Amnesty Journal 19. November 2020

Endlich keine Toten mehr

Zwei Männer stehen auf einem Friedhof und liegen sich in den Armen, einer von ihnen trägt eine Uniform in Tarnfarben.

Ort der Trauer: Auf dem Yerablur-Friedhof vor den Toren der armenischen Stadt Eriwan werden Soldaten beigesetzt, die im Bergkarabachkonflikt gefallen sind  (23.10.2020).

Der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um Bergkarabach dauerte diesmal nur ein paar Wochen. Verzweifelt versuchte der armenische Friedensaktivist Georgi Vanyan zu schlichten.

Von Andrea Jeska

44 Tage lang dauerte der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die 4.400 Quadratmeter große Exklave Bergkarabach und die diese umgebende Pufferzone.

Diese Tage der Gewalt und des Todes vieler Tausend zumeist junger Soldaten verbrachte der armenische Friedensaktivist Georgi Vanyan in unruhiger Verzweiflung. Ein Vierteljahrhundert lang, seit Armenien die in der Sowjetunion unter Stalin Aserbaidschan zugeordnete Region erobert hatte, bemühte sich Vanyan um Dialog und Diplomatie.

Gegenseitige Achtung und Verständnis für das Leid all derer, die der erste Krieg heimatlos machte – Aserbaidschaner und Armenier gleichermaßen –, schien ihm der einzige Weg aus diesem Konflikt, in dem sich seit dem fragilen Waffenstillstand von 1994 nichts nach vorne bewegte.

In den 44 Tagen des Krieges hat Vanyan viele Stunden telefoniert, um jene zu mobilisieren, die er auch auf der Seite des Friedens wähnte. Er rief Politiker an, um sie von einem Waffenstillstand zu überzeugen, und Redakteure, um sie zu bewegen, nicht die Kriegspropaganda weiterzutragen.

Doch in Armenien gilt der Friedensaktivist schon lange als einer, der auf der falschen Seite steht. In der aufgeheizten nationalistischen Stimmung der Kriegstage klang sein Appell in den Ohren vieler wie Vaterlandsverrat. Als Georgi Vanyan auf seiner Facebook-Seite einen Aufruf an Premierminister Nikol Pachinjan veröffentlichte, in dem er ein Ende der Gewalt forderte und dem armenischen Regierungschef kriminelles Verhalten vorwarf, stand wenig später die Polizei vor seiner Tür.

Ein lächelnder Mann mit kurzem schwarzem Haar und Brille steht vor einer Mauer.

Georgi Vanyan, armenischer Menschenrechts- und Friedensaktivist in der armenischen Stadt Goris (12.10.2020)

 

Am 10. November kapitulierte Armenien und unterschrieb, initiiert von Russland, einen Vertrag, in dem die Rückgabe der Pufferzonengebiete an Aserbaidschan festgelegt wurde. Der künftige Status von Bergkarabach blieb zunächst offen. Russland entsandte 1.960 Soldaten, die die Hauptstadt Stepanakert und umliegende Gebiete sowie zwei Korridore schützen sollen. Der eine führt aus Karabach nach Armenien, der andere aus der Exklave Nachitchevan über armenisches Territorium nach Aserbaidschan.

So groß die Unwägbarkeiten dieses Abkommens sind, es beendete das Töten, und in der plötzlichen Stille nach dem Gefechtslärm konnte Vanyan seine Stimme wieder heben. Nun hofft der Aktivist, die Wunden der Kapitulation könnten zu einer politischen Neuorientierung führen und den Friedensdialog neu beleben.

Eine ausführliche Reportage über Georgi Vanyan lesen Sie in der Ausgabe 1/21 des Amnesty Journals. Andreas Jeska ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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