Aktuell Österreich 06. Mai 2009

"Probleme werden ethnisiert"

Interview mit Barbara Liegl, Geschäftsführerin von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit)

Von Michaela Klement

Was kennzeichnet Rassismus?

Rassismus ist ganz klar eine sachlich ungerechtfertigte Ungleichbehandlung aufgrund der Hautfarbe, der ethnischen Herkunft, der Staatsangehörigkeit oder der Sprache. Es ist übrigens egal, ob die Person, die diskriminiert, das absichtlich macht oder nicht; das, was zählt, ist, wie es beim Visavis ankommt. Ein wesentliches Problem ist, dass es auf gesetzlicher Ebene keine Definition gibt, was Rassismus ist. Es ist auch nicht festgeschrieben, was ethnische Herkunft, Zugehörigkeit oder Religionszugehörigkeit bedeutet, was den Gerichten einen größeren Interpretationsspielraum lässt.

Ist Rassismus ein speziell österreichisches Problem?

Gesellschaften sind überall rassistisch. Es gibt allerdings Länder wie England, wo seit den 70er-Jahren rassistische Vorfälle genau dokumentiert und gemeldet werden. In Österreich ist das nicht der Fall. Das bedeutet allerdings nur, dass das Datensammlungssystem in England besser als in Österreich ist, und sagt nichts über die Häufigkeit rassistischer Vorfälle aus. Es gibt in Österreich weder eine Tradition noch den politischen Willen, sich mit Rassismus zu beschäftigen, in England schon. Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.

ZARA feiert heuer zehnjähriges Bestehen. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Die Fälle sind die gleichen geblieben, sie verändern sich nicht. Was für mich bedeutet, dass sich die zuständigen Stellen der Problematik von Rassismus noch immer nicht bewusst sind und nichts verändern wollen. Generell ist zu sagen, dass wesentlich mehr Leute ZARA kennen und daher auch zu uns kommen, in den letzten Jahren vermehrt Muslime und Musliminnen. Wir haben viele Schwarze, so gut wie nie KlientInnen aus Asien und auch kaum Roma. Je sichtbarer die Gruppen sind, also an der Hautfarbe oder am Kopftuch eindeutig erkennbar, desto mehr sind sie Diskriminierungen ausgesetzt. Am Arbeitsmarkt und auf dem Wohnungsmarkt passieren sehr ähnliche Diskriminierungen, vor allem was das Kopftuch betrifft. Schwarzen wird oft der Zutritt zu bestimmten Lokalen verweigert. Auch Mehrfachdiskriminierungen kommen vor. Wenn man ein Kennzeichen aufweist, ist es sehr wahrscheinlich, dass man mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt ist.

Wie stellen Sie sicher, dass ihre KlientInnen die Wahrheit erzählen?

Unsere oberste Prämisse ist es, die Leute, die zu uns kommen, ernst zu nehmen. Dann sehen wir es als unsere Aufgabe, Betroffene von rassistischen Vorfällen zu begleiten und zu vertreten. Unsere beiden Berater haben jahrelange Erfahrung und können sehr gut abschätzen, ob sie der Person vertrauen können und ob die Geschichte so stimmt, wie sie erzählt wird. Nicht alle KlientInnen wollen allerdings, dass wir aktiv werden, entweder aus Angst um ihren Arbeitsplatz, oder es ist ihnen unangenehm, als Opfer wahrgenommen zu werden. Sie wollen einfach nur, dass ihr Vorfall dokumentiert wird. Für andere wiederum ist eine Entschuldigung maßgeblich: Dann treten wir mit dem Gegenüber in Kontakt und versuchen, dem Visavis die Möglichkeit zu geben, Stellung zu beziehen. Teilweise ist es den "TäterInnen" gar nicht bewusst, dass sie rassistisch agiert haben, und sie entschuldigen sich. Oder aber das Gegenteil tritt ein, dann kommen die Fälle manchmal vor die Gleichbehandlungskommission oder auch vors Gericht, wenn die KlientInnen das wollen.

Cyber - und Nachbarschaftsrassismus. Ist das für ZARA ein Thema?

Nachbarschaftskonflikte haben wir relativ häufig. Da werden sehr schnell Probleme ethnisiert. Wenn es wo laut ist, ist es deshalb laut, weil es Türken sind. Wenn wer den Müll nicht wegräumt, ist es der "schmutzige" Serbe. Ganz normale Probleme im täglichen Miteinander werden sofort auf die ethnische Zugehörigkeit geschoben. Bei diesen Fällen ist es meistens sehr schwierig zu agieren, da wenig Einsicht vorhanden ist.
Was Cyberrassismus betrifft, so bietet das Internet einfach eine ideale Plattform für solche Zwecke: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und wähnen sich in Sicherheit. ZARA ist Mitglied beim International Network against Cyber Hate (INACH): Wenn wir Websites finden, wo die Server nicht in Österreich stehen und wir deshalb keine rechtliche Handhabe haben, leiten wir das an unsere Partnerorganisationen weiter. Gerade in diesem Bereich ist eine internationale Kooperation sehr wichtig. Aber auch bei Cyberhate ist zu sagen: Der nicht vorhandene politische Wille, etwas gegen Rassismus zu unternehmen – egal ob im Internet oder im öffentlichen Raum –, hat Auswirkungen darauf, wie Menschen handeln und was in der Öffentlichkeit möglich ist. Das hat sich eindeutig in den letzten zehn Jahren verschlechtert, da gab es früher wesentlich mehr Schranken.

Wie viele Menschen wenden sich pro Woche an ZARA? Gibt es Hochphasen?

Das lässt sich so einfach nicht beantworten. Hochphasen gibt es, absolut. Im Moment haben wir gerade so eine. Sicher ist, wenn wir medial präsent sind, haben wir sowohl mehr Hass- und Drohmails, aber auch mehr KlientInnen.

Bedrohungen welcher Art?

Wir bekommen Mails und Anrufe, in denen wir beschimpft werden und in denen uns nahe gelegt wird, mit unserer Arbeit aufzuhören, weil wir Österreich schaden. Und ich muss sagen, manche Postings über ZARA empfinde ich als ziemlich bedrohlich. Wir polarisieren einfach.

Vielen Dank für das Gespräch.

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