Amnesty Journal 23. November 2018

"Amnesty muss besser zuhören"

Generalsekretär Kumi Naidoo steht in einem Garten

Seit September 2018 Generalsekretär von Amnesty International. Kumi Naidoo.

Der neue Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo sieht den 70. Geburtstag der Menschenrechtserklärung als Wendepunkt und fordert Aktionen zivilen Ungehorsams. Malene Haakansson traf ihn in Kopenhagen.

Vom Westen finanzierte Bomben töten unschuldige ­Zivilisten im Jemen. Geflüchtete und Migranten ertrinken auf ihrem Weg nach Europa im Mittelmeer. Myanmars Militär hat einen Genozid an der eigenen Bevölkerung verübt und scheint ohne Strafe davonzukommen. Man muss sich schon fragen, ob es am 10. Dezember, dem 70. Geburtstag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, überhaupt etwas zu feiern gibt.

Auch der neue internationale Generalsekretär von Amnesty International, Kumi Naidoo, glaubt, dass die Menschenrechte noch weit von ihrem Ziel entfernt sind: Als die Berliner Mauer fiel, glaubten viele Menschen, dass nun alle in Frieden leben und es eine Explosion der Demokratie geben würde. Wir glaubten, dass die Bürgerrechte in trockenen Tüchern seien und wir uns mehr auf soziale und wirtschaftliche Rechte konzentrieren könnten. Doch die Realität sieht heute ganz anders aus: In viel zu vielen Ländern ist die Zivilgesellschaft unter Druck. Versammlungs-, Meinungs- und Vereinigungsfreiheit sind bedroht. Nicht nur in Staaten, in denen Demokratie und ­gesellschaftliche Teilhabe schon lange eingeschränkt sind, sondern auch in solchen, die sich jahrzehntelang als überzeugte Anhänger der Menschenrechte verstanden haben.

Die Menschenrechtsbewegung solle nicht einfach zusehen, wie die Menschenrechte weiter bedroht werden, fordert Naidoo. Sie solle dieses Jubiläum stattdessen als Wendepunkt nutzen und den Kampf um die Menschenrechte wieder aufleben lassen.

Der einstige Greenpeace-Direktor glaubt, dass die Menschenrechte in einer Krise stecken, weil korrupte und eigennützige Politiker das Vertrauen der Menschen missbrauchen und nicht wirklich versuchen, deren Ängste und Sorgen zu verstehen. Wir beobachten, wie sich die Menschen zweifelhaften ­Ideologien anschließen. Doch würde ich ihnen deswegen keinen Vorwurf machen. Sie schotten sich ab und entfernen sich von den Menschenrechten, weil sie Angst haben. Menschenrechtsaktivisten müssten daher unterscheiden zwischen den Menschen, die rechte und nationalistische Parteien wählen, und den Politikern, die diese unmenschliche Politik predigen.

Wir müssen die Ängste dieser Wählerinnen und Wähler ernst nehmen, so schwer das auch sein mag. Wir müssen uns überlegen, wie wir zu ihnen durchdringen und sie davon überzeugen können, die Menschenrechte zu respektieren. Um ­Menschen zurückzugewinnen, die Politiker wie Donald Trump, Marine Le Pen oder Jair Bolsonaro gewählt haben, müsse Amnesty bescheidener werden und besser zuhören.

Aktivismus bedeutet nicht, Menschen anzusprechen, die ohnehin unserer Meinung sind. Das ist fauler Aktivismus. Wir müssen mit denjenigen das Gespräch suchen, die unsere Standpunkte nicht teilen. Wir müssen uns darauf verlassen, dass wir mit Respekt und ohne Arroganz jede Person überzeugen können – so sehr sich ihre Meinung auch von unserer unterscheidet. Auf diese Weise können wir wieder mehr Menschen für eine Kultur der Menschenrechte gewinnen.

Menschen anzusprechen, die andere Meinungen vertreten, ist ein Ansatz des neuen internationalen Generalsekretärs. Doch darüber hinaus müsse der Aktivismus selbst schlagkräftiger werden, um wirklich etwas zu bewegen: Wir müssen die Mächtigen – Regierungen und Konzerne – konfrontieren, die sich gegen Menschenrechte wehren. Wir müssen den Mut haben, ihnen friedlich, aber unerschütterlich entgegenzutreten. Ich bin davon überzeugt, dass ziviler Ungehorsam die richtige Waffe ist gegen mächtige Politiker, die uns sonst zugrunde richten werden.

Mit zivilem Ungehorsam meint er, dass man bereit sein muss, ein Gesetz zu brechen, wenn es ungerecht ist oder zu ­Unrecht führt. Er fügt rasch hinzu, dass es keinen Grund zur Besorgnis gebe – ziviler Ungehorsam solle stets friedlich bleiben und sich an den Umständen vor Ort orientieren. Man muss sich nur die Geschichte ansehen: Rosa Parks in den USA, Nelson Mandela in Südafrika und Mahatma Gandhi in Indien. Auf dem Höhepunkt ihres Widerstands gegen das Unrecht wurden sie alle für ihren Einsatz diffamiert. Sie wurden inhaftiert und unterdrückt. Heute jedoch sind riesige Denkmäler errichtet ­worden, um sie zu feiern.

Als Aktivistin oder Aktivist müsse man sich auch mal unbeliebt machen, sagt Naidoo. Wer Menschenrechte voranbringen wolle, müsse den Status quo hinterfragen und sich in dieser kritischen Rolle wohlfühlen. Er sieht keinen Widerspruch zwischen Dialog und Engagement auf der einen Seite und friedlichem, unangepasstem Aktivismus auf der anderen. Vielmehr mache es Amnesty als Bewegung stärker, beide Ansätze zu verbinden.

Naidoo möchte noch einen weiteren Wandel vorantreiben: mehr Zusammenarbeit mit Wirtschaftsunternehmen. Wir dürfen Unternehmen nicht alle über einen Kamm scheren. Wir müssen die progressivsten unter ihnen von unseren Werten überzeugen. Dass es einen Konflikt zwischen zivilem Ungehorsam und der Zusammenarbeit mit Unternehmen geben könnte, glaubt er nicht. Im Gegenteil: Während meiner Zeit als Direktor von Greenpeace International habe ich es geschafft, dass die meisten Geschäftsführer großer Unternehmen sich mit mir an einen Tisch setzten, wenn ich sie darum bat. Einer sagte einmal zu mir: Wir wollen lieber mit dir am Tisch sitzen und reden als zur Zielscheibe deiner Kampagne zu werden.

Kumi Naidoo glaubt, dass Regierungen und Unternehmen Amnesty ernst nehmen müssen, weil die Organisation gründliche Recherche mit Aktivismus vereint. Sie wissen, dass wir ihrem Ruf schaden können. Heutzutage kann das Ansehen ebenso wichtig für den Erfolg sein wie herkömmliches Kapital.

Der 1965 im südafrikanischen ­Durban geborene, in Oxford in ­Politikwissenschaft promovierte Umwelt- und Menschenrechts­aktivist Kumi Naidoo ist seit September interna­tionaler ­Generalsekretär von Amnesty International. Von 2009 bis 2015 stand er an der Spitze von Greenpeace.

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