Artikel 24: Recht auf Erholung und Freizeit

2010 hatte eine Suizidwelle bei dem Apple-Produzenten Foxconn Schlagzeilen gemacht.

2010 hatte eine Suizidwelle bei dem Apple-Produzenten Foxconn Schlagzeilen gemacht.

Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.

Bei Anruf Tod

Täglich zwölf Stunden. Bei guter Auftragslage auch mehr. In der Elektronikindustrie werden Arbeitsrechte flächendeckend missachtet.

Von Sven Hansen, Asien-Redakteur der taz in Berlin

Liu Fuzong war 14 Jahre alt, als er am 21. Mai starb. Er wurde tot in seinem Bett im Schlafsaal eines Arbeiterheims gefunden. "Plötzlicher Tod" lautete der Obduktionsbefund. Liu hatte bei der Yinchuan Electronic Company im südchinesischen Dongguan gearbeitet, deren Firmengruppe auch für Samsung, Canon und Sony produziert. Täglich zwölf Stunden. Bei guter Auftragslage auch mehr. Das berichtet die amerikanisch-chinesische NGO China Labour Watch (CLW). Liu hatte den Job mit dem Ausweis eines 18-Jährigen bekommen. Das fiel niemandem auf, weil bei Yinchuan regelmäßig Kinder unter 16 arbeiten, wie CLW feststellte.

Dass Schülerpraktikanten als billige Arbeitskräfte missbraucht werden, ist neu. Sie ersetzen die teurer gewordenen Wanderarbeiter. Beide Gruppen sind nahezu rechtlos und leicht ausbeutbar. Schülerpraktikanten fallen zudem nicht unter den Mindestlohn, der in den vergangenen Jahren mehrfach erhöht wurde. Dazu beigetragen hatten Berichte über die Missachtung grundlegender Rechte in der globalen Elektronikindustrie.

Eine Studie der CLW und der dänischen NGO Danwatch vom November 2013 zeigte einen Zwang zu 48 bis 136 Überstunden im Monat bei chinesischen Zulieferern des US-amerikanischen Computerkonzerns Dell. Zwei der vier untersuchten Firmen zahlten nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn. 2010 hatte eine Suizidwelle unter chinesischen Beschäftigten des taiwanischen Produzenten Foxconn für Schlagzeilen gesorgt. Foxconn produziert für Apple und andere namhafte Elektronikkonzerne. Mit rund einer Million Beschäftigten allein in China ist Foxconn der weltgrößte Elektronikproduzent. Die Suizidwelle wurde genährt durch Ausbeutung, extrem lange Arbeitszeiten, monotone Tätigkeiten, militärischen Umgangston, Schikanen sowie Isolation und Perspektivlosigkeit der Beschäftigten.

Nach einem Apple-internen Bericht von 2006 hatte ein Viertel der Foxconn-Beschäftigten keinen freien Tag in der Woche. Bei 35 Prozent betrug die Wochenarbeitszeit mehr als 60 Stunden – Chinas gesetzliche Höchstarbeitszeit liegt bei 49 Stunden. Das verstößt auch gegen Apples Unternehmenskodex. 2011 legte Apple Kinderarbeit und Schuldknechtschaft offen – Jobs in den Werken wurden gegen hohe Provisionen vermittelt. Auch waren Beschäftigte beim Reinigen von Touchscreens vergiftet worden.

 Mann mit Megafon vor einem Apple-Store mit Plakaten, auf denen u.a. "Do Apple phones contain child labour" steht

Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty bei einer Amnesty-Aktion gegen Kinderarbeit vor einem Apple-Store in Montreal am 12. Juni 2016

Wegen anhaltender Kritik kündigte der Konzern 2012 Untersuchungen der Fair Labor Association (FLA) an, einer industrienahen Arbeitsrechtsorganisation. Auch sie bestätigte überlange und gesetzeswidrige Arbeitszeiten. Trotzdem wollten 34 Prozent der Befragten noch mehr arbeiten. 64 Prozent sagten, sie könnten von ihrem Gehalt ihre Grundbedürfnisse nicht decken. Apple versprach bis Juli 2013 ein Ende der überlangen Arbeitszeiten. Laut FLA und CLW ist das nicht erfolgt. Vielmehr zeigten sich die Bedingungen beim neuen Apple-Produzenten Pegatron nicht besser als bei Foxconn, von wo Apple einen Teil seiner Produktion abgezogen hatte. Gesetzes- und Grundrechtsverstöße sind symptomatisch für die Branche. Die Wertschöpfungskette der als hochtechnisiert wahrgenommenen Branche wird dabei von millionenfacher Handarbeit ungelernter Arbeitskräfte dominiert – von der Gewinnung der Rohstoffe, der Herstellung der Komponenten, der Montage der Hardware bis zum Recycling –, die überwiegend in Entwicklungs- und Schwellenländern stattfindet.

Die Betriebe sind quasi gewerkschaftsfrei. Als im Oktober 2012 in der indonesischen Fabrik des südkoreanischen Samsung-Konzerns erstmals 200 Arbeitern die Gründung einer Gewerkschaft gelang, wurden die Gewerkschafter einfach entlassen. Samsung zählt zu den profitabelsten Konzernen der Welt.

Oft noch schlimmer sind die Bedingungen in den Minen, in denen die Metalle für die Computer, Mobiltelefone und Playstations gewonnen werden. In den Coltan-Minen in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), ein bedeutender Weltmarktlieferant, arbeiten viele Kinder. Umweltschutz wird vernachlässigt, Arbeitskräfte und Umgebung werden vergiftet. Der Abbau der Mineralien im Ostkongo wird zudem mit der Finanzierung von Bürgerkriegsmilizen in Verbindung gebracht. Seit 2010 ist es allen börsennotierten Unternehmen in den USA verboten, Metalle zu verwenden, die Milizen im Kongo finanzieren. Auch müssen Zahlungen aus dem Rohstoffabbau an die Regierung der DRK offengelegt werden. In der EU gibt es kein entsprechendes Gesetz.

Dieser Artikel erschien zuerst im Amnesty Journal 01/2014

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