Amnesty Journal Deutschland 25. November 2015

"Die Situation erträglich machen"

"Die Situation erträglich machen"

Freiräume: Ein Willkommensfest vor der Unterkunft im sächsischen Heidenau

Wie kann man die vielen traumatisierten Flüchtlinge unterstützen, die nach Deutschland kommen? Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité konzipiert derzeit ein Modell, das Hilfe zur Selbsthilfe bieten soll. Ein Gespräch mit Andreas Heinz, dem Direktor der Klinik.

Interview: Heike Kleffner

Derzeit fehlt es vielen Flüchtlingen am Allernötigsten: Essen, warme Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Ist eine psychologische Behandlung von Traumata in diesem Kontext nicht völlig unrealistisch?

Wir entwickeln gerade eine Selbsthilfe-Ausbildung, bei der wir den Geflüchteten einerseits ganz praktische Fertigkeiten vermitteln, wie zum Beispiel Grundkenntnisse über das medizinische Hilfesystem, Möglichkeiten der Muskelentspannung, die auch in angespannten Situationen zur Beruhigung führen kann, sowie Informationen über das Gastland und den Umgang mit unserer pluralen und diversen Gesellschaft. Die Idee ist, eine einfache Ausbildung anzubieten, die im Schneeballsystem von Geflüchteten erlernt und an andere weitergegeben werden kann, sodass nur am Anfang eine Supervision durch uns notwendig ist und sich das Konzept von selbst vervielfacht.

Was muss geschehen, damit Geflüchtete ihre traumatisierenden Erfahrungen verarbeiten können?

Es gibt sehr wirksame Traumatherapien, aber diese können in der Breite des jetzigen Bedarfs nicht angeboten werden. Ein erster Schritt wäre, in den Massenunterkünften sichere Orte zu schaffen, wohin sich Flüchtlinge zurückziehen können und Unterstützung bekommen, wenn traumatische Erfahrungsbilder auftauchen. Entspannungstechniken können beispielsweise helfen, die Situation erträglich zu machen, bis es therapeutische Hilfe gibt.

Wie wirkt sich das Leben in einer Massenunterkunft auf die Psyche aus?

Es ist für jeden beschwerlich. Man lebt mit Hunderten auf engstem Raum, ohne Privatsphäre. Aber für Menschen, die aus Kriegsgebieten geflüchtet sind, ist das besonders belastend. Ge- rade Frauen und Männer, die Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt wurden, sind oft sehr empfindlich und reizbar, beispielsweise wenn man ihnen zu nahe tritt. Das kann von ihnen sehr schnell als Angriff erlebt werden.

Oft ist von religiösen Überzeugungen und ethnischer Herkunft die Rede, wenn es zu Gewalt in Unterkünften kommt. Gibt es aus Ihrer Erfahrung auch andere Ursachen dafür?

Sind Menschen durch Gewalterfahrungen traumatisiert, drängen sich schnell und völlig unkontrolliert Erinnerungsbilder auf. Das gilt insbesondere in Situationen, die der zurückliegenden Gewalterfahrung ähneln. Überhaupt sind traumatisierte Menschen meistens körperlich sehr angespannt und reagieren in Konfliktsituationen besonders stark. Das gilt nicht nur für traumatisierte Frauen, die leider besonders oft Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen in Kriegsgebieten und auf der Flucht werden. Das ist natürlich auch bei Männern der Fall, insbesondere wenn sie mit ihrer Familie geflüchtet sind und das Gefühl haben, dass sie ihre Angehörigen im Kriegsgebiet oder auf der Flucht nicht beschützen konnten. Wenn sie sich angegriffen fühlen, kann es schnell zu Verteidigungsreaktionen kommen.

Unter den Geflüchteten sind viele Kinder und Jugendliche, die Schreckliches erlebt haben. Was benötigen sie?

Sie brauchen vor allem Sicherheit, Privatsphäre, Respekt, Akzeptanz und Möglichkeiten, ihre Erfahrungen auszudrücken. Kinder und Jugendliche sind gegenüber Traumatisierungen be- sonders empfindlich, viele haben ihre Eltern und Angehörigen verloren. Sie sind häufig äußerst lernfähig und flexibel und können lebenslang von therapeutischer Hilfe profitieren.

Andreas Heinz, geboren 1960 in Stuttgart, ist Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte in Berlin und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.

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