Amnesty Deutschland 28. Mai 2011

"Ohne Freiheit ist alles nichts"

Gerd Ruge, einer der Mitbegründer der deutschen Amnesty Section

Gerd Ruge gründete zusammen mit der Journalistin Carola Stern und anderen die deutsche Amnesty-Sektion im Jahr 1961.

Gerd Ruge war jahrzehntelang einer der bekanntesten deutschen Auslandskorrespondenten. 1961 war er maßgeblich an der Gründung der deutschen Amnesty-Sektion beteiligt. Im Interview erinnert er sich an die Anfangsjahre in Deutschland.

Im Sommer 1961 gründeten Sie zusammen mit anderen Journalistinnen und Journalisten, Schriftstellerinnen und Schriftstellern die erste Amnesty-Gruppe in Deutschland. Hätten Sie sich träumen lassen, dass aus einer Handvoll Leute in Köln und anderen Städten im Ausland eine weltweit Bewegung mit über drei Millionen Mitgliedern und Unterstützerinnen und Unterstützern wird?
Weiß Gott nicht. In den ersten Monaten waren wir glücklich, wenn wir in Deutschland einige hundert Leute fanden, die mitmachten. Und eben nicht nur Journalisten wie wir, sondern Leute aus sämtlichen Bereichen der Gesellschaft. Und das ist uns auch gelungen. Das war die Basis, auf der sich die Organisation entwickeln konnte. Die Anfänge waren jedoch chaotisch. Wir hatten kein richtiges Büro, noch nicht mal ein Konto. Ein jüdischer Professor aus Berlin, der vor den Nazis geflohen war, schickte uns einen Scheck über 3.000 DM, was damals eine enorm hohe Summe war. Wir wussten gar nicht, was wir damit machen sollten, und konnten das Geld ohne Konto wochenlang nicht abheben. Um die Kasse kümmerte sich der Schriftsteller Felix von Rexhausen. Er hatte BWL studiert und musste nun die Betriebsleitung übernehmen. Berthold Beitz von der Firma Krupp, der im Zweiten Weltkrieg in Polen vielen Juden das Leben gerettet hatte, sowie der Kölner Kardinal Frings und Hans Matthöfer von der IG Metall spendeten jeweils 10.000 DM. Mit diesem Geld finanzierten wir die ersten Ermittlungsreisen der Londoner Zentrale. Ein französischer Kommunist fuhr in die Tschechoslowakei, um die Freilassung eines politischen Gefangenen zu bewirken, ein indischer Gewerkschafter fuhr in die DDR, wo ein Gewerkschafter inhaftiert worden war.

Wie kam der Entschluss zustande, eine deutsche Sektion von Amnesty zu gründen?
Im Juni 1961 fand in Köln das Sommerfest des Kongresses für die Freiheit der Kultur statt. Es klingelte an der Tür und Eric Baker kam herein, ein Freund von Amnesty-Gründer Peter Benenson aus London. Er erzählte uns von Benensons Appell für die Freilassung politischer Gefangener. Auf dem Fest waren viele Schriftsteller und Journalisten, die sich für Meinungsfreiheit und für die Menschenrechte einsetzen wollten. Noch in derselben Nacht beschlossen wir, die deutsche Sektion zu gründen. Die Zeit war reif, etwas zu tun.

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Wie waren damals die politischen Umstände?
Es war die Hochphase des Kalten Krieges. Die Gegensätze zwischen Ost und West verschärften sich immer weiter, das Misstrauen wuchs. Gleichzeitig gab es aber viele Menschen, die politischen Gefangenen und Menschen in Gefahr helfen wollten, ohne sich für die eine oder andere Seite instrumentalisieren zu lassen. Da kam die Idee aus London genau richtig: Jede Amnesty-Gruppe sollte drei politische Gefangene betreuen: Einen aus dem Ostblock, einen aus dem Westen und einen aus einem Drittweltland. Diese Herangehensweise war neu.

Welche Rolle spielte die Erfahrung des Nationalsozialismus bei der Gründung?
Die meisten von uns hatten als Jugendliche das Dritte Reich erlebt. Die Verbrechen Nazideutschlands waren das eine. Das andere war die Erfahrung des Kommunismus, wie etwa bei Wolfgang Leonhard, der aus dem Exil in der Sowjetunion in die DDR gekommen war, um einen kommunistischen Staat aufzubauen, dann mit dem Stalinismus brach und floh. Der Umgang mit den autoritären Zwangssystemen hatte viele von uns geprägt und auch die Notwendigkeit deutlich gemacht, etwas zu schaffen wie Amnesty.

Von Anfang an hatte bei Amnesty die Öffentlichkeitsarbeit eine besondere Bedeutung…
Uns war klar, dass wir politischen Gefangenen am Besten helfen konnten, wenn wir auf ihre Fälle aufmerksam machten. Dadurch übten wir Druck auf die Regierungen aus. Es ging aber auch darum, die Gefangenen zu unterstützen und sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. Für sie war es enorm wichtig, wenn sie erfuhren, dass sich Menschen in anderen Ländern für sie und ihre Zukunft einsetzen. Staaten wurden vorsichtiger bei den Verhaftungen von politischen Gegnern und sie ließen etwas mehr Meinungsfreiheit zu. Denn der Ärger im Ausland, der durch Amnesty entstand, war allen Staaten peinlich.

Können Sie sich an einen konkreten Vorfall erinnern?
Als der sowjetische Regierungschef Nikita Chruschtschow an einer Sitzung der Vereinten Nationen in New York teilnahm, hatte Peter Benenson eine geniale Idee. Er schickte fünf ältere Damen in Chruschtschows Hotel, wo sie ihm in der Lobby auflauerten und ihm Petitionen für die Freilassung eines Gefangenen überreichten. Das hätte ihn fast umgehauen. Da hätten 500 Leute demonstrieren können, das wäre ihm völlig egal gewesen. Aber dass ihm plötzlich fünf alte Damen ins Gewissen redeten, das hat ihn dann doch getroffen. Der Gefangene kam dann auch tatsächlich frei. Drei Monate später wurde er jedoch leider wieder inhaftiert.

Was wünschen Sie den Amnesty-Mitgliedern für die nächsten 50 Jahre?
Viel Glück. Vor ihnen liegt viel Arbeit, denn die Welt wird sich nicht ändern. Deswegen ist Weitermachen das Wichtigste. Und dass man sich weiterhin einsetzt für die Freiheit. Für Meinungsfreiheit, für politische Freiheit, für die Freiheit von Angst und Verfolgung. Sie ist die Grundlage von allem. Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts.

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