Amnesty Journal Armenien 06. April 2021

Gold oder Aprikosen?

Ein alter Mann, eine alte Frau und ein kleiner Junge stehen unter einem Vordach eines Hauses, es fällt Schnee.

Bleibt kämpferisch aufgelegt: Der Aprikosenbauer Vardan Poghosyan (Dezember 2020).

Mitten in Armenien soll eine Goldmine entstehen, erste Arbeiten sind abgeschlossen. Für die Menschen in den benachbarten Dörfern und für die Umwelt wäre die Fertigstellung von Amulsar eine Katastrophe.

Aus Gndevaz und Eriwan von Tigran Petrosyan

Die Regierung wirbt für den Goldbergbau. "Amulsar kann zum Steuerzahler Nummer eins werden", kündigte Armeniens  Wirtschaftsminister Vahan Kerobyan kürzlich an. Vardan Poghosyan beklagt hingegen das "Verbrechen", dass wegen der Mine Bäume abgeholzt wurden. Der 66-jährige Bauer schwelgt in Erinnerungen an seinen zerstörten Aprikosengarten in seinem Dorf Gndevaz. "Als ich die Aprikosenblüten auf der Erde liegen sah, dachte ich, es sei duftender Schnee vom Himmel gefallen."

2006 entdeckte das Bergbauunternehmen Lydian Armenia, eine Tochtergesellschaft von Lydian International, Gold im Berg Amulsar im Südosten Armeniens. 2016 begann Lydian, dort eine Mine zu errichten, einige Bergbauanlagen sind bereits entstanden. Bewohnerinnen und Bewohner der naheliegenden Dörfer protestierten noch im selben Jahr, als sie unter Druck ihre Felder verkaufen mussten und danach riesige Flächen mit Aprikosenbäumen vernichtet wurden, um eine Straße bis zur Mine zu bauen. Der Bauprozess wurde wegen der Proteste gestoppt.

700 Menschen leben in Gndevaz, nur einige Hundert Meter von der Mine entfernt. "Der Winter in den armenischen Bergen bleibt lange", sagt Poghosyan und trampelt mit den Füßen vor seiner Haustür auf den Boden, um den Schnee loszuwerden. Bevor er ins Haus tritt, blickt er noch auf den Berg, der unter der dichten weißen Schneedecke nur unklar zu erkennen ist. Seine größte Sorge ist: "Wohin sollen wir nun unsere Kühe oder Schafe bringen, wenn der Winter vorbei ist?"

Als am 27. September 2020 der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach ausbrach, nutzte Lydian die Gelegenheit, dass die öffentliche Aufmerksamkeit sich woanders hin richtete und zäunte die Straße ab, die entlang der Weiden und Felder führt. Bergkarabach ist weit entfernt, dennoch wurden Fakten geschaffen. Auch der Weg in die Berge wurde abgesperrt. So erzählt es jedenfalls Poghosyan.

"Ohne Landwirtschaft ist man ein Niemand"

Tatsächlich ist die einzige Straße, die zum Dorf führt, heute eingezäunt. An einigen Stellen sind Gittertore in die Absperrung eingebaut, darauf ist ein Stoppschild zu sehen, und dahinter stehen Männer in Uniform, die Wache halten. Die Dorfbewohner sind von den Weiden und Feldern abgeschnitten. "Ohne Landwirtschaft ist man ein Niemand", sagt Poghosyan. Auch seine Familie hat Kühe und Schafe. Hirten brachten um die 270 Schafe und Ziegen jahrzehntelang abwechselnd auf die Weide. "Ich war alle zehn Tage an der Reihe", sagt Poghosyan. Nun nicht mehr. Seit Generationen betrieben Menschen in Gndevaz und Umgebung Landwirtschaft, vor allem Ackerbau und Viehzucht. "Nun ist unsere Existenz bedroht, weil wir das Land verloren haben."

Gndevaz sei seit der Sowjetzeit eines der bekanntesten Dörfer der Region, erzählt Poghosyan voller Stolz. "Unser Dorf wurde sogar bei einer Versammlung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei in Moskau erwähnt", sagt er. "Der Staat kaufte unserem Kolchos die Lämmchen immer ab und sprach ein großes Lob aus. Ein sechs Monate altes Tier wog dank der ­guten Weidegründe in unseren Bergen bereits 45 Kilogramm."

Der ehemalige Viehhalter sitzt in der Mitte seines Wohnzimmers an einem großen runden Tisch, auf dem seine fleischigen Hände ruhen. Bei jedem Wort schaut er die Nachbarinnen und Nachbarn der Familie an, die zum Kaffee gekommen sind. Sie hören zu, nicken und nehmen ab und zu einen Schluck Kaffee. Poghosyan bringt für sie alle die Sache auf den Punkt. Nicht zufällig wurde er zum Dorfvorsteher ernannt, als Armenien im Jahr 1991 seine Unabhängigkeit erklärte.

Unter Druck alles an Lydian verkauft

Sehnsüchtig blickt Poghosyan auf jene Zeit zurück, als er noch Zugang zum Weide- und Ackerland hatte.  "Uns wurde gesagt, wer sein Land nicht freiwillig an Lydian verkaufe, dem werde der Staat unter Verweis auf 'vorrangiges Interesse' das Land zwangsweise abnehmen, und zwar zu einem Drittel oder Viertel des Preises", berichtet Poghosyan. Er habe vor knapp sechs Jahren 7.600 Euro für seine Weizen- und Gerstenfelder mit 7.000 Quadratmetern Fläche bekommen. Sein Cousin habe Pech gehabt, er habe nur ein Drittel dieser Summe bekommen, weil er sich erst spät mit dem Verkauf einverstanden erklärte.

Eine Goldmine mit verschiedenen Lagerhallen und anderen Gebäuden in einer hügeligen Graslandschaft, von oben aufgenommen.

Bleibt Baustelle. Die Goldmine Amulsar (Februar 2021).

All die Gärtnerinnen, Viehzüchter, Hirten und Imkerinnen des Dorfes sind heute arbeitslos. Sollen sie alle über Nacht zu Bergbaufachleuten werden, damit sie in ihrer Gegend weiter ­Arbeit finden können? Zum Glück bleiben sie mit ihren Sorgen nicht alleine. Die Rechtsanwältin Nazeli Vardanyan kämpft seit Jahren juristisch gegen Amulsar und für die Rechte der Menschen in der Region. Sie geht gegen die Mine und den armenischen Staat vor und vertritt mehrere Bürgerinnen und Bürger aus Gndevaz und aus dem nahegelegenen Kurort Jermuk vor Gericht. Es gehe um eine ganze Reihe von Klagen gegen das Bergbauunternehmen, etwa den Schutz des Eigentums, sagt die in der armenischen Hauptstadt Eriwan lebende Juristin.  
Die 59-Jährige spricht von Verstößen, zum einen ­gegen armenische Gesetze, zum anderen gegen internationale Übereinkommen wie die Aarhus-Konvention, die eine Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern im Umweltschutz vorschreibt.

Investoren aus dem Ausland

Denn nicht nur Grundrechte sind gefährdet, Wissenschaftlerinnen und Umweltschutzaktivisten gehen davon aus, dass die Goldmine katastrophale Auswirkungen auf das Ökosystem haben wird. Vor allem der nordwestlich der Mine gelegene Sewansee, mit knapp 1.300 Quadratkilometern Fläche der größte Süßwassersee des Kaukasus, ist in Gefahr. Die Mine könnte auch Auswirkungen auf den Kurort Jermuk haben, dessen Mineral- und Thermalquellen seit Sowjetzeiten berühmt sind.
Jermuk liegt acht Kilometer von Amulsar entfernt, dort leben rund 4.300 Menschen. "Wenn nun die Mine beginnen sollte, die Luft zu verschmutzen, müssten manche den Ort verlassen, um nicht krank zu werden", sagt Vardanyan. "Lydian und die armenische Regierung verschweigen mögliche Risiken und jagen den Menschen Angst ein." Die Rechtsanwältin versucht, über das Unternehmen Lydian International aufzuklären, das von einem Netz von Offshore-Ablegern auf Jersey und den britischen Jungferninseln verwaltet wird und in Kanada in einem Insolvenzverfahren steckt. Aus ­Gerichtsdokumenten weiß sie, dass an dem Goldbauprojekt ­Investoren aus den USA, Kanada, Großbritannien und der Türkei beteiligt sind.

Lydian wiederum hat Vardanyan und andere mit Klagen überzogen, um sie zum Schweigen zu bringen. Zehn armenische Nichtregierungsorganisationen, darunter das Transparency International Anti-Corruption Center in Eriwan, bewerten das in einer gemeinsamen Erklärung als politische Verfolgung. Polizei und Justiz seien an willkürlichen Strafmaßnahmen gegen Menschen aus Jermuk beteiligt, die gegen die Mine Amulsar protestiert hätten. Vardanyan vermutet Korruption, also einen Deal zwischen dem armenischen Staat und Lydian. Andere Beobachterinnen und Beobachter betonen, dass Lydian Armenien mit Entschädigungsforderungen unter Druck setze. So oder so: Das nachzuweisen, könnte noch Jahre dauern.

Tigran Petrosyan ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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