Honduras: Angehörige fordern Aufklärung

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Am 18. Juli 2020 entführten Unbekannte in Polizeikleidung Alberth Centeno Tomas, Suami Mejía García, Gerardo Rochez Cálix und Milton Martínez Álvarez aus ihren Häusern. Amnesty International fordert die Behörden dazu auf, den Verbleib der Aktivist_innen – die der afro-honduranischen Gemeinschaft der Garífuna angehören – aufzuklären und eine wirksame und unparteiische Untersuchung einzuleiten. Jetzt haben Familienmitglieder einen unabhängigen Untersuchungsausschuss gegründet.

Appell an

Herr Óscar Fernando Chinchilla
Public Prosecutor’s Office Honduras
Edificio Lomas Plaza II, Col. Lomas de Guijarro
Ave. República Dominicana
Tegucigalpa, M.D.C
HONDURAS

 

Sende eine Kopie an

Botschaft der Republik Honduras
I.E. Frau Christa Castro Varela
Cuxhavenerstraße 14
10555 Berlin

Fax: 030-397 49 712
E-Mail: embajadahonduras.de@gmail.com

Amnesty fordert:

  • Bitte ergreifen Sie umgehend alle notwendigen Maßnahmen, um Alberth Snider Centeno Tomas, Suami Aparicio Mejía García, Gerardo Mizael Rochez Cálix und Milton Joel Martínez Álvarez zu finden und eine unabhängige, wirksame und unparteiische Untersuchung ihres Verschwindenlassens sicherzustellen. Stellen Sie die Verantwortlichen für das Verschwinden der Aktivist_innen vor Gericht.
  • Ich fordere Sie außerdem dazu auf, die Angehörigen in die laufenden Ermittlungen einzubinden, sie mit aktuellen und genauen Informationen über deren Fortgang zu versorgen und sicherzustellen, dass sie in der Lage sind, mit Informationen zu deren Gelingen beizutragen, Ermittlungsansätze vorzuschlagen sowie Beweise einzusehen.

Sachlage

 Bei den Verschwundenen handelt es sich um Alberth Snider Centeno Tomas, den Vorstand der in der Organización Fraternal Negra Hondureña (Organisation der Schwarzen Brüderlichkeit in Honduras, OFRANEH) organisierten Garífuna-Gemeinde Triunfo de la Cruz sowie drei weitere Mitglieder der OFRANEH, Suami Aparicio Mejía García, Gerardo Mizael Rochez Cáliz und Milton Joel Martínez Álvarez. Außerdem "verschwand" eine fünfte Person, Junior Rafael Juárez Mejía. Sie wurden am 18. Juli 2020 von Unbekannten in Polizeikleidung aus ihren Häusern entführt. Ihre Entführer sollen Westen der Untersuchungspolizei DPI getragen haben. Trotz einer von der Nationalpolizei durchgeführten Suchaktion und einer von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Untersuchung ist ihr Verbleib nach wie vor unbekannt. 

Sieben Monate nach der Entführung der Aktivist_innen gründete die OFRANEH einen eigenen Ermittlungsausschuss. In dem unabhängigen Komitee mit dem Namen SUNLA (in der Sprache der Garífuna für "es reicht!") haben sich verschiedene Menschenrechtsorganisationen, Expert_innen und Angehörige der Vermissten zusammengeschlossen, um die Ermittlungen der honduranischen Behörden zu verfolgen. SUNLA forderte diese dazu auf, in die offiziellen Ermittlungen einbezogen zu werden, doch laut dem Ausschuss lehnten die Behörden diese Forderung ab.

Hintergrundinformation

Hintergrund

Die Garífuna-Gemeinden von Triunfo de la Cruz sind Teil der Organización Fraternal Negra Hondureña (Organisation der Schwarzen Brüderlichkeit in Honduras, OFRANEH), die sich für den Schutz der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte der Garífuna-Gemeinschaften einsetzt. Am 8. Oktober 2015 entschied der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte zugunsten der Garífuna-Gemeinde von Triunfo de la Cruz und sprach den honduranischen Staat schuldig, das Recht der Gemeinschaft auf kollektives Eigentum zu verletzen. Zuvor, am 28. April 2006, hatte die Interamerikanische Menschenrechtskommission der Gemeinde Triunfo de la Cruz Schutzmaßnahmen durch die Regierung von Honduras zugesprochen. Diese solle alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um das Recht der Gemeinde auf den Besitz von angestammtem Land zu schützen.

Seit dem Beginn einer strengen Ausgangssperre in Honduras im März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie hat Amnesty International mehrere Berichte über massive Angriffe gegen Menschenrechtsverteidiger_innen erhalten, darunter auch gegen Mitglieder der OFRANEH. Nach Angaben der Organisation verhinderten Polizeibeamt_innen am 20. April 2020 eine Protestaktion in Oak Ridge auf der Insel Roatan, indem sie einem Boot aus Gründen der öffentlichen Gesundheit verboten, im örtlichen Hafen anzulegen. Am 6. Mai bedrohten Polizeiangehörige eine Gruppe junger Garífuna-Aktivist_innen, die die Gemeinde Travesía im Departement Cortés bewachten, und feuerten Tränengasgeschosse auf sie ab. Außerdem prangerte OFRANEH die Ermordung ihres Mitglieds Edwin Fernández am 20. Mai in der Gemeinde Río Tinto im Departement Atlántida an.

Auch die Indigenenorganisation Consejo Cívico de Organizaciones Populares e Indígenas de Honduras (COPINH) berichtet von neuen Angriffen auf ihre Mitglieder. Dazu zählt auch die Inhaftierung von José Trochez durch die Armee, als er humanitäre Arbeit leistete. COPINH berichtete zudem, dass am 15. Juni 2020 COPINH-Mitglieder Informationen erhielten, in denen sie vor einem bevorstehenden Angriff auf die Mitglieder und ihre Einrichtungen gewarnt wurden. Am 21. Juni tauchte eine Gruppe von etwa 60 Personen bei ihrer Einrichtung Utopia in La Esperanza im Departement Intibucá auf und drohte, das Gebäude zu übernehmen. Einen Tag später erhielten sie einen digitalen Flyer, in dem eine unbekannte Gruppierung drohte, Utopia niederzubrennen, nachdem COPINH diese Räumlichkeiten als Quarantäneort für inhaftierte Menschen, die mit COVID-19 infiziert waren, zur Verfügung stellen wollte.

Seit mehreren Jahren verweist Amnesty International bei vielen Gelegenheiten auf die Bedrohung, Einschüchterung, Drangsalierung und Ermordung von Aktivist_innnen in Honduras. Das Land ist weltweit eines der gefährlichsten für Menschenrechtsverteidiger_innen. Einer der bekanntesten Fälle ist der von Berta Cáceres, Leiterin und Mitbegründerin von COPINH, die am 2. März 2016 in ihrem Haus in dem Ort La Esperanza erschossen wurde. Diese Situation hat sich nicht verändert. Allein zwischen Juni und Juli 2020 wurden Scarleth Cambell (Scarleth Cáceres), ein Mitglied der Trans*Frauengruppe der Asociación LGTB Arcoíris, Marvin Damián Castro, Verteidiger des Gebiets der Gemeinde Pespire, Choluteca und Koordinator der Umweltorganisation Movimiento Ambientalista Social del Sur por la Vida (MASSVIDA), sowie Yonis David Castillo Lázaro aus der Gemeinde Guapinol getötet. Zuvor, am 2. April 2020, war Iris Argentina Álvarez bei der gewaltsamen Räumung einer Gemeinde getötet worden. Die Landrechtsverteidigerin war in der Vereinigung von Bäuer_innen Cerro Escondido im Süden von Honduras aktiv.

Dem jüngst erschienenen Bericht der NGO Global Witness zufolge, hat Honduras die höchste Mordrate der Welt. Dennoch wurde das Abkommen für den Zugang zu Justiz, Information und öffentlicher Teilhabe in Umweltangelegenheiten in Lateinamerika und der Karibik (kurz: das Escazú-Abkommen) von der Regierung von Honduras bislang nicht ratifiziert. Das Escazú-Abkommen ist das erste verbindliche internationale Instrument, welches den Schutz von Umweltaktivist_innen garantiert.

Die Interamerikanische Konvention gegen das Verschwindenlassen von Personen definiert das Verschwindenlassen als "Freiheitsentzug jeglicher Art von einer oder mehreren Personen, der auf das Agieren staatlicher Einheiten oder auf Personen oder Gruppen von Personen zurückgeht, welche mit Autorisierung, Hilfe oder Einverständnis des Staates handeln, wobei der weitere Verlauf davon gekennzeichnet ist, dass dieser Freiheitsentzug von Seiten des Staates verneint oder das Schicksals oder der Verbleib der verschwundenen Person verdunkelt und damit der Rechtsschutz verweigert wird". Honduras unterzeichnete die Konvention 2005. Honduras hat 2008 auch die UN-Konvention gegen das Verschwindenlassen unterzeichnet, in der das Verschwindenlassen ähnlich definiert wird.