Griechenland: Flüchtlinge leben in Athen am Rande der Gesellschaft
16. April 2013 -Naomi Westland, Pressesprecherin der britischen Amnesty-Sektion, hat Amnesty-Mitarbeiter in Griechenland begleitet, um den beschwerlichen Weg nach Europa für Migranten und Asylbewerber zu ermitteln.
Nachdem wir mit der erschreckende Situation auf Lesbos konfrontiert waren, machten wir uns auf den Weg nach Athen, die Stadt, in der sich Migranten und Flüchtlinge eine bessere Zukunft und akzeptable Lebensbedingungen erhoffen. Die Situation ist dort jedoch keinesfalls besser.
"Wir kamen her, um unsere Kinder in Sicherheit zu bringen. Wir haben uns jedoch geirrt", erzählt Amirah, eine syrische Asylsuchende, die den lebensgefährlichen Weg von der Türkei auf die griechische Insel Samos wählte und nun in Athen lebt. "Wir haben wegen der Rassisten Angst, vor die Tür zu gehen und müssen uns stets vor der Polizei fürchten, da sie uns einfach verhaften könnte."
Die Rassisten von denen sie spricht sind Mitglieder rechtsextremer Parteien, wie "Goldene Morgenröte", deren Anhängerzahlen in Zeiten der Staatsschuldenkrise in die Höhe schnellen. Die Anzeichen dieser Krise sind in Athen allgegenwärtig: die Selbstmord- und Arbeitslosenquoten steigen unentwegt, und die Obdachlosigkeit verbreitet sich.
"Es sind schwere Zeiten für die Griechen", sagt Giorgos Kosmopoulos, der aus Athen stammende Kampagnenkoordinator des EU-Teams bei Amnesty International. "Aber in Zeiten wie diesen, ist es sehr wichtig, dass die Solidarität zueinander und die Menschenrechte nicht auf der Strecke bleiben."
Amirahs Ängste sind in der Tat gerechtfertigt. Übergriffe an Personen mit Migrationshintergrund geschehen immer öfter, und viele erleiden schwere Verletzungen. Im Januar wurde ein junger Pakistaner in der Hauptstadt erstochen. Mustafa, ein Flüchtling aus Somalia, erlitt im Jahr nach seiner Ankunft schon zwei Angriffe. "Das erste Mal waren es sechs junge Männer. Sie schrien 'Mavro, Mavro,' was 'Schwarz, Schwarz' bedeutet und griffen mich von hinten an. Als ich die Hand hob, um mich zu schützen, brachen sie mir das Handgelenk mit einem schweren Stock. Ich fiel auf den Boden, und sie traten mich. Als ich die Polizei rief, fragten sie mich, ob ich Papiere hätte. Bei meiner Verneinung sagten sie mir, dass sie mir nicht helfen könnten", erzählt Mustafa.
Während des zweiten Übergriffs wurde er niedergestochen und geschlagen, bevor er sich in Sicherheit bringen konnte. Wieder bekam er keinen Beistand von der Polizei. Beide Übergriffe geschahen am Tag, an zentralen Orten, während Passanten einfach zusahen, ohne etwas zu unternehmen. Mustafa möchte trotzdem in Griechenland bleiben, er hat dort Freunde gefunden, und ihm gefallen die Kultur und Geschichte des Landes.
Oft werden Migranten und Asylbewerber, wie Mustafa, während gezielter Polizei-Aktionen festgenommen. Diejenigen, die noch keinen Asylantrag stellen konnten, werden in den Haftanstalten der Hauptstadt inhaftiert, in denen laut Aussagen der Asylsuchenden mittelalterliche Bedingungen herrschen. Viele der Personen, die wir ansprachen, haben Monate oder bis zu einem Jahr dort verbracht. Es bleibt ihnen auch oft nach ihrer Freilassung, wegen der Unzugänglichkeit des Systems verwehrt, einen Asylantrag zu stellen.
An einem Freitagabend um Mitternacht, fahren wir in einen westlichen Außenbezirk der Stadt, um mit Flüchtlingen zu reden, die sich bemühen, einen Asylantrag zu stellen. Wir fahren durch menschenleere, düstere Straßen, kommen zu einem nicht gekennzeichneten Gebäudekomplex, passieren einen Kontrollpunkt der Polizei, und – aus dem Nichts – vor dem Rest der Welt versteckt, treffen wir auf Hunderte von Personen, aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, der Demokratischen Republik Kongo.
Sie warten alle an einem Zaun in einer Schlange. Die Gegend ist schlecht beleuchtet und es riecht stark nach Urin. Manche von ihnen warten schon tagelang und haben Pappkartons mitgebracht, auf denen sie schlafen in der Hoffnung, einen besseren Platz in der Schlange zu ergattern. Eine Stunde später erscheint ein Polizeibeamter und sucht 20 Personen aus, die ihren Asylantrag stellen dürfen. Der Rest muss den langen Rückweg in die Innenstadt antreten und es die darauffolgende Woche noch einmal versuchen.
Auf dem langen Weg drohen ihnen rassistisch motivierte Angriffe. Ein Mann erzählt uns, dass sie versuchen, den Weg zu zweit oder zu dritt anzutreten, um sich gegenseitig zu beschützen. Manche geben dieses aussichtslose Unternehmen nach vielzähligen wöchentlichen Versuchen auf.
Die Stimmung in der Schlange ist geladen. Als wir uns vorsichtig nähern und erklären, wer wir sind, nähern sich zögernd einige Personen, um uns ihre Geschichte zu erzählen. Kurz darauf werden wir umringt, während immer mehr ihre Erfahrungen mit uns teilen wollen. Man erzählt von rassistisch motivierter Gewalt, ununterbrochener Belästigung durch die Polizei und überlange Haftstrafen.
Von diesen Menschen geht ein starkes Gefühl der Entmutigung und der Hoffnungslosigkeit aus. Wir versprechen ihnen, über ihre Erfahrung zu berichten und die griechische Regierung sowie die EU aufzufordern, schnellstmöglich diese unausstehliche Situation zu beheben.
Während der Rückfahrt schaut Giorgos aus dem Fenster, in die Stadt, in der er aufwuchs, und sagt: "Es bekümmert mich sehr mitzuerleben, was hier passiert. Diese Personen werden misshandelt, obwohl sie nichts Unrechtes getan haben, sie wollen doch auch nur das, was der Rest von uns als selbstverständlich ansieht."