Aktuell 08. Oktober 2015

Indonesien als Gastland der Buchmesse

Indonesien ist bei uns als Literaturland eher unbekannt. Auch die Massaker, die General Suharto vor 50 Jahren angeordnet hatte, werden von der Weltgemeinschaft nach wie vor wenig beachtet. Dabei prägen die Nachwirkungen des Massenmords von 1965 bis heute die indonesische Gesellschaft und auch die Literatur.

In den Werken indonesischer Kulturschaffender geht es generationenübergreifend um die Themen Unterdrückung, Angst und Diskriminierung. Das liegt daran, dass Indonesien die staatlich organisierten Massenmorde von 1965 nie aufgearbeitet, sondern mit einem Mantel des Schweigens bedeckt hat. Keines der Opfer ist bis heute entschädigt, kein Beteiligter zur Rechenschaft gezogen, nicht einmal die Geschichtsbücher sind geändert worden. Indonesien hat auch 50 Jahre nach den Massenmorden keine Antwort auf die Frage gefunden, wie man mit der Schuld der Vergangenheit umgehen soll.

Die Massaker an vermeintlichen Kommunisten 1965/1966 sind unter dem Kommando von General Suharto verschiedenen Schätzungen zufolge 500.000 bis über eine Million Menschen ermordet worden.

Menschenrechtsorganisationen dokumentierten außerdem Folter, Verschleppungen, Vergewaltigungen, sexuelle Sklaverei, willkürliche Verhaftungen, Zwangsarbeit und Vertreibungen. Opfer der Massenmorde waren vermeintliche Kommunisten. Wer die Massaker, Haft und Zwangsarbeit überlebte, erhielt nach der Entlassung ein Berufsverbot oder die Bürgerrechte entzogen. Es hat bisher keine strafrechtliche Aufarbeitung der Morde gegeben, keines der Opfer ist entschädigt worden. Viele werden bis heute diskriminiert und leben am Rande der Gesellschaft.

Die Bildung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission scheiterte 2006. Ein Bericht der Nationalen Menschenrechtskommission von 2012, der die Kommunistenverfolgung als schwere Menschenrechtsverletzung einstufte, das Militär als Hauptverantwortlichen nannte und der Generalstaatsanwaltschaft Ermittlungen empfahl, blieb folgenlos.

"1965 – das Jahr, das niemals endet" Bis heute wird die Propaganda aufrechterhalten, die Täter von damals hätten alles richtig gemacht. Sie werden in indonesischen Schulbüchern als Helden verehrt. Schulausflüge führen zu ihren Denkmälern. Die überlebenden Opfer hingegen – wie beispielsweise der bekannte Dichter Putu Oka Sukanta oder Indonesiens bedeutendster Autor Pram, Pramoedya Ananta Toer – wurden jahrelang in Gefängnissen oder in Konzentrationslagern inhaftiert und mussten Zwangsarbeit leisten. Viele Überlebende werden bis heute diskriminiert.

Was bedeutet es, in einem Staat zu leben, in dem die Täter von damals auch heute noch Machtpositionen ausüben und die Opfer weiter diskriminiert werden?

Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie 50 Jahre lang in Angst und Schweigen lebt?

Welchen Beitrag können die Kulturschaffenden Indonesiens dazu leisten, dass die Aufarbeitung der Massenmorde in Indonesien beginnt und das Jahr 1965 endlich enden kann?

Um diese und andere Fragen geht es bei den von Amnesty International organisierten Veranstaltungen auf der Buchmesse.

Weitere Information zum Massenmord in Indonesien vor 50 Jahren finden Sie im Amnesty-Journal-Artikel "The Look of Silence"

Weitere Informationen zur Todesstrafe in Indonesien finden Sie hier.

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