Amnesty Journal Deutschland 22. November 2018

Hänsel und Gretel in der Wüste

Fünf Männer stehen oder hocken in der Wüste

Zeugnis namibischer Zwangsarbeit. Peter Thiessen, Glen Arendse (beide in der Hocke) und Crew an der für die deutschen Kolonialherren errichteten Bahnstrecke Kolmanskop-Lüderitz.

Die deutsche Band Kante und Khoi Khonnexion aus Südafrika bringen den Völkermord an Herero und Nama auf die Bühne.

Aus Hamburg Knut Henkel

Nebelschwaden strömen aus Paketen und Kisten, die auf die spärlich beleuchtete Bühne getragen werden. "In the beginning there was no death", rufen Stimmen aus den dichten Schleiern, die über die Kampnagel-Bühne wabern. "Das Haus der herabfallenden Knochen" heißt das Stück, das hier gegeben wird. "Now we are on a graveyard." Der Friedhof, von dem die Rede ist, befindet sich im roten Sand der Namib-Wüste, zwischen Lüderitz und Kolmanskop. Geschichten von Geistern und Schimären kreisen um diesen Ort, von Knochen und Schädeln, die abgeschlagen und blank geputzt nach Deutschland verschickt wurden.

"Auf diesen Teil deutscher Geschichte in Namibia haben uns Menschen wie Tytus, ein Pfarrer aus Aus, aufmerksam gemacht. Sie erzählten uns die Geschichten von zerrissenen Familien, von Menschen, die in der Wüste verscharrt wurden", berichtet Peter Thiessen, Sänger der Hamburger Band Kante. Thiessen war auf einer künstlerischen Studienreise in Namibia und hat die Widersprüche im Umgang mit den Toten der deutschen Kolo­nialgeschichte vor Augen gehabt: hier die Namenlosen, deren Knochen in der Wüste verscharrt oder zu rassistischen Forschungszwecken in die Berliner Charité oder das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf verschickt wurden, da die prächtigen Gräber von Kolonialbeamten oder die Erinnerungstafeln für deutsche Gefallene. "Auf Shark Island, wo Tausende Nama in einem Konzentrationslager starben, erinnert nichts an diese Toten. Aber an die zwölf dort gefallenen deutschen Soldaten wird auch heute noch erinnert", sagt Thiessen.

Verhältnisse, an denen sich erst langsam etwas ändert. Im Dezember 2013 wurde ein Reiterdenkmal der deutschen Kolo­nialtruppen in der namibischen Hauptstadt Windhoek demontiert, aber in Lüderitz, Marienthal oder Kolmanskop ticken die Uhren noch wie früher, berichtet Glen Arendse. Der Lehrer und Entwicklungshelfer ist einer der drei Musiker der südafrikanischen Band Khoi Khonnexion. Ihre Besonderheit: Sie spielen unter anderem auf dem sirrenden Bogen, dem ältesten Instrument der Menschheit, und sehen sich in der Tradition der Khoisan, die ursprünglich den Süden und Südwesten Afrikas besiedelten und deren Kultur durch die deutschen und niederländischen Kolonialherren zerstört wurde. Die Musiker aus Südafrika und aus Hamburg sind durch ein Projekt der Kulturstiftung des Bundes miteinander in Kontakt gekommen.

Künstlerischer Ausgangspunkt für dieses Projekt, an dem sich der Dramaturg Nikola Duric, der Produzent Oliver Nachtwey sowie die namibische Poetry-Performerin Nesindano Namises beteiligten, waren die Märchen der Brüder Grimm. Von denen gibt es ganz eigene Versionen in der Namib-Wüste, die mit holländischen und hugenottischen Siedlern sowie den deutschen Kolonisatoren und Missionaren dorthin gelangten und sich dabei veränderten. "Wir haben eine Version von Hänsel und Gretel entdeckt, in der eine Menschenfresserin auf einer deutschen Farm lebt. Sie hatte den deutschen Siedler verspeist – Grimms Märchen reloaded, sozusagen", erzählt Peter Thiessen. Diese Märchen, aber auch Mythen über Missionare und Legenden über eine explodierende Schlange oder das Haus der herabfallenden Knochen erzählen die älteren Namibier noch heute. Die Künstler haben dies ebenso in ihr Stück einfließen lassen wie Erinnerungen an deutsche Kolonialsoldaten. Denn Mythen zufolge geistern einige von ihnen noch immer durch die Wüste und verständigen sich mit Spiegeln und Morsecodes – Szenen, die auch auf der Bühne auftauchen. Im Zentrum des Stücks stehen jedoch die Knochen – die aus den Märchen und Legenden und jene, die immer noch auf eine Ruhestätte warten.

"Die Toten kommen einfach nicht zur Ruhe", sagt Arendse. Zwischen 1903 und 1908 ermordeten in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika kaiserliche Truppen mehr als 85.000 Herero und Nama – es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Ein Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha belegt den systematischen Massenmord, er wies an, jeden Herero, auch Frauen und Kinder, zu erschießen. Opferverbände der He­rero haben nun eine Sammelklage gegen die deutsche Regierung in New York eingereicht. Sie fordern eine offizielle Anerkennung des Genozids, eine Entschuldigung und Wiedergutmachung.

Die namibische Regierung gibt sich in dieser Frage zurückhaltender. Kante-Sänger Peter Thiessen glaubt, der Grund hierfür sei, dass die Opfergruppen in der Regierung kaum vertreten sind. Zudem sei die deutsche Lobby in dem Land bis heute recht stark. Große Farmen befinden sich immer noch in den Händen deutschstämmiger Familien, wie auch die Supermarktkette Woer­mann-Brock, ein Nachfolgeunternehmen der in der Kolonialzeit groß gewordenen Reederei Woermann. "Wir haben in Kolmanskop, der Diamantenstadt, die Reste einer Luxusstadt mit Bierbrauerei, Salzwasserpool und Kegelbahn mitten in der Wüste besucht", schildert Thiessen. "Dort haben wir im Schwimmbecken mit unseren Guides und Freunden von Khoi Khonnexion Musik gemacht. Die alten Rohre, die aus den Wänden lugten, erinnerten mich an die Knochen, die in unserem Stück eine zentrale Rolle spielen." Deren Rückgabe und eine ­offizielle Entschuldigung für den Genozid in Namibia seien überfällig, sagt Glen Arendse.

Kante und Khoi Khonnexion haben das gemeinsam Erlebte szenisch und musikalisch verarbeitet, die poetischen Verse wurden auf Englisch und teils auf Khoi, der Sprache der Ureinwohner der Region, intoniert und auf Leuchttafeln übersetzt. Für Arendse war die Zusammenarbeit mit einer Band wie Kante etwas vollkommen Neues, denn während die Musiker von Khoi Khonnexion meist improvisieren, komponieren die Hamburger Kollegen. Auch ein Grund, weshalb sich die beiden Bands aufeinander zubewegen – auf und neben der Bühne. "Ich habe in Namibia vieles über mich selbst und meine Geschichte erfahren, was mir neu war", sagt Thiessen. "Im Kontext der derzeitigen Flüchtlingspolitik ist es gut, sich auch einmal die deutsche Kolonialgeschichte anzugucken." Für ihn war die Reise nach ­Namibia so etwas wie ein Trip in die Psychologie des deutsch-europäischen Bewusstseins – mit Grimm’schen Märchen als Entwicklungshelfer.

Vorführungen: März 2019 im FFT Düsseldorf. Oktober 2019 in den Münchner Kammerspielen. Ein Termin im HAU Berlin ist in Vorbereitung.

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