Aktuell Kenia 28. Juli 2017

"Erzwungene Analtests sind alltäglich in Kenia"

Emmanuel Odhiambo Nyambwa, in schwarzem Anzug, winkt mit ausgestrecktem Arm auf einer Bühne

Der kenianische Menschenrechtsaktivist Emmanuel Odhiambo Nyambwa auf dem Berliner CSD im Juli 2017 

Der Kenianer Emmanuel Odhiambo Nyambwa erhielt den “Soul of Stonewall-Award” des Berliner CSD für sein Empowerment-Programm für junge Erwachsene in Nairobi. Der 25-Jährige sprach mit Amnesty über seinen Aktivismus und alltägliche Repression. 

Wie hat es Ihnen auf dem Berliner Christopher-Street-Day (CSD) gefallen?

Es war großartig, alle waren so glücklich: Tolle Outfits, kreative Kostüme, aufregende Shows – es war wirklich mitreißend. Es war meine erste Pride, das war sehr emotional für mich.

In Kenia unterstützen Sie junge Erwachsene, die mit ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität ("Sexual Orientation and Gender Identity", SOGI) zu gesellschaftlichen Minderheiten gehören. Welche Kämpfe fechten sie aus?

Schon wegen ihres Alters sind junge Erwachsene sozial ausgeschlossen und können auf Grund von Traditionen nicht offen sprechen, wenn Ältere präsent sind. Wenn Sie zu den SOGI-Minderheiten gehören, ist das noch gravierender: Die Leute akzeptieren ihre Identitäten nicht. Sie sind 'einfachere Zielscheiben', sie erfahren mehr Diskriminierung und Stigmatisierung als Ältere mit ähnlichen Identitäten. Sogar in Freundschaften gibt es sozialen Ausschluss und Isolation. Manche haben psychische Probleme, verlassen die Schule oder werden drogenabhängig. Und sie besuchen nicht die sozialen Zentren, wo sie Unterstützung bekämen. In ihrer Peer-Gruppe gibt es vielleicht Trost, aber ihr psychologischer Konflikt ist sehr sichtbar im Alltag.

Welche Unterstützung bieten Sie an?

Wir beraten und coachen in allen Belangen: Wie sie soziale Fragen in ihren persönlichen Beziehungen anpacken können, wie sie ihre Fähigkeiten ausbauen können, ihre individuellen und sozialen Rechte zu beanspruchen. Wir informieren über öffentliche Dienstleistungen. Es geht uns um das individuelle und soziale Handlungsvermögen, um das Manövrieren unsicherer Situationen und sozialer Herausforderungen. Wird jemand attackiert und die Polizei bietet keinen Schutz, dann braucht es andere Optionen, wie etwa alternative Sicherheitsnetzwerke, auf die Verlass ist. Wenn man auf die jungen Erwachsenen zugeht, ist das der richtige Weg, um die Gesellschaft perspektivisch zu verändern.

Regenbogenfahne weht in der Luft vor blauem Himmel mit wenigen kleinen Wolken

Der Amnesty-Jahresbericht 2017 dokumentiert medizinische Zwangsuntersuchungen in Kenia. Welche Formen von Repressionen gibt es?

Erzwungene Analtests sind alltäglich in Kenia, genauso wie andere inhumane Praktiken. Während unsere Verfassung auf die angeborene Würde aller hinweist, ordnen Gerichte solche Untersuchungen durch die Polizei an. Und immer, wenn sich erste Schritte abzeichnen, die Praktik zu überwinden, wird alle Anstrengung unternommen, diese Unmenschlichkeit doch zu wahren. SOGI-Minderheiten dürfen sich auch nicht versammeln und organisieren. Es gibt keinen verlässlichen Schutz durch die Polizei. Und an der sozialen Front erfahren wir viele sowohl spontane als auch organisierte Attacken. Personen werden gewaltsam aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben, wenn ihre Identität bekannt wird. Du musst dich auf deine engsten Freunde verlassen. Die Regierung spricht von einer Demokratie, aber die SOGI-Community ist nicht repräsentiert.

Gibt es Anzeichen für Veränderungen?

Das soziale Stigma ändert sich kaum. Für erwachsene Männer, die einvernehmlich gleichgeschlechtlichen Sex haben, sieht das Strafgesetzbuch bis zu 14 Jahren Haft vor. Die Repression ist systematisch. Während die Verfassung Antidiskriminierung unterstreicht, bleiben die Gesetze strikt. Es gibt Diskussionen und erste Schritte für Veränderungen, aber das wird noch dauern.

Im August stehen Wahlen an in Kenia. Spielen SOGI-Rechte eine Rolle im Wahlkampf?

Die Politik meidet das Thema. Allen ist klar, dass die gesellschaftliche Mehrheit Diversität und auch die Inklusion von SOGI-Personen und -Gruppen nicht unterstützt. Politikerinnen und Politiker bevorzugen Macht gegenüber Menschenwürde und Freiheit. Das wird sich irgendwann ändern, denn es gibt auch Personen und Initiativen, die sich aussprechen für Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen aller.

Interview: Andreas Koob

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