Rassistische Polizeigewalt in Deutschland: Realität, Kontinuität und Widerstand
"Gerechtigkeit für Lorenz": Demonstration am 25. April 2025 in Oldenburg für den durch die Polizei getöteten Lorenz A.
© IMAGO / Anadolu Agency
Rassistische Polizeigewalt in Deutschland ist Realität und historische Kontinuität. Angehörige, Überlebende und migrantische Communities benennen dies seit Jahrzehnten, und doch werden ihre Perspektiven bis heute oft ausgeklammert. Die Fälle von Lorenz A., erschossen durch die Polizei in Oldenburg, und Nelson, mit 15 Jahren in der Justizvollzugsanstalt Ottweiler gestorben, zeigen: Schwarze Menschen sind durch staatliches Handeln nicht geschützt, sondern gefährdet. Ihre Familien und Communities bleiben nicht nur mit Trauer zurück – sie bewahren Erinnerung, fordern Aufklärung und tragen die Stärke weiter, die über Generationen Solidarität und Widerstandskraft schafft.
Todesfälle in Polizeigewahrsam oder Haft werden regelmäßig als "Einzelfälle" dargestellt. Diese Erzählung verdeckt jedoch die Strukturen, die sie ermöglichen. Statt Aufklärung dominieren Schweigen, Rechtfertigungen und die Verschiebung von Verantwortung. Doch der Schmerz wird transformiert: Angehörige, Communities und Initiativen machen ihn sichtbar, fordern Konsequenzen ein und stellen die Systeme infrage, die Gewalt und Ungerechtigkeit reproduzieren. Ihr Handeln zeigt: Erinnerung ist mehr als Trauer – sie ist Widerstand, politische Forderung und Ausgangspunkt für Veränderung.
Um rassistische Polizeigewalt, Widerstand und Veränderung handelt der folgende Text von Yvonne Esi Müller. Die Autorin beschreibt die Lebensrealität von Lorenz A., Nelson und vielen Menschen in Deutschland, die strukturelle Rassismus-Erfahrung machen.
Ein Koffer voller Angst: Polizeigewalt, Erinnerung und der Preis der Hautfarbe
Jede Schlagzeile ist ein Schlag ins Herz:
"Ein Mensch stirbt bei Polizeieinsatz."
Vor wenigen Monaten war es Lorenz – erschossen durch die Polizei. Nicht zufällig, nicht tragisch, sondern systematisch. Kaum ist sein Name ausgesprochen, folgt schon der nächste: Nelson. Fünfzehn Jahre alt. Tot in einer JVA. Wieder heißt es: "Einzelfall". Wieder bleibt Aufklärung aus.
Wie viel Gewalt muss noch geschehen, bis deutlich wird, dass sie kein Zufall, sondern Teil eines Systems ist?
Sicherheit – für wen?
Eine Gesellschaft, die vorgibt, alle zu schützen, muss sich fragen: Wen schützt sie wirklich?
Schwarze Eltern geben ihren Kindern keinen Freibrief ins Leben, sondern einen unsichtbaren Rucksack: Überlebensregeln statt Kindheitsträume.
- Keine Diskussion mit der Polizei.
- Keine schnellen Bewegungen.
- Nicht fragen, warum.
Weil Fragen wie die von Lorenz unbeantwortet bleiben – oder mit Kugeln beantwortet werden. Weil Jugendliche wie Nelson nicht einmal mehr nach Hause kommen.
Institutionen des Schweigens
"Polizeiwache" klingt nach Schutz. Doch Nelson ging hinein als Mensch und kam nicht mehr heraus. Statt Aufklärung folgten Rechtfertigungen, Verschleierungen, Schweigen.
Nelsons Tod zeigt: Dieses Schweigen ist keine Ausnahme, sondern Routine. Das System schützt nicht die Schwachen, sondern sich selbst.
Angst über Generationen
Angst ist erblich – nicht im Blut, sondern in der Erfahrung. Von den Großeltern zu den Eltern, von den Eltern zu den Kindern.
Die Kinder von heute wissen längst: Schwarze Körper werden nicht als Leben gelesen, sondern als Gefahr. Lorenz und Nelson sind keine Einzelfälle. Sie sind Teil einer Geschichte, die sich unaufhörlich wiederholt.
Kindheit ohne Unschuld
Die wahre Prävention geschieht nicht im Klassenzimmer, sondern am Küchentisch:
"Bleib still, wenn du kontrolliert wirst."
"Mach keine schnellen Bewegungen."
"Frag nicht warum."
Während andere Kinder Mathe üben, lernen Schwarze Kinder, wie sie überleben. Damit sie nicht wie Lorenz oder Nelson enden.
Schon früh verwandelt die Gesellschaft ihr Lachen in Bedrohung: Aus Energie wird Aggression. Aus Neugier Respektlosigkeit. Aus Lebendigkeit Gefahr.
So wird aus einem Kind ein "Störenfried". Aus einem Jugendlichen ein "Gefährder". Und irgendwann ein Mann wie Lorenz, dessen Körper Zielscheibe war, bevor sein Name erinnert wurde. Oder ein Jugendlicher wie Nelson, dessen Jugend nicht einmal beginnen durfte.
Ungleiche Preise für die gleichen Fehler
Alle machen Fehler. Doch nicht alle zahlen den gleichen Preis.
Weiße Jugendliche gelten als laut, rebellisch – "eine Phase". Schwarze Jugendliche gelten als auffällig, kriminell. Stirbt einer von ihnen, lauten die Erklärungen:
"Polizeibekannt."
"Widerstand geleistet."
"Notwehr."
Sprache wird so zur zweiten Kugel, die tötet – diesmal das Gedächtnis. Was bleibt, ist ein Dossier. Ein Aktenzeichen.
Menschen, keine Zahlen
Es geht nicht um Theorien oder Statistiken. Es geht um Menschen. Menschen mit Alltag, mit Träumen. Menschen wie Lorenz. Menschen wie Nelson.
Ihre Namen sind keine Zahlen. Sie sind Fragen:
Wie viel ist ein Leben wert?
Und wessen Leben zählt?
Zukunft ohne Vergangenheit?
Was wäre, wenn Schwarze Kinder lachen dürften, ohne dass es als Bedrohung gilt? Wenn sie lernen dürften, ohne Stempel? Wenn sie leben dürften – nicht nur überleben?
Der Wunsch ist einfach:
Ein Leben in Würde.
Ein Alltag ohne Angst.
Eine Zukunft, die nicht immer wieder Lorenz oder Nelson heißen muss.
Ein Koffer voller Erfahrung
Viele tragen ihn: unsichtbar, aber schwer – gefüllt mit Vorsicht, Erfahrung, Angst, Stolz, Überlebenstaktik.
Doch darin liegt auch Hoffnung. Eine Hoffnung, die nicht still bleibt, sondern laut ist – für Lorenz, für Nelson, für die, die waren, und für die, die kommen.
Denn wer erzählt, existiert. Und wer existiert, wird nicht vergessen.
Zur Autorin:
Yvonne Esi Müller ist Mutter von zwei Kindern und Community-Organizerin. Sie arbeitet zu Kolonialismus, Rassismus, Klimagerechtigkeit und Empowerment und ist in zahlreichen Bündnissen und Projekten aktiv. Darüber hinaus schreibt sie Dossiers und Gedichte, bietet Workshops an und verbindet so politische Analyse mit kreativen und empowernden Ausdrucksformen. Kontakt: esimueller3@gmail.com.
Hintergrundinformationen:
In der Nacht zum 20. April 2025 wurde der 21-jährige Lorenz A. bei einem Polizeieinsatz in Oldenburg durch Schüsse eines Polizisten getötet. In Oldenburg gründete sich unmittelbar darauf ein breites Bündnis, das unter anderem eine unabhängige und umfassende Aufklärung des Vorfalls fordert.
Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) weist in ihrer Stellungnahme darauf hin, dass der Tod von Lorenz kein Einzelfall ist, sondern im Kontext institutionellen und strukturellen Rassismus verstanden werden muss. Das Bündnis kritisiert insbesondere die Informationspolitik der Behörden und die Berichterstattung, die dazu beiträgt, tödliche Polizeigewalt nachträglich zu rechtfertigen. Gefordert wird eine lückenlose Untersuchung sowie die Übernahme von Verantwortung durch Polizei und Politik.
Anfang August 2025 starb der 15-jährige Nelson in der Justizvollzugsanstalt Ottweiler (Saarland). Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) versteht seinen Tod nicht als "tragischen Einzelfall", sondern als weiteren Ausdruck der besonderen Gefährdung rassifizierter Menschen in staatlichem Gewahrsam. Die Initiative fordert eine unabhängige, öffentliche und umfassende Untersuchung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem strukturellen Rassismus in Polizei und Justiz.