Hunderte Festgenommen

Die beiden Iranerinnen, Leily Afshar und Atieh Yousefi, und der Syrer Reza al-Basha gehören zu den Hunderten, die bei den Massenfestnahmen vom 27. und 28. Dezember 2009 während des schiitischen Aschura-Festes festgenommen wurden und seither vermutlich in Haft ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten werden. Allen Festgenommenen drohen Folter und andere Misshandlungen.

Appell an

RELIGIONSFÜHRER
Ayatollah Sayed 'Ali Khamenei
The Office of the Supreme Leader
Islamic Republic Street – End of Shahid Keshvar Doust Street
Tehran, IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: info_leader@leader.ir
oder über die Internetseite:
http://www.leader.ir/langs/en/index.php?p=letter (Englisch)

OBERSTE JUSTIZAUTORITÄT
Ayatollah Sadeqh Larijani
Howzeh Riyasat-e Qoveh Qazaiyeh
(Office of the Head of the Judiciary)
Pasteur St., Vali Asr Ave., south of Serah-e Jomhouri
Tehran, 1316814737
IRAN
(korrekte Anrede: Your Excellency)
E-Mail: über die Internetseite http://www.dadiran.ir/tabid/75/Default.aspx
(Erste Textzeile mit rotem Sternchen: Ihr Vorname. Zweite Textzeile mit Sternchen: Ihr Nachname. Dritte Textzeile mit Sternchen: Ihre E-Mail-Adresse. Appelltext in die große Textbox darunter.)

Sende eine Kopie an

LEITER DER STAATLICHEN MENSCHENRECHTSBEHÖRDE
Mohammad Javad Larijani
Bureau of International Affairs
Office of the Head of the Judiciary
Pasteur St. Vali Asr. Ave., south of Serah-e Jomhouri
Tehran 1316814737
IRAN
(korrekte Anrede: Dear Mr Larijani)
E-Mail: bia.judi@yahoo.com
Fax: (00 98) 21 5 537 8827

BOTSCHAFT DER ISLAMISCHEN REPUBLIK IRAN
S.E. Herrn Alireza Sheikh Attar
Podbielskiallee 65-67
14195 Berlin
E-Mail: iran.botschaft@t-online.de
Fax: 030-8435 3535

Bitte schreiben Sie Ihre Appelle möglichst sofort. Schreiben Sie in gutem Persisch, Arabisch, Englisch oder auf Deutsch. Da Informationen in Urgent Actions schnell an Aktualität verlieren können, bitten wir Sie, nach dem 19. Februar 2010 keine Appelle mehr zu verschicken.

Amnesty fordert:

SCHREIBEN SIE BITTE E-MAILS ODER LUFTPOSTBRIEFE

  • Dringen Sie bei den Behörden darauf, sicherzustellen, dass Leily Afshar, Atieh Yousefi sowie Reza al-Basha und alle anderen Festgenommenen vor Folter und anderen Misshandlungen geschützt werden und ihnen sofortiger Zu-gang zu einer anwaltlichen Vertretung, zu ihrer Familie und eventuell notwendiger medizinischer Versorgung ge-währt wird. Außerdem sollen sie die Möglichkeit bekommen, die Rechtmäßigkeit ihrer Inhaftierung anzufechten, indem sie umgehend einem Richter vorgestellt werden.

  • Appellieren Sie an die iranischen Behörden, Personen, die lediglich aufgrund der friedlichen Teilnahme an De-monstrationen am Aschura-Fest oder danach festgehalten werden, umgehend und bedingungslos freizulassen und gegen diejenigen, die einer Straftat beschuldigt werden, unverzüglich ein faires Gerichtsverfahren einzuleiten und auf die Verhängung der Todesstrafe zu verzichten.

  • Fordern Sie die Behörden auf, zu gewährleisten, dass das Vorgehen bei weiteren Demonstrationen dem internatio-nalen Verhaltenskodex für Beamte mit Polizeibefugnissen entspricht. Dies beinhaltet unter anderem den Gebrauch von Schusswaffen nur dann, wenn er zum Schutz von Menschenleben unvermeidbar ist. Drängen Sie weiter darauf, dass unparteiische Untersuchungen eingeleitet werden, um die Todesfälle aufzuklären.

Sachlage

Die drei wurden im Zuge der im ganzen Land stattfindenden Proteste gegen die Regierung während des religiösen Aschura-Festes festgenommen. Die Demonstrationen wurden gewaltsam unterdrückt. Mindestens sieben Menschen wurden offenbar von Sicherheitskräften bei den Demonstrationen getötet.

Leily Afshar und Reza al-Basha wurden in der iranischen Hauptstadt Teheran festgenommen. Die 29-jährige Fotografin Leily Afshar wurde am Nachmittag des 27. Dezembers, dem Tag des Aschura-Festes, festgenommen. Sie befand sich in der Nähe einer Protestkundgebung gegen die Regierung, als Polizisten in Zivil sie aus ihrem Auto herauszerrten. In einem Telefonat, das man ihr gewährte, berichtete sie ihrer Familie, sie befinde sich in Trakt 209 des Evin-Gefängnisses. Dieser Trakt untersteht dem Geheimdienstministerium.

Der im Iran studierende Syrer Reza al-Basha wurde unabhängig davon am gleichen Tag festgenommen. Er arbeitet neben dem Studium als Berichterstatter für Dubai TV, einem staatlichen Fernsehsender in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Sein Aufenthaltsort ist bislang unbekannt.

Die Frauenrechtlerin Atieh Yousefi wurde in der nördlich gelegenen Stadt Rasht festgenommen, als sie gerade dabei war einem schwer verletzten jungen Mann zu helfen, der von Sicherheitskräften bei einer Demonstration verletzt worden war. Atieh Yousefi wird ohne Anklage im Lakan-Gefängnis in Rasht festgehalten. Ihre Familie durfte sie am 1. Januar besuchen.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Atieh Yousefi unterstützt die Kampagne "Eine Million Unterschriften", auch bekannt als "Kampagne für Gleichbe-rechtigung", eine basisdemokratische Initiative, die sich für Frauenrechte einsetzt. Die Kampagne wurde im August 2006 ins Leben gerufen und zielt darauf ab, eine Million Unterschriften von IranerInnen zu sammeln, um mit dieser Petition das Ende der rechtlichen Diskriminierung von Frauen im Iran zu fordern.

Das Aschura-Fest im islamischen Monat Moharram ist einer der höchsten religiösen Feiertage der Muslime schiitischen Glaubens, die traditionell an diesem Tag durch die Straßen ziehen und dem gewaltsamen Tod des Imams Hossein gedenken, dem Enkel des Propheten Mohammed. Der Festtag fiel 2009 auf den gleichen Tag wie der siebte Trauertag nach dem Tod von Großayatollah Husseinali Montazeri, einem hohen Geistlichen und Regierungskritiker, der in der vorangegangenen Woche gestorben war. Am Tag seiner Beisetzung waren ebenfalls Trauernde festgenommen worden (siehe UA-347/09).

Die Demonstrationen, die dem umstrittenen Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom Juni 2009 folgte, wurden unter exzessiver Gewaltanwendung von Polizeikräften und der paramilitärischen Basij-Miliz unterdrückt. Seitdem fanden an nationalen Gedenktagen immer wieder Proteste statt, denn an diesen Tagen sind öffentliche Kundgebungen erlaubt. Beispiele hierfür waren der Al-Quds Tag am 18. September, der Jahrestag der Besetzung der amerikanischen Botschaft am 4. November und der nationale Studierendentag am 7. Dezember, an denen mehrere hundert Demonstrierende festgenommen worden waren. Viele von ihnen wurden später wieder freigelassen.

Eine große Anzahl der während vorangegangener Demonstrationen festgenommenen Personen wurden gefoltert oder in anderer Weise misshandelt. Mindestens drei Menschen starben an den Folgen der Folter im Kahrizak-Gefängnis in der Nähe von Teheran. Am 19. Dezember 2009 verkündete ein Militärgericht in Teheran, dass 12 Menschen in Verbindung mit den Misshandlungen unter Anklage stehen, von denen drei wegen Mordes angeklagt sind.

Das Vorgehen der Sicherheitskräfte bei den Protesten während und nach dem Aschura-Fest war erneut so brutal wie zu Beginn der Unruhen. Die oppositionelle Internetseite Jaras schätzt die Anzahl der Festnahmen landesweit auf mindestens 1300, mit inbegriffen die von der Regierung bestätigten 600 Festnahmen in Esfahan, 200 Festnahmen in Najafabad und 500 in Teheran. Menschenrechtsgruppen sprechen von mindestens 300 Personen, die sich immer noch im Evin-Gefängnis in Teheran in Gewahrsam befinden. Aus unbestätigten Berichten geht hervor, dass sich andere in einer wiedereröffneten Haftanstalt unter der Kontrolle der Revolutionsgarde im Eshratabad-Komplex in Teherans Stadtmitte befinden könnten. Die iranischen Behörden haben geäußert, dass aufständische Demonstrierende und solche die Gewalttaten wie beispielsweise Brandstiftung verüben, eine Anklage wegen "Feindschaft zu Gott" (moharebeh) zu erwarten hätten, für die die Todesstrafe verhängt werden kann. Berichten zufolge seien fünf Personen, deren Namen nicht bekannt sind, in Verbindung mit den Protestkundgebungen am Aschura-Fest der "Feindschaft zu Gott" angeklagt worden. Ihre Verfahren könnten in Kürze beginnen.

Die Behörden bestätigten zu unterschiedlichen Zeiten zwischen acht und 15 Tote, später wurde die Zahl auf sieben Tote reduziert. Sie dementierten die Vorwürfe, dass Sayed Ali Mussavi, der Neffe des Oppositionsführers Mir Hossein Mussavi von Sicherheitskräften erschossen worden sei und behaupten, er sei in der Nä-he seines Hauses von unbekannten Attentätern in die Brust geschossen worden. Mohsen Makhmalbaf, ein Filmemacher, der Mir Hossein Mussavi nahe stand, sagte am 29. Dezember, dass Sayed Ali Mussavi in der Woche vor seinem Tod mehrere Morddrohungen von bislang nicht identifizierten Sicherheitskräften erhalten hatte. Er sagte weiter, dass fünf Männer Sayed Ali Mussavi in die Brust geschossen hätten, von denen man annimmt, dass sie Polizisten in Zivil waren. Mindestens zwei weitere Todesopfer seien dem Vernehmen nach absichtlich von Fahrzeugen von Sicherheits-kräften überfahren worden, allerdings wiesen die Behörden in diesem Fall erneut jede Verantwortung von sich.

Laut Berichten der Internetseite Jaras, sind seit Beginn der Demonstrationen 180 JournalistInnen, MenschenrechtsverteidigerInnen und Mitglieder oppositioneller Parteien, die dem Oppositionsführer Hossein Mussavi nahe standen, sowie Anhänger des ehemaligen Präsidenten Khatami festgenommen worden. Darunter ist auch Emaddedin Baghi, Gewinner des Martin Ennals Menschenrechtspreises (mehr dazu UA-005/2010).