Amnesty Journal Malawi 01. April 2015

Alles nichts an diesem Ort

Alles nichts an diesem Ort

Grausamer Kosmos. Häftlinge des Gefängnisses Zomba

Das »Zomba Prison Project« des US-amerikanischen Produzenten Ian Brennan hat ein außergewöhnliches Album hervorgebracht – mit musikalischen Dokumenten über unsägliche Zustände im Zentralgefängnis von Malawi.

Von Daniel Bax
 
Der südostafrikanische Kleinstaat Malawi macht international nur Schlagzeilen, wenn die Popsängerin Madonna mal wieder ein Kind von dort zu adoptieren versucht. Viele seiner 14 Millionen Einwohner verdingen sich in den Bauxitminen oder auf den Tabakfeldern des kleinen Landes. Wer weniger Glück im Leben hat, der landet im »Zomba Prison«, dem Zentralgefängnis von Malawi. 

Das einzige »Maximum Security«-Gefängnis des Landes in Zomba, einer Provinzstadt im Süden Malawis, ist ein kolonialer Backsteinbau aus einer Zeit, als Malawi noch britisches Protektorat war. Ursprünglich für 340 Häftlinge gebaut, beherbergt es heute mehr als 2.000 Menschen. Bewacht werden sie von Personal und Wärtern, die auf der anderen Seite der Gefängnismauer leben. 

Den US-amerikanischen Produzenten Ian Brennan, bekannt durch seine Studioarbeiten für die legendäre Tuareg-Formation Tinariwen aus Mali oder die US-Countrysängerin Lucinda Williams, zog es im August 2013 hierher. Mit seiner Frau, der Fotografin und Dokumentarfilmerin Marilena Delli, handelte er im Gegenzug für Anti-Gewalt-Seminare, die sie den Häftlingen anboten, die Genehmigung aus, hinter Gittern Musik aufzunehmen und Fotos zu machen. Zehn Tage lang nahmen sie Lieder auf, die die Gefangenen selbst komponiert hatten, oder hielten die spontanen Eingebungen fest, die sie ihnen ins Mikrofon sangen. 

Zu seiner Überraschung fand Brennan bei den Männern bereits eine feste Band vor, die über Drums, Keyboards, Gitarren und Bass verfügte und sogar einen Übungsraum besaß, wo sie unter Aufsicht von Wärtern probte. Die Frauen hatten, bis auf ein paar Töpfe, keine vergleichbaren Instrumente und auch nicht den Anspruch, eigene Songs zu präsentieren. Gerade von ihnen stammen aber einige der emotionalen Höhepunkte auf diesem absolut hörenswerten Album.

Das Ergebnis ist von einer rauen Unmittelbarkeit und kargen Schönheit, die staunen lässt: moderne Field Recordings, die den Alltag hinter Gittern spiegeln und Einblick in einen sorgsam abgesperrten Mikrokosmos geben. Die Lieder, Fragmente, die manchmal nur wenige Verse lang sind, sollen aufmuntern und Trost spenden.

Meist genügt eine einfache Gitarrenbegleitung, manchmal singt ein bescheidener Chor den Refrain mit, häufig bestehen sie aber auch nur aus reinem, ungefiltertem Gesang, der von ungebrochener Kraft und Lebenswillen zeugt. Dass sie um schwere Themen wie Schuld und Sühne kreisen, verraten schon Titel wie »Don’t hate me«, »Prison of Sinners«, »Please don’t kill my child« oder »I see the whole world dying of Aids« von Officer Ines Kaunde. 

Mit den Erlösen des »Zomba Prison Project« soll es einigen Häftlingen ermöglicht werden, Rechtsmittel gegen ihre Haft einzulegen. Denn manche verbringen Jahre ohne Urteil im Gefängnis, weil es zu keinem regulären Verfahren kommt – unter anderem, weil es keinen Transport vom Gefängnis zum Gericht gibt. Und während die Männer oft wegen Kapitaldelikten wie Diebstahl oder Totschlag einsitzen, genügt bei Frauen oft die vage Anschuldigung der »Hexerei«, um in Malawi hinter Gittern zu landen.

Zomba Prison Project: I Have No Everything Here (Six Degrees / Exil)

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