Studentin in Haft
Am 1. Juli 2009 wurde die 24-jährige französische Studentin Clotilde Reiss am Teheraner Flughafen festgenommen. Sie war auf dem Rückweg nach Frankreich. Ihr wird Spionage vorgeworfen, da sie während einer Demonstration im Juni Fotos gemacht und sie einem Freund per E-Mail geschickt hat. Clotilde Reiss ist allem Anschein nach eine gewaltlose politische Gefangene, die allein deswegen festgehalten wird, weil sie von ihrem Recht Gebrauch gemacht hat, Informationen und Meinungen zu erhalten und weiterzugeben.
Appell an
RELIGIONSFÜHRER
Ayatollah Sayed 'Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street, End of Shahid Keshvar Doust Street, Tehran, IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: info_leader@leader.ir oder über die Website:
http://www.leader.ir/langs/en/index.php?p=letter (Englisch) oder
http://www.leader.ir/langs/fa/index.php?p=letter (Persisch)
OBERSTE JUSTIZAUTORITÄT
Ayatollah Mahmoud Hashemi Shahroudi
Howzeh Riyasat-e Qoveh Qazaiyeh
(Office of the Head of the Judiciary)
Pasteur St., Vali Asr Ave., south of Serah-e Jomhouri
Tehran 1316814737, IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: shahroudi@dadgostary-tehran.ir (Betreff: FAO Ayatollah Shahroudi)
Sende eine Kopie an
GEHEIMDIENSTMINISTER
His Excellency Gholam Hossein Mohseni Ejeie
Ministry of Information
Second Negarestan Street
Pasdaran Avenue
Tehran, IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
BOTSCHAFT DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN
S.E. Herrn Alireza Sheikh Attar
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin
Fax: 030-8435 3535
E-Mail: iran.botschaft@t-online.de
Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Persisch, Arabisch, Französisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 26. August 2009 keine Appelle mehr zu verschicken.
PLEASE SEND APPEALS TO ARRIVE AS QUICKLY AS POSSIBLE, PERSIAN, ARABIC, FRENCH, ENGLISH OR OWN LANGUAGE:
-
calling on the Iranian authorities to immediately and unconditionally release Clotilde Reiss, as she is believed to be a prisoner of conscience detained solely for peacefully exercising her right to receive and impart information and ideas;
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urging the Iranian authorities to allow Clotilde Reiss immediate access to consular assistance, a lawyer of her choice and to any medical treatment she may require, and that she be protected from all forms of torture or ill-treatment;
- urging the authorities to stop unlawfully restricting exercise of the rights to freedom of association, assembly and expression, including the right to receive and impart information and ideas.
Amnesty fordert:
SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE, IN DENEN SIE
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die Behörden auffordern, Clotilde Reiss sofort und bedingungslos freizulassen, da sie als gewaltlose politische Gefangene anzusehen ist, die allein wegen der friedlichen Wahrnehmung ihres Rechts Informationen und Meinungen zu erhalten und weiterzugeben festgehalten wird;
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fordern, dass sie unverzüglich Zugang zu der französischen Botschaft, einer rechtlichen Vertretung ihrer Wahl, und jeglicher nötiger medizinischer Versorgung erhält, und dass sie vor jeglicher Form von Folter oder Missbrauch geschützt wird;
- die Behörden auffordern, die unrechtmäßige Einschränkung der Rechte auf Vereinigungs-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit sowie Informationen und Meinungen zu erhalten und weiterzugeben sofort einzustellen.
Sachlage
Die Politikstudentin Clotilde Reiss aus Lille hielt sich im Rahmen eines Studienstipendiums im Iran auf. Nachdem sie fünf Monate als Hilfslehrerin an der Esfahan-Universität in Zentraliran gearbeitet hatte, wollte sie über den Libanon nach Hause zurückkehren. Sie wird im Evin-Gefängnis in Teheran festgehalten. Ihr wurde gestattet einen französischen Diplomaten anzurufen, dem sie mitteilte, dass sie täglich verhört aber nicht misshandelt würde. Ihr steht bisher kein Rechtsbeistand zur Verfügung.
Im Juni 2009 hatte Clotilde Reiss bei ihrer Teilnahme an einer Demonstration gegen die umstrittene Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad Fotos gemacht. Diese Fotos schickte sie anschließend per E-Mail an einen Freund in Teheran.
Hintergrundinformation
Seit der Bekanntgabe des Wahlsiegs von Präsident Ahmadinejad am 13. Juni, den hunderttausende IranerInnen anzweifeln, haben die iranischen Behörden die Meinungs-, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit drakonisch eingeschränkt. Sicherheitskräfte, unter ihnen auch die paramilitärische Basij-Miliz, kamen verstärkt in den Straßen zum Einsatz, und Kommunikationsmöglichkeiten wurden erheblich eingeschränkt. Seit Bekanntgabe des Wahlergebnisses ist es den iranischen Medien untersagt, Informationen über die im ganzen Land schwelenden Unruhen zu veröffentlichen. Ausländische JournalistInnen wurden von den Straßen verbannt, ihre Visa nicht verlängert, und einige wurden festgenommen oder des Landes verwiesen.
Laut offiziellen Angaben, die Amnesty International zugegangen sind, wurden seit dem 12. Juni 2009 im ganzen Land über 2000 Personen von der Polizei oder den Basij-Milizen während Demonstrationen oder im Anschluss an Proteste festgenommen. Unter ihnen befinden sich auch bekannte politische Persönlichkeiten, die entweder dem Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi und Mehdi Karroubi oder dem ehemaligen Präsidenten Khatami, der die Kandidatur von Mir Hossein Mussawi unterstützte, nahe stehen. Auch MenschenrechtlerInnen und JournalistInnen wurden festgenommen. Am 16. Juni wurde der Menschenrechtler und Anwalt Abdolfattah Soltani festgenommen und inhaftiert (siehe UA-160/2009, 19. Juni 2009). Den Journalisten Issa Saharkhiz nahm man am 4. Juli fest. Sein Aufenthaltsort ist nicht bekannt (siehe UA-181/2009, 6. Juli 2009).
Am 24. Juni 2009 wurden 70 AkademikerInnen festgenommen, als sie ein Treffen mit Mir Hossein Mousavi in seinem Büro verließen. Bis auf vier wurden alle später wieder freigelassen. Unter den nach wie vor Inhaftierten befinden sich Dr. Ghorban Behzadian, der Wahlkampfleiter von Mir Hossein Mousavi, und Ardeshir Amir Arjomand, ein Jura-Professor an der Universität Shahid Beheshti. Hunderte weitere Personen sind während der Demonstrationen gegen das Wahlergebnis, denen die Sicherheitskräfte mit exzessiver Gewaltanwendung begegneten, festgenommen worden. Viele wurden geschlagen und nach Behördenangaben wurden 21 getötet. Die tatsächliche Zahl der Getöteten liegt aber wahrscheinlich höher.
Seit der Präsidentschaftswahl 2005 hat der iranische Geheimdienst den Druck auf JournalistInnen, AkademikerInnen und MenschenrechtsverteidigerInnen erhöht. In ihrem Visier sind auch Personen, denen Verbindungen ins Ausland nachgesagt werden, oder die verdächtigt werden, an Initiativen zum Aufbau der iranischen Zivilgesellschaft beteiligt zu sein. Personen mit Kontakten in den USA stehen besonders unter Beobachtung. Die Regierung hat wiederholt die USA beschuldigt, sie würden eine "samtene Revolution" im Iran planen. Am 19. Januar 2009 gab ein Vertreter des Geheimdienstministeriums im Zusammenhang mit der Inhaftierung zweier Ärzte (siehe UA-216/2008, 6. August 2008) an, dass der Iran Pläne für eine "samtene Revolution" gegen die Regierung aufgedeckt habe. Am 31. Januar wurde die Journalistin Roxana Saberi festgenommen und in das Evin-Gefängnis gebracht. Sie kam am 11. Mai 2009 wieder frei (siehe UA 77/2009, 16. März 2009).
Der Iran ist Vertragsstaat des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte (IPBPR), dessen Artikel 19 das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert. Darin eingeschlossen ist das Recht, Informationen und Meinungen zu erhalten und weiterzugeben. Dies beinhaltet jegliche Formen von Informationen, ob mündlich, schriftlich oder gedruckt und über die Landesgrenzen hinaus.