Amnesty Journal Brasilien 01. Februar 2019

Im Schutz der Favelas

Drei Frauen mit Kopftüchern stehen neben einander

Zu selbstbewusst. Die Ausstellung "Histórias Afro-atlânticas" zur afrobrasilianischen Geschichte in São Paulo provozierte Brasiliens Rechte

Schwarze Künstlerinnen hatten es lange Zeit schwer im brasilianischen Kulturbetrieb. Unter dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro müssen sie nun befürchten, ins Visier der Rechten zu geraten.

Von Elisabeth Wellershaus, São Paulo

Es ist gerade abgebaut, da denkt Amanda Carneiro schon über das nächste Projekt zum Thema nach. Als schwarze Kuratorin weiß sie genau, welche politische Wucht in der Ausstellung "Histórias Afro-atlânticas" steckte. Zum ers­ten Mal hatte sich in Brasilien eine renommierte Institution wie das Museu de Arte de São Paulo (MASP) eingehend mit afrobrasilianischer Geschichte beschäftigt. Und das in der heißesten Wahlkampfphase im vergangenen Herbst. Zu dieser Zeit zeichnete sich bereits ab, dass Brasilien einen Präsidenten wählen würde, der schwarzen Aktivisten nahelegte, "zurück in den Zoo zu gehen" und Migranten als "Abschaum der Menschheit" bezeichnete. Doch da hatte Carneiro noch gehofft, dass ein ­Ex-Militär mit derart radikalen Ansichten unwählbar sei.

Mittlerweile ist Jair Bolsonaro Präsident Brasiliens, und das Land erlebt eine gesellschaftliche Spaltung, die noch unter Ex-Präsidentin Dilma Rousseff so nicht denkbar gewesen wäre. Auch Künstler und Intellektuelle bekommen das zu spüren. Amanda Carneiro sitzt in der großen Eingangshalle im MASP und schüttelt verständnislos den Kopf. Dass er die Stichwahl mit 55,1 Prozent der Stimmen gegen den Kandidaten der Arbeiterpartei, Fernando Haddad, gewann, sei schlimm genug. Seine Aussagen gegenüber Frauen, Homosexuellen, Schwarzen und Indigenen seien so haltlos, dass sie sich kaum damit beschäftige.

Nach sozialen Reformen der ansonsten stark in die Kritik geratenen Arbeiterpartei, steht die brasilianische Gesellschaft seit Michel Temers Übergangsregierung vor einem Scherbenhaufen, was soziale Gleichstellungsversuche betrifft. Quotensysteme an Universitäten, Wohnprojekte für Einkommensschwache, Maßnahmen, die unter Lula da Silvas und Dilma Rousseffs Führung entstanden sind und von denen vor allem junge Schwarze profitieren, werden von der weißen Mittelschicht immer heftiger kritisiert. "Auf einmal trauen die Menschen sich deutlicher denn je, ihre Ressentiments zu äußern", sagt Carneiro. Auch das Gewaltpotenzial in der Bevölkerung nehme zu.

"Wir arbeiten in einer unglaublich aufgeheizten Stimmung", erzählt auch die afrobrasilianische Künstlerin Ana Lira aus Recife, einer Stadt im Nordosten des Landes. Dort ist die ­Bevölkerungsmehrheit schwarz und der Widerstand gegen Bolsonaro ausgeprägter als im Süden. Doch vor Kurzem hat ein bekennender Bolsonaro-Unterstützer sie in ihrem Viertel verfolgt und bedroht. "Kollegen und Freunde werden auf der Straße ­angegriffen oder erhalten Todesdrohungen", sagt Lira. "Steine fliegen durch Museumsfensterscheiben, und Künstler schalten ihre Handys immer öfter auf Flugmodus – aus Angst, abgehört zu werden." Lira ist seit Jahren in verschiedenen Widerstands­bewegungen aktiv. Sie setzt sich für eine soziale Stadtplanung ein und für die Dokumentation von Morden an jungen Schwarzen. Und sie thematisiert in Performances, Ausstellungen und Fotobüchern die sozialen Missstände im Land.

Doch seit einer Weile ist es still um sie geworden. "Die Ermordung der Stadträtin Marielle Franco in Rio war ein Weckruf für mich", erzählt Lira. Seit die populäre Lokalpolitikerin, die ­Polizeigewalt und Militäreinsätze in Rio de Janeiro kritisiert hatte, im März 2018 von Unbekannten erschossen wurde, sind viele Aktivisten eingeschüchtert. Auch Ana Lira versucht seither, ihre politischen Statements leiser zu formulieren, hält sich von Demonstrationen fern, sucht nach neuen Wegen. "Solange ich nicht weiß, wohin die Reise mit der neuen Regierung wirklich geht, bin ich vorsichtig", sagt sie. Und doch bleibt sie sozialkritisch und aktiv.

In der Ausstellung "Arte, Democracia, Utopia", die bis vor Kurzem im Museu de Arte do Rio lief, war Lira als Teil eines Künstlerinnen-Kollektivs mit einer Arbeit vertreten, die die ­Ankunft von rund einer Million Sklaven am Valongo-Kai in Rios Hafen nahe des Museums thematisierte. Es ging um die Geschichte des Viertels und den sogenannten "Friedhof der Schwarzen", auf dem viele Sklaven begraben wurden. Und es ging um die aktuelle Verdrängung afrobrasilianischer Bewohner aus dem mittlerweile neu gestalteten Hafenviertel. Wie in Recife ging Lira für das Projekt in die Favelas, sprach mit den Menschen dort über ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ängste. »Der Austausch mit den Menschen in den Favelas und abseits gelegenen Stadtviertel scheint mir im Moment das einzig konstruktive Mittel, um der politischen Gewalt etwas entgegenzusetzen«, sagt sie. "Das ist effektiver, als unsere schwarzen Körper bei Demonstrationen zu verheizen."

Auch etablierte schwarze Künstlerinnen wie Rosana Paulino und Nachwuchstalente wie Juliana Dos Santos suchen zunehmend den Austausch mit Menschen, die in den Favelas und Randgebieten von Rio oder São Paulo wohnen. "Ein Antrieb für meine Kunst ist, die Position schwarzer Frauen im sozialen Gefüge des Landes einzuordnen", sagt Paulino. Warum ihre Großmutter und Mutter sich nicht aus den Strukturen einer noch ­immer stark ethnisch geprägten Klassengesellschaft lösen konnten, treibt sie um. Warum ihnen Zugang zu Bildung verwehrt blieb, und warum das ihrem weißen Umfeld völlig selbstverständlich erschien – diese Fragen motivieren sie, sich mit schwarzen Frauenbewegungen zu solidarisieren und in ihrer Kunst mit Familienfotos und persönlichen Narrativen zu arbeiten. Damit hofft sie, der Exotisierung und Ausgrenzung etwas entgegenzusetzen.

Wie lange sie das unter den neuen politischen Bedingungen noch tun kann, ist fraglich. Jair Bolsonaro hat über seine Sprecher bereits die Schließung des Kulturministeriums angedroht. Doch was Künstlerinnen wie Paulino, Lira und Dos Santos bleibt, sind starke Netzwerke und der Blick über den Tellerrand der noch immer sehr weißen Kunstinstitutionen. Hinzu kommen der Austausch in den Favelas und die Zusammenarbeit mit Schulen in den Randgebieten, in die schwarze Familien zusehends gedrängt werden. Außerdem arbeiten sie mit schwarzen Kunstmagazinen wie O Menelick 2º Ato oder Kuratorinnen wie Amanda Carneiro zusammen.

An diesem Abend führt Carneiro eine weiße Besucherinnengruppe durch die Sonia Gomes-Ausstellung im MASP. Sie selbst stammt aus Capão Redondo, einem der gefährlichsten Vororte São Paulos. Sie ist die Erste aus ihrer Familie, die studiert hat, und eine der ersten schwarzen Frauen, die am MASP kuratorische Entscheidungen trifft. Es gibt ein neues Selbstbewusstsein unter schwarzen Brasilianerinnen. Seit dem Tod von Marielle Franco wehren sich zudem auch schwarze Politikerinnen gegen das neue Regime. Vor allem in der städtischen Politik tauchen immer mehr junge Afrobrasilianerinnen auf, die politische Alternativen zum nationalen Populismus anbieten. Und es dürfte nicht ganz leicht werden, sie alle zum Schweigen zu bringen.

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