurück in die Schweiz mit der Auffor- derung, im Konsulat in Brig ein Transitvisum für Italien zu be- antragen.

Noch heute erinnere ich mich an den kleinen Konsul mit Glatze und Hosenträgern, Mitte fünfzig dürfte er gewesen sein. Als er meinen Pass entgegennahm, lächelte er. Ganz ruhig for- derte er mich auf, gegen eine geringe Gebühr einen Visumsan- trag auszufüllen. Danach lief ich noch durch die Stadt, wo man mich anschaute, als ob ich ein Außerirdischer vom Mars sei. Es waren keine feindlichen Blicke, sondern neugierige. Viele Be- wohner sahen wahrscheinlich zum ersten Mal einen arabischen Mann meines Alters mit meiner Hautfarbe. 

Privilegiert im Exil

An diesen neugierigen Blicken hatte sich wenig geändert, als ich vier Jahre und zwei Monate später aus dem Irak oh. Es war der 28. Oktober 1980, sechs Wochen zuvor hatte der Krieg zwischen dem Iran und Irak begonnen. Wegen der allgemeinen Wehr- p icht drohte auch mir der Einzug an die Front – weshalb ich mich entschied, das Land zu verlassen. Nur in Ungarn forderten mich die Grenzpolizisten auf, zurück nach Belgrad zu reisen, um ein Transitvisum für drei Tage zu beantragen. Ansonsten hielt mich keine Grenzpolizei auf, weder in Bulgarien noch in Jugo- slawien noch in der Tschechoslowakei und den anderen Län- dern, die ich auf meiner Fahrt von Istanbul nach Westberlin durchquerte. Das Dreimonatsvisum in meinem Pass für die "Bundesrepublik Deutschland und das freie Berlin" genügte.

Sicherlich sind meine Exilerfahrungen privilegiert – sei es, weil ich ganz unkompliziert einen Studienplatz für deutsche Literatur an der Universität in Hamburg bekam, sei es, weil mir viele Menschen, die ich als junger Mann kennenlernte, Hilfe anboten. Wenn ich an diese Anfangszeit in Deutschland zurück- denke, erinnere ich mich stärker an die glücklichen Momente als an die unglücklichen. Selbst als mir nach der Ablehnung meines Asylantrags Festnahme und Abschiebung drohten, ver- glich ich meine Situation stets mit dem Leben, das ich im Irak führen würde, und wusste, dass ich Glück hatte und die Wette am Ende gewinnen würde.

Dieses Gefühl hat mich nie verlassen. Meine Abschiebung wäre eine Farce gewesen, denn sowohl der Irak als auch der Iran setzten in Deutschland produzierte Rüstungsgüter ein: Der Irak importierte Giftgas aus der Bundesrepublik, der Iran Gasmas- ken aus der DDR. Dies ist eine Konstante, und sie ist wichtig: ohne Waffenhandel kein Krieg und keine Zerstörung, keine Flucht und keine Vertreibung. Doch ohne die Solidarität vieler Menschen während meines Asylverfahrens hätte ich diese Zeit nur schwer überstanden. 

Fünf Personen halten an der Straße einen Willkommens-Banner in die Höhe, hinter ihnen ist das Meer zu sehen.

Bin Laden prägt das Bild

Heute herrscht eine andere Stimmung – nicht nur in Deutsch- land, sondern in ganz Europa. Auch das Bild der Ge üchteten hat sich verändert, insbesondere in den vergangenen zwanzig Jahren. Das Bild des arabischen Mannes beispielsweise war über Jahre geprägt vom ägyptischen Schauspieler Omar Sharif und dessen Rolle im Film "Doktor Schiwago". Es war auch das Bild, das meine weiblichen Mitstudierenden von mir hatten. Damals gab es kei- nen Osama Bin Laden und keinen Abu Bakr al-Baghdadi. Selbst der Terrorismus hatte ein anderes Gesicht: das der Roten Armee Fraktion, das von Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

Migranten aus Afrika brachte man mit dem jamaikanischen Reggae-Sänger Bob Marley in Verbindung, Lateinamerikaner sie- delte man irgendwo zwischen Latin Lover und Che Guevara an. Trotz aller Probleme el es den Menschen damals leichter, Wege zu nden, um miteinander zu leben, und der durchaus vorhan- dene Rassismus gipfelte selten in der öffentlichen Aufforde- rung, Deutschland wieder zu verlassen. Auch Morde und das Anzünden von Flüchtlingsheimen wie nach der Wiedervereini- gung waren weit entfernt.

Durch die Flucht Hunderttausender Menschen aus Syrien und dem Irak, die im Sommer 2015 nach Europa kamen, wurde die Situation kompliziert. Während wir über die Balkanroute ächzen, erleben die Menschen im Nahen Osten eine nicht abrei- ßende Folge von Kriegen – und den Zerfall ihrer Staaten. Je län- ger dieser Prozess andauert, desto mehr Ge üchtete wird es ge- ben, und umso negativer wird das Bild derjenigen werden, die zu uns kommen. Es gibt so viele Klischees, gegen die Neuan- kömmlinge ankämpfen müssen, um nicht auf eine Zahl redu- ziert, erniedrigt und beleidigt zu werden.

Diese Unmenge von Problemen gab es nicht, als ich vor bald vierzig Jahren in Deutschland ankam. Der Araber ist heute aus westlicher Sicht ein Osama Bin Laden oder ein Abu Bakr al- Baghdadi geworden, ein Terrorist mit Sprenggürtel oder ein LKW-Fahrer, der sich in einer Menschenmenge in die Luft jagt; der Afrikaner ein Vergewaltiger oder Drogendealer; der Latein- amerikaner ein Arbeitsloser oder, wenn er aus Kolumbien oder Mexiko kommt, ein Kokain- und Cannabisschmuggler. Und nur, weil man endlich einen Aufenthaltstitel bekommen hat, heißt das noch lange nicht, dass man auch glücklich wird in der neu- en Heimat.

"Beide Seiten haben Angst voreinander – und brauchen Zeit, sich kennenzulernen."

Denn sowohl für die Einheimischen im Aufnahmeland wie für die Ge üchteten aus den Krisenländern sind die Herausfor- derungen groß. Beide Seiten haben Angst voreinander, es ist die Angst vor dem Unbekannten, die erst mit der Zeit abgeschüttelt werden kann. Zeit, um sich gegenseitig kennenzulernen und Stereotype zu hinterfragen. Selbst bei Liebenden ist das nicht anders, auch sie benötigen Zeit, um sich gegenseitig zu besänfti- gen und Sicherheit für eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. 

Kluft zwischen den Welten

Das größte Problem liegt deshalb woanders, es liegt bei jenen Politikern, die nicht versuchen, ihren Bürgern die Angst vor den Neuankömmlingen zu nehmen, sondern sie im Gegenteil schüren. Aus den Sorgen und Nöten der Alteingesessenen machen sie Gesetze; sie lassen Mauern an den Grenzen errichten. Und einige fordern sogar die Schließung der Mittelmeerroute, als ob damit die Not auf der anderen Seite beendet werden könne.

Diese Populisten sorgen dafür, dass die Welt immer stärker in zwei Hälften geteilt wird: in Angehörige jener Staaten, die über Wohlstand verfügen, Länder besetzen, Waffen produzieren und exportieren und jederzeit bereit sind, das, was sie besitzen, um jeden Preis zu verteidigen. Und auf der anderen Seite Men- schen, die um ihre Heimat gebracht wurden, die nichts haben außer der Wahl, sich am Krieg zu beteiligen oder in den Norden zu iehen, der nicht müde wird, Waffen herzustellen und in die Kriegsgebiete zu exportieren.

Die Kluft zwischen diesen beiden Welten wird immer tiefer, und niemand weiß, wohin dies letztlich führen wird. Denn auch immer neue Mauern und Zäune werden diese Menschen nicht daran hindern, zu iehen.

Ich spreche die Sprache der Heimatlosen und Exilanten, die sagen: Wir sind hier, weil wir überlebt haben. Und wir werden deshalb nicht aufhören, an das Gewissen unserer Mitmenschen zu appellieren, unter ihnen bleiben zu dürfen – glücklich, friedlich und fern von Krieg, Vertreibung und Hunger.

Aus dem Arabischen von Nabil Barham

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NAJEM WALI

Najem Wali wurde 1956 im irakischen Basra geboren und flüchtete 1980 nach Ausbruch des Iran-Irak-Kriegs nach Deutsch- land. In Hamburg und Madrid studierte er Deutsche Literatur und Spanische Literatur. Er schreibt u.a. für die arabische Tageszeitung Al Hayat, für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Für seinen Anti- kriegsroman "Bagdad Marlboro" erhielt der deutsch-iraki- sche Schriftsteller 2014 den Bruno-Kreisky-Preis. 2016 gehörte Wali der Jury für den Deutschen Buchpreis an. Noch bis August ist er Stadtschreiber in Graz. 

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