Aktuell Griechenland 25. April 2013

Flüchtlinge in Griechenland: "Warum schicken sie uns nicht zurück in den Tod?"

12. April 2013 - Naomi Westland, Pressesprecherin der britischen Amnesty-Sektion, hat Amnesty-Mitarbeiter in Griechenland begleitet, um den beschwerlichen Weg nach Europa für Migranten und Asylbewerber zu ermitteln.

Mytilini, die leicht verwahrloste Hafenstadt an der Ostküste der griechischen Insel Lesbos, hat schon einen rustikalen Charme. Jedoch versteckt sich hinter dem romantischen Flair der verwinkelten Gassen, Hausruinen und belebten Promenaden-Cafés am Rande der Ägäis eine wahre Schreckensgeschichte.

Im ersten Stock der Polizeiwache hinter einer mehrfach verriegelten Tür in lichtlosen und unreinen Zellen befinden sich Migranten und Flüchtlinge, die nach Europa kamen in der Hoffnung, einen Zufluchtsort zu finden, oder um ein neues Leben ohne Armut und Hunger aufzubauen. Die Situation in Griechenland sieht jedoch in der Realität ganz anders aus.

"In der Türkei sagte man mir, dass ich in Griechenland ein freier Mensch sein würde und in der Lage zu tun, was mir gefällt. Aber als ich hier ankam, wurde ich ins Gefängnis gesteckt." erzählt Ahmed, ein junger syrischer Flüchtling, den Amnesty-Mitarbeitern Giorgos Kosmopoulos und Irem Arf. Er ist einer der Tausende, die in der Hoffnung auf Frieden und Sicherheit jedes Jahr die Einreise nach Europa über Griechenland wagen. Eine große Anzahl der Asylsuchenden, die auf Inseln wie Lesbos und Chios per Boot ankommt, flüchtet vor den Konflikten in Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Somalia.

"Keiner weiß genau welche Anzahl von Asylsuchenden tatsächlich den lebensgefährlichen Weg von der Türkei nach Griechenland über das Meer einschlägt," sagt Irem. "Aber Berichte der Polizei zeigen auf, dass seit der Errichtung des Grenzzauns in der Evros-Region im letzten Jahr bedeutend mehr Flüchtlinge den Seeweg gewählt haben. Diese Personen fliehen vor Krieg und Armut und nehmen immer größere Risiken auf sich, um nach Europa zu gelangen. Da die Reiserouten immer gefährlicher werden, verlieren viele unterwegs ihr Leben."

Im letzten Monat ertranken sechs Syrer, als ihr Boot in Schwierigkeiten geriet. Unter ihnen war eine 17-jährige schwangere Frau mit ihrem jungen Kind. Im Dezember letzten Jahres kenterte ein Boot in Küstennähe bei Mytilini und 27 Personen ertranken bei dem Vorfall. Allein ein 16-jähriger Junge überlebte.

Nur eine kleine Anzahl der Migranten kommt sicher in Griechenland an, wo sie von den Behörden auf besorgniserregende Art und Weise behandelt werden. "Sie werden in viel zu kleinen und nicht menschenwürdigen Zellen festgehalten, sagt Efi Latsoudi, Koordinatorin bei Médecins du Monde, eine Ärzte-NGO, die seit kurzem auch auf Lesbos vertreten ist. "Viele haben gesundheitliche Probleme, die nicht behandelt und durch die unzulänglichen Haftbedingungen verschlimmert werden. Schwangere Frauen, Minderjährige und Personen mit Herzerkrankungen werden hier alle inhaftiert. Es gibt auch viele Personen mit schwerwiegenden psychologischen Problemen. Menschen sollten generell nicht gezwungen sein, unter solchen Bedingungen zu leben."

Hinter den Gitterstäben der Zellen ist den Gefangenen die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Sie haben Angst, und es fällt ihnen schwer zu verstehen, warum das Asyl, das sie sich von ihrer Reise erhofften, ihnen vorenthalten bleibt. Die meisten erzählen vergleichbare Geschichten von der nächtlichen Überquerung der Ägäis. Eine Frau erzählt uns, wie sie ins Wasser fiel und rapide vom Boot wegtrieb. Sie kann nicht schwimmen und wurde von einem anderen Flüchtling unter Einsatz seines Lebens gerettet. Sie ist ihm so dankbar, dass sie ihn nun zu ihrer Familie zählt.

Diese Woche erlebten wir, wie neue Ankömmlinge – verängstigt, erschöpft und hungrig – in einen Minibus verfrachtet und dort gefangen gehalten wurden, während man ihre Daten aufnahm. Der Bus ist unter den Migranten auf der Insel gut bekannt; andere berichten wie sie tagelang in diesem Bus festgehalten wurden und ihn nur verlassen durften, um die Toilette zu benutzen. Manche berichten uns, dass sie nicht genug zu Essen bekommen, und alle äußern ihre große Enttäuschung über das versagende System. Die meisten sind den Tränen nah, während sie ihre Geschichten mit uns teilen. Jedoch sind alle den spontanen Helfern aus der Zivilbevölkerung sehr dankbar, da von ihnen die einzige Initiative ausgeht, die Flüchtlinge mit Nahrung und Unterkunft zu versorgen.

Für die Flüchtlinge in den kerkerähnlichen Zellen ist nichts zu tun außer zu warten, bis die Behörden sie entlassen und ihnen eine Aufforderung ausstellen, das Land binnen 30 Tagen zu verlassen. Die meisten nutzen dann diese Gelegenheit, nach Athen weiterzureisen, wo sie sich Erfolg für ihren Asylantrag erhoffen.

Als wir Ahmed fragen, wie es ihm ergangen ist, seitdem er in Griechenland angekommen ist, versagt ihm die Stimme. Er presst lediglich die Hand auf seine Brust – eine Geste, die bezeugt, dass die Flüchtlinge unentwegt erdrückenden Belastungen ausgesetzt sind, und seine Auge füllen sich erneut mit Tränen. Er atmet tief ein und sagt: "Wieso schicken sie mich nicht zurück nach Syrien, um dort zu sterben? Es wäre bestimmt besser als hier."

Im zweiten Teil dieses Blogs beschreiben wir die Lage in Athen.

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