USA: Erschreckend hohe Müttersterblichkeitsrate
Müttersterblichkeit in den USA: Vor allem Frauen, die Minderheiten angehören, sind betroffen
© Amnesty International
1. April 2010 - Amnesty International ruft US-Präsident Barack Obama auf, mehr gegen die steigende Zahl von Todesfällen aufgrund von Mutterschaft und Schwangerschaftskomplikationen zu unternehmen. In den USA sind vor allem jene Frauen davon betroffen, die Minderheiten angehören oder in Armut leben.
Amnesty-Bericht: Täglich zwei bis drei Todesfälle
Im Bericht "Deadly Delivery: The Maternal Health Care Crisis in the USA" vom 12. März 2010 fordert Amnesty International von den USA Maßnahmen gegen eine Krise, die täglich zwei bis drei Frauen in den Vereinigten Staaten das Leben kostet: Eine steigende Zahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt.
Insgesamt leiden in den USA jährlich 1,7 Millionen Frauen, ein Drittel aller Schwangeren, an Schwangerschaftskomplikationen. Im Bericht zeigt Amnesty International, dass die Anzahl von Schwangerschaftskomplikationen, die tödlich enden können, rasant zunimmt – seit 1998 ist sie um 25 Prozent gestiegen.
Betroffen sind vor allem Frauen, die Minderheiten angehören; Frauen, die in Armut leben; indigene Frauen sowie Migrantinnen und andere, die schlecht oder gar nicht Englisch sprechen.
"Der offenkundig wenig methodische Umgang der USA mit Fragen der Gesundheitsversorgung für Mütter ist umso skandalöser und unwürdiger, als die USA beim medizinischem Fortschritt insgesamt eine hervorragende Leistungsbilanz aufweisen", stellt Larry Cox, der Direktor der US-amerikanischen Amnesty-Sektion, fest. "Eine Gesundheitsversorgung für Mütter, die diesen Namen verdient, darf aber nicht als Luxusprogramm betrachtet werden, das denen vorbehalten bleibt, die zu den besten Kliniken und den qualifiziertesten Ärztinnen und Ärzten Zugang haben. Im reichsten Land der Welt sollten Frauen nicht an Komplikationen und Notfällen sterben, die vermeidbar wären."
Tendenz steigend
Beim Risiko der Frauen, im Laufe des Lebens an Komplikationen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Mutterschaft und Geburt zu sterben, stehen die USA heute weltweit an 41. Stelle, hinter fast allen Industrieländern. Es ist der Regierung nicht gelungen, die seit 20 Jahren steigende Tendenz umzukehren, obwohl sie sich dazu wiederholt verpflichtet hat.
"Wenn die Mütter in diesem Land sterben, dann nicht weil die USA unfähig wären, eine angemessene Gesundheitsdienstleistungen zur Verfügung zu stellen, sondern weil es am politischen Willen fehlt, allen Frauen Zugang zu diesen Leistungen zu verschaffen", erläutert Larry Cox.
Gesundheitsreform genügt nicht
Die Analyse von Amnesty International zeigt ferner auf, dass die aktuelle Gesundheitsreform den Problemen nicht Rechnung trägt.
"Die Reform bezieht sich in erster Linie auf die Deckung der Krankheitskosten und die Kostenreduktion im Gesundheitswesen. Selbst die optimistischsten Voraussagen gehen davon aus, dass auch nach der aktuellen Reform Millionen von Menschen vom Zugang zu erschwinglichen Gesundheitsdienstleistungen ausgeschlossen sein werden", sagte Rachel Ward, eine der Autorinnen des Berichts.
"Die Reform richtet sich außerdem weder gegen die Diskriminierung, die Amnesty in dem Bericht thematisiert, noch gegen die Systemfehler oder die fehlende Verpflichtung der Regierung, Rechenschaft abzulegen."
US-Regierung muss schnell handeln!
Angesichts der zahlreichen Probleme, die der Bericht kritisiert, ist rasches und umfassendes Handeln auf nationaler Ebene geboten:
-
Obwohl die USA das weltweit höchste Gesundheitsbudget haben und jährlich nicht weniger als 62 Milliarden Euro in Krankenhauskosten für Schwangerschaftsversorgung und Geburt fließen, mehr als in alle anderen Arten von Krankenhauspflege, ist der Weg zur allgemeinen Gesundheitsversorgung mit Hindernissen gepflastert.
-
Mehr als 13 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 44 Jahre), das ist eine von fünf Frauen, haben keinerlei Krankenversicherung. Etwas weniger als ein Drittel aller Frauen in den USA (32 Prozent) gehören Minderheiten an, ihr Anteil an den nicht versicherten Frauen ist aber mehr als die Hälfte (51 Prozent).
-
Eine von vier US-Amerikanerinnen erhält keine angemessene vorgeburtliche Pflege ab dem ersten Drittel der Schwangerschaft. Bei Frauen afroamerikanischer Herkunft und indigenen Frauen erhöht sich dieser Anteil auf eine von drei Frauen.
-
Die komplizierten Verwaltungsverfahren, die erforderlich sind, um in den Genuss von Medicaid zu kommen - einem Programm, das einkommensschwachen Menschen zu einer Krankenkasse verhelfen soll – verzögern den Zugang zu vorgeburtlicher Pflege für Schwangere, die von staatlichen Leistungen profitieren möchten, ganz erheblich.
-
Der Mangel an qualifiziertem Gesundheitspersonal verhindert eine rasche medizinische Versorgung, namentlich auf dem Land und in benachteiligten Stadtteilen. Im Jahr 2008 lebten 64 Millionen Menschen in Gebieten ohne hinreichende Grundgesundheitsversorgung (wozu auch die Versorgung von Schwangeren gehört).
-
Viele Frauen können nicht mitentscheiden, wenn es um ihre eigene Gesundheit geht oder um die Risiken einer künstlich ausgelösten Geburt oder eines Kaiserschnitts. In den USA werden rund ein Drittel der Geburten per Kaiserschnitt durchgeführt – zweimal mehr als die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt.
- Die Zahl der Todesfälle aufgrund von Schwangerschaftskomplikationen und Mutterschaft wird weit unterschätzt, da die USA über kein taugliches Datenerhebungsprogramm dazu verfügen.
Amnesty International fordert die amerikanischen Behörden auf, die bestehenden nationalen Antidiskriminierungsgesetze rigoros in die Tat umzusetzen und auf Bundesebene die Finanzierung von qualifizierten Pflegezentren bis ins Jahr 2011 verstärken, damit mehr Frauen von erschwinglichen Gesundheitsdienstleistungen profitieren können.
Jetzt mitmachen: Online-Aktion
Beteiligen Sie sich an der Online-Aktion gegen Müttersterblichkeit in den USA – fordern Sie den amerikanischen Gesundheitsminister auf, dafür zu sorgen, dass alle Frauen Zugang zu qualitativ guter Gesundheitsversorgung haben! Die Unterschriften werden am 6. Mai 2010 in Washington übergeben.
Zur Online-Aktion auf der Webseite von Amnesty International USA
Jede Minute stirbt irgendwo auf der Welt eine Frau in der Schwangerschaft, bei der Geburt oder im Kindbett. Amnesty fordert: Mutter werden. Ohne zu sterben. Besuchen Sie unsere Kampagnenseite und machen Sie mit bei unseren Aktionen gegen die Müttersterblichkeit!
Mutter werden. Ohne zu sterben.
Lesen Sie den Amnesty-Bericht
Der vollständige Bericht "Deadly Delivery: The Maternal Health Care Crisis in the USA" ist online verfügbar und kann unter folgendem Link heruntergelanden werden: