Aktuell Bulgarien 21. November 2013

An den Grenzen Europas - Keine herzliche Begrüßung für Flüchtlinge in Bulgarien

Ein Flüchtlingscamp nahe der türkischen Grenze in Harmanli

Ein Flüchtlingscamp nahe der türkischen Grenze in Harmanli

Bericht von Barbora Černušáková, EU-Team-Researcher, und Giorgos Kosmopoulos, EU-Team

14. November 2013 - Vor über einer Woche erreichten wir die Ostgrenze der Europäischen Union, Bulgarien. Wir erhielten seit August erschreckende Nachrichten und Hilferufe von Flüchtlingen, Asylsuchenden und Migranten, die versuchten, das Land zu erreichen.

Mehr als 10.000 Menschen sind in diesem Jahr bereits nach Bulgarien eingereist, ein bedeutender Anstieg gegenüber 2012.

Unser erstes Reiseziel war Busmantsi, eine kalte und überfüllte Haftanstalt am Stadtrand von Sofia. Dort wird hunderten von Männern, Frauen und Kindern – sogar unbegleiteten Minderjährigen – oft unnötigerweise ihre Freiheit entzogen.

Der nächste Halt war die Stadt Elhovo an der türkisch-bulgarischen Grenze. Diese kleine Stadt hat zwei Haftanstalten.

In einem von der Grenzpolizei Elvoho betriebenen Polizeigewahrsam fanden wir hunderte neu angekommene Flüchtlinge und mussten miterleben, wie sie von der EU „begrüßt“ werden. Dutzende Familien werden hier mit Kindern und Babys in einer provisorischen Aufnahmeeinrichtung – einem Basketballplatz – untergebracht. Sie übernachten im Freien unter elenden Bedingungen. Es mangelt an Gütern des täglichen Bedarfs.

„Menschen schlagen sich hier um eine dreckige Decke“ sagt M. aus dem Iran und fügt hinzu: „Wir wissen nicht, was mit uns passieren wird.“

Mamdoa, ein anderer Mann aus der Haftanstalt, war gerade in seinem zweiten Universitätsjahr, als der Krieg in Syrien ausbrach. Er musste letztlich sein Land verlassen und machte sich auf den Weg durch die Türkei. Nachdem er die bulgarische Grenze überquert hatte, beantragte er Asyl in Elvoho.

Einige Tage später trafen wir Mamdoa in einem Flüchtlingslager in Harmanli wieder. Offiziell wird dieses Lager „Aufnahmeeinrichtung“ genannt. In Wirklichkeit ist es ein ehemaliger Militärkomplex. Hinter einem bewachten schweren Eisentor, auf dem ein Löwensymbol angebracht ist, befinden sich reihenweise rote und weiße Container, in denen jeweils bis zu zwei Familien untergebracht werden. Als wir tiefer ins Camp liefen, begann sich die Luft mit Rauch zu füllen. Wir waren erstaunt, als wir dutzende grüne Armeezelte sahen, in denen Männer, Frauen, Familien mit Kindern und sogar Babys untergebracht waren. Uns fiel auf, dass die Menschen Holz, das sie von nahe gelegenen Bäumen sammeln, verbrennen müssen, um sich warm zu halten und zu kochen. Abgesehen von Brot und Zucker können sich viele nur Kartoffeln leisten.

In einem der Zelte trafen wir Malalai, ein junges Mädchen aus Afghanistan. Sie ist Linguistin von Beruf und spricht selbstbewusst in gutem Englisch. Neben ihr saß ihr Vater, der 25 Jahre lang versuchte, ihr Heimatland zu einem sichereren Ort zu machen. Er arbeitete als Minenräumer in afghanischen Minenfeldern, bis die Taliban ihn zwingen wollten, für sie zu arbeiten. Zur selben Zeit bestand ein Taliban-Kämpfer darauf, Malalai zu heiraten. Als Malalai und ihr Vater sich weigerten, zogen sie aufgrund von Todesdrohungen mehrere Male zwangsweise um. Schließlich mussten sie aus Afghanistan flüchten.

„Wir waren stolz darauf, für unser Land zu arbeiten“, sagte Malalai, die jetzt in Bulgariens unzulänglichem Asylsystem gefangen ist. „Was sind Menschenrechte? Ich lernte, dass Menschenrechte Respekt bedeuten, aber hier drinnen denke ich, dass das alles eine Lüge ist. Hier ist kein Ohr, das hört, kein Verstand, der versteht und kein Herz, das fühlt.“

Wir beobachteten das Elend, das die Menschen in Harmanli ertragen müssen. Das Camp hat nur acht Duschen für 1000 Menschen und die Hygienebedingungen sind entsetzlich. In ihrer finanziellen Not müssen die Menschen für Essen und ihr Auskommen bezahlen. Sie fürchten sich vor dem Winterbeginn.

Harmanli ist die größte von fünf „Aufnahmeeinrichtungen“ für Flüchtlinge in Bulgarien. Die Regierung hat eilig einige diese maroden Einrichtungen wieder in Benutzung genommen, nachdem sie Jahre lang leer standen.

Gestern Morgen trafen wir den stellvertretenden Innenminister Plamen Angelov, der die gravierenden Missstände einräumte und ihre Bemühungen als einen Wettlauf gegen die Zeit beschrieb. Ob unvorbereitet oder ungewollt, die Behörden haben alle Zeichen viel zu lange ignoriert. Die Politiker, einschließlich der Regierungsminister, haben zu der aktuellen fremdenfeindlichen Rhetorik im Land beigetragen.

Allein in der letzten Woche wurden drei Menschen, die für Migranten gehalten wurden, von Rechtsextremen angegriffen. Einer von ihnen endete im Koma.

Wir haben gerade einen Flüchtling angerufen, den wir vor ein paar Tagen trafen, um ihn den Aufenthaltsort seiner Freunde wissen zu lassen und dass es ihnen gut geht. Er hörte sich glücklich an. „Alles ist gut“, sagte er, „alles ist gut.“

Wir können nicht anders als uns zu fragen: Ist es das wirklich?

Den englischen Originaltext finden Sie hier.

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