Aktuell Deutschland 03. November 2015

Flucht oder Todesstrafe

Flucht oder Todesstrafe

Jaqar Khoen Mullah Ahmed bei einer Aktion gegen eine Verschärfung der Asylpolitik im September 2015

Weil er sich politisch engagierte, nahmen die syrischen Behörden Jaqar Khoen Mullah Ahmed fest und inhaftierten ihn monatelang. Amnesty International und andere Organisationen setzten sich für ihn ein. Im Juni 2014 konnte er schließlich nach Berlin flüchten. Dort versucht er nun, sich ein neues Leben aufzubauen.

Von Ralf Rebmann

Jaqar Khoen Mullah Ahmed kann sich gut an das Zentralgefängnis von Aleppo erinnern. An die überfüllten Gefängniszellen, die brutalen Sicherheitskräfte, den Hunger, an Durchfallerkrankungen und Tuberkulose. "600 Tage. Oder ein Jahr, sieben Monate und zehn Tage", sagt er, ohne lange nachzudenken. Es ist die Dauer seiner Haft.

Jaqar Khoen Mullah Ahmed, der der kurdischen Minderheit in Syrien angehört, ist politischer Aktivist. Er setzt sich schon lange für die Rechte der Kurden in Syrien ein. Auch an den Protesten gegen den syrischen Machthaber Assad beteiligte er sich. Mit seinem Mobiltelefon dokumentierte er die Demonstrationen und gab ausländischen Medien Interviews. Irgendwann geriet er ins Visier des Geheimdienstes.

"Bereits im Dezember 2011 hat die Polizei nach mir gesucht", erinnert er sich. Drei Monate lang konnte er sich verstecken, bis der syrische Geheimdienst ihn im März 2012 fand. Vor einem Militärgericht musste er sich anschließend wegen "Anstiftung zur Gewalt" verantworten. Es drohte ihm die Todesstrafe.

Die Folgemonate verbrachte er in einer engen Zelle des Zentralgefängnisses von Aleppo. Erst sehr viel später erfuhr er: Amnesty International startete nach seiner Verschleppung durch den Geheimdienst eine Eilaktion, um seine Freilassung zu erreichen.

Die Haftbedingungen des Gefängnisses beschreibt er als menschenverachtend: Bis zu 30 Personen hätten dort in einer 25 Quadratmeter großen Zelle ausharren müssen. Nach drei Monaten seien einige der Gefangenen in den Hungerstreik getreten, Dutzende an Viruserkrankungen gestorben.

"Zwei Monate lang haben sie uns täglich nur eine Handvoll Mehl gegeben", sagt er. Mithilfe von Stoffresten hätten sie ein Feuer entzündet, um Brot oder eine Suppe zubereiten zu können. "In diesen Monaten ist viel passiert. Ich kann gar nicht alles erzählen."

Für Jaqar Khoen Mullah Ahmed ging es glimpflich aus. Seine Angehörigen konnten eine Kaution zahlen, sodass er am 13. Oktober 2013 freikam. Die Anklage wurde jedoch aufrechterhalten. "Danach hatte ich zwei Möglichkeiten. Entweder ich warte auf meine Verurteilung, oder ich fliehe." Er entschied sich für die Flucht und reiste in die Türkei. In Istanbul erhielt er Unterstützung von der Initiative "Adopt a Revolution", die ihm dabei half, ein Visum zu beantragen. Bei der deutschen Botschaft in Ankara hatte er Erfolg und konnte so mit dem Flugzeug nach Deutschland einreisen.

Heute lebt der 31-Jährige in Berlin. Er hat Asyl erhalten, eine Wohnung gefunden und besucht einen Deutschkurs. "Ich habe Glück gehabt", sagt Jaqar Khoen Mullah Ahmed. Er weiß, wie schwierig es für viele Geflüchtete aus Syrien ist, in Deutschland anzukommen. "Flüchtlinge bezahlen viel Geld, um nach Europa zu fliehen. Sie riskieren ihr Leben auf dem Mittelmeer oder in der Ägäis." Zusammen mit Amnesty International hat er sich deshalb im September bei einer öffentlichen Aktion vor dem Bundesinnenministerium in Berlin für eine menschenwürdige Flüchtlingspolitik stark gemacht.

Er möchte sein Maschinenbau-Studium weiterführen und versucht daher, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Er ist zuversichtlich: "Mathematik war für mich das schwierigste Fach in Syrien, und ich habe es bestanden. Dann klappt es mit Deutsch auch."

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