Amnesty Journal Bangladesch 01. April 2015

Mord mit Ansage

Mord mit Ansage

Wer die Religion kritisiert, muss um sein Leben fürchten. Tatort in Dhaka

Wer in Bangladesch den Islam kritisiert, wird eingeschüchtert und im schlimmsten Fall ermordet, wie jüngst der Blogger und Religionskritiker Avijit Roy. Doch anstatt die potenziellen Opfer zu beschützen, gehen die Behörden regelmäßig gegen jene vor, die ihre Meinung frei äußern wollen.

Von Bernhard Hertlein

Er kam, um Freunde zu treffen: Avijit Roy, ein in Bangladesch geborener Software-Spezialist, Blogger, Religionskritiker, Autor und mittlerweile US-Staatsbürger, wollte in der Hauptstadt Dhaka sein neues Buch vorstellen. Was er nicht wusste: Dort warteten schon seine Mörder. Sie töteten den 42-Jährigen am 26. Februar 2015 mit Messerstichen in Hals und Rücken.

Auf die gleiche brutale Weise war ein Jahr zuvor, am 15. Februar 2014, Rajib Haider umgebracht worden. In den Jahren zuvor waren Asif Mohiuddin und Humayun Azad ebenfalls durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt worden. Azad starb später an den Folgen des Überfalls. Dieses Mal waren es zwei Täter der Terroristengruppe »Ansarulla«. Sie griffen außerdem Rafida Ahmed Bonya an, die Frau von Avijit Roy, die schwer verletzt wurde.

Wie Humayun Azad, Asif Mohiuddin und Rajib Haider war auch Avijit Roy Atheist. Er nahm für sich das Recht in Anspruch, alle Religionen – also auch den Islam – zu kritisieren. Dafür erhielt er von Islamisten schon seit geraumer Zeit Morddrohungen, auch öffentlich, zum Beispiel auf Facebook. Einige drohten ihm sogar unter ihrem wirklichen Namen, wie Farabi Shafiur Rahman zum Beispiel, der sich auch nicht mit Morddrohungen gegen den mittlerweile in Deutschland lebenden Blogger Asif Mohiuddin zurückhält.

Anfang 2013 hatte Farabi auf Facebook die Bestrafung zweier minderjähriger Schüler in Chittagong verlangt. Ihr »Verbrechen«: Sie hatten in dem sozialen Medium einige kritische Nachfragen über den Propheten Mohammed gestellt. Dafür wurden sie erst von Gefolgsleuten Farabis verprügelt und dann von der Polizei inhaftiert.

Der US-Konzern Facebook hat bislang nichts gegen die Morddrohungen unternommen. Auch der bangladeschische Staat ergreift keine Maßnahmen, um die Bedrohten zu schützen oder die Morde aufzuklären. Stattdessen gehen die Behörden regelmäßig gegen diejenigen vor, die durch die Inanspruchnahme ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung angeblich den öffentlichen Frieden gefährden.

Dabei hatte das unabhängige Bangladesch 1971 neben Demokratie, Sozialismus und Nationalismus auch Säkularismus zu einer der vier grundlegenden Säulen des neuen Staates erklärt. Und bis heute gibt es in dem Land, in dem 85 Prozent der 160 Millionen Einwohner dem muslimischen Glauben angehören, kein Blasphemiegesetz. Dennoch nehmen die Einschränkungen der Meinungsfreiheit spürbar zu.

Avijit Roy, der jetzt ermordete Religionskritiker, reiste nicht zufällig im Februar nach Dhaka. In diesem Monat findet aus Anlass des Internationalen Tags der Muttersprache (21. Februar) traditionell die größte Buchmesse des Landes statt.

Die »Ekushey Book Fair« ist als Ort der freien Kommunikation über Literatur und als Einnahmequelle für die Verlage von zentraler Bedeutung. In diesem Jahr war die Anspannung allerdings von Anfang an groß. Seit Jahresbeginn wird das Land beinahe täglich von Brand- und Bombenanschlägen erschüttert.

Die Opposition, die die Wahlen 2014 boykottierte und deshalb keinen Sitz im Parlament hat, versucht die Regierung durch Terror aus dem Amt zu jagen. Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wajed hält ihrerseits gewaltsam dagegen, indem sie Oppositionspolitiker, aber auch unabhängige kritische Stimmen festnehmen lässt.

Das Gesetz zur Informations- und Kommunikationstechnologie (»Information and Communication Technology Act«) wurde so verschärft, dass Blogger wegen angeblicher Beleidigung religiöser Gefühle oder wegen Gefährdung des Staates zu langjährigen Haftstrafen verurteilt werden können. Besonders stark leiden ethnische und religiöse Minderheiten unter den Einschränkungen. Eine neue Verordnung will vorschreiben, dass Ausländer und Mitarbeiter nationaler Nichtregierungsorganisationen mit Bewohnern nur noch im Beisein von Sicherheitskräften reden dürfen.

Vor diesem Hintergrund war es schon erstaunlich, dass die Buchmesse zunächst einigermaßen friedlich ablief – sieht man vom Angriff einiger Islamisten auf einen Verlag ab, der das neu übersetzte Werk eines iranischen Autors über den Propheten Mohammed im Programm führt.

Als die Täter mit weiteren Angriffen drohten, reagierten die Behörden in einer für Bangladesch fast schon typischen Manier: Sie schlossen einfach den Messestand des Verlages. Dann folgte die Ermordung Avijit Roys. Seither erhält auch sein Verleger Ahmedur Rashid Tutul auf Face­book Morddrohungen.

Der Autor ist Sprecher der Bangladesch-Ländergruppe der deutschen Amnesty-Sektion.

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