Amnesty Journal Südafrika 19. März 2014

Botschafter des Gewissens

Der gemeinsame Kampf für Gerechtigkeit und Menschenrechte vereinte Amnesty International und Nelson Mandela. Doch auch die Diskussion um das Thema Gewaltlosigkeit prägte lange Zeit das Verhältnis.

Von Ingo Jacobsen

So viel wie Nelson Mandela ist in der jüngsten Vergangenheit kein anderer gelobt worden – und das zu Recht: Mandela zählte zu den bedeutendsten Zeitgenossen. Ein Mensch, der sich ohne Hass nach mehr als 27 Jahren Haft daran machte, eine tief gespaltene Nation zu versöhnen. Er wurde deshalb oft mit Gandhi verglichen, der 20 Jahre im Gefängnis verbrachte und dort den politischen Widerstand organisierte. Doch meldeten sich auch Stimmen, die darauf hinwiesen, dass Mandela – im Gegensatz zu Gandhi – früher Gewalt befürwortet habe und dafür verurteilt worden sei. In vielen Fällen wird dieser Einwand nur erhoben, um die frühere Diffamierung von Mandela als gewalttätigen Kommunisten oder Terroristen zu rechtfertigen.

Wer es genauer wissen will, muss nur seine berühmte Verteidigungsrede nachlesen, die er im »Rivionia«-Prozess 1964 hielt. Darin beschreibt er die grausame Behandlung aller nicht-weißen Südafrikaner: Vom Raub ihres Landes und ihrer Rechte über die Unterdrückung des Widerstandes bis hin zu Massakern wie dem von Sharpeville am 21. März 1960, als 69 friedliche De­mons­tranten von der Polizei erschossen wurden. Sharpeville war eine Wende für Südafrika: Es folgten der Ausnahmezustand, ein Verbot des ANC und die Abkehr des ANC vom Prinzip der Gewaltlosigkeit. Für Nelson Mandela gab es zwei Grundprinzipien, die er in seiner Verteidigungsrede ausführte: Südafrika gehöre allen, die dort lebten, Schwarzen wie Weißen, gemäß der Freiheitscharta des ANC von 1955. Und: Ein Bürgerkrieg müsse auf jeden Fall verhindert werden. Nur für diese Ziele solle sorgfältig kontrollierte Gewalt eingesetzt werden. Mandela drückte seine Hoffnung aus, dass dafür Sabotageakte ausreichten. »Ich habe gegen weiße Vorherrschaft und ich habe auch gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft«, sagte er am Schluss seiner Rede. »Ich bin stets dem Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gefolgt, in der alle Menschen friedlich und mit gleichen Möglichkeiten zusammenleben. Für dieses Ideal lebe ich. Aber wenn es sein muss, bin ich bereit, dafür zu sterben.«

Aufgrund seiner Befürwortung von Gewalt konnte Amnesty International Nelson Mandela ab 1964 nicht länger als gewaltlosen politischen Gefangen betreuen und seine bedingungslose und sofortige Freilassung fordern. Dieser Schritt fiel Amnesty sehr schwer – es gab eine lange Debatte und sogar eine Mitgliederbefragung mit dem Ergebnis, dass die Organisation mit Blick auf ihre Glaubwürdigkeit und die Wirksamkeit ihrer Arbeit zugunsten von vielen gewaltlosen politischen Gefangenen in aller Welt – einschließlich Südafrika – schweren Herzens auf die Betreuung von Nelson Mandela verzichtete.

Die Arbeit der Amnesty-Gruppen wurde dadurch nicht ­gerade erleichtert, denn »Free Nelson Mandela« war das gemeinsame Motto vieler Gruppen und Nelson Mandela war der berühmteste politische Gefangene. Dennoch blieben die Amnesty-Gruppen anerkannte Partner in der Südafrika-Arbeit. »Bei jeder Schweinerei ist Südafrika dabei« lautete ein Slogan von Südafrika-Demonstrationen und bei Amnesty war Südafrika Schwerpunktland bei allen Themenkampagnen (gegen Folter, Todesstrafe, »Verschwindenlassen« und staatlichen Mord). Die gut recherchierten und glaubwürdigen Informationen von Amnesty wurden von allen zu Südafrika arbeitenden Organisationen gemeinsam genutzt.

Aber die Nichtbetreuung von Nelson Mandela durch Amnesty und das Thema Gewaltlosigkeit wurden weiter diskutiert. Auf die unzähligen Briefe zu diesem Thema haben wir als Länderkoordinationsgruppe Südafrika stets geantwortet, indem wir nicht nur die Amnesty-Haltung erläuterten, sondern auch Kopien der Freiheitscharta und Auszüge aus seiner prophetischen Verteidigungsrede beilegten. Die Gewalt ging weiterhin fast ausschließlich von der Apartheid-Regierung aus und kostete allein bei den Soweto-Unruhen 1976 Hunderte von Kindern und Jugendlichen das Leben.

Manch einer der früheren Gegner Mandelas wollte uns weismachen, Mandela habe sich in der Haft gewandelt. Das ist falsch. Mandela ist bei seinen Grundauffassungen geblieben. So hat er auch eine frühere Haftentlassung abgelehnt, weil er dafür eine Gewaltverzichtserklärung hätte unterzeichnen müssen.

Die ersten vier Jahre nach seiner Freilassung 1990 müssen für ihn besonders hart gewesen sein, weil nach dem Ende der Apartheid ein blutiger Kampf um die Macht in Südafrika einsetzte. Durch eine unheilige Allianz der weißen Regierung mit der Organisation Inkatha des Zulu-Führers Mangosuthu Buthelezi wurden regionale Konflikte ins wirtschaftliche Zentrum Südafrikas getragen und grausam verschärft. Durch diese Gewalt geriet Nelson Mandela unter Druck. Um dem Morden ein Ende zu bereiten, musste er schließlich schmerzhafte Kompromisse eingehen. Eine gerichtliche Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen, die während der Apartheid verübt worden waren, war nicht durchsetzbar, stattdessen wurde eine »Kommission für Wahrheit und Versöhnung« eingesetzt. Amnesty öffnete seine Archive, um die Arbeit der Kommission zu unterstützen. Gleiches Recht für Schwarz und Weiß blieb eine Grundmaxime Mandelas. Daher sorgte er dafür, dass sich auch der ANC für seine Menschenrechtsverletzungen vor der Wahrheitskommission verantworten musste. Und die Verfassung, die Mandela aushandelte, ist mustergültig hinsichtlich der Menschenrechte.

Doch die Tatsache, dass Amnesty Nelson Mandela nicht betreut hatte und nicht seine Freilassung gefordert hatte, wurde nicht vergessen. Nelson Mandela ging darauf auch in seiner Autobiografie »Ein langer Weg zur Freiheit« ein. Der erste Schritt zur »Versöhnung« war, dass zum 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1988 die Internationale Ratstagung von Amnesty International in Kapstadt stattfand.

Im Jahr 2006 akzeptierte Nelson Mandela, von Amnesty International als »Botschafter des Gewissens« geehrt zu werden. In seiner Dankesrede betonte er die gemeinsamen Werte, den Kampf für Gerechtigkeit und Menschenrechte. Dann beschrieb er die Aufgaben, die er nach seinem Abschied von der politischen Bühne vor allem verfolgte: Den Kampf gegen HIV/AIDS sowie gegen die Armut. Seine Worte »Solange es ­Armut gibt, gibt es keine wahre Freiheit« teilt auch Amnesty International.

Aus Nelson Mandela wurde im Alter nicht der milde Landesvater, wie es die immer wieder gezeigten Bilder von der Rugby-Weltmeisterschaft 1995 suggerieren sollen. Er ist ein wahrer Kämpfer für die Menschenrechte geblieben. Das Ziel der Freiheitscharta hat er erreicht. Aber »ubuntu« (Menschlichkeit), wie es in der Verfassung des neuen Südafrika heißt, forderte noch viel mehr – von ihm und auch von Amnesty International.

Der Autor ist Sprecher der Sektionsgruppe MenschenrechtsverteidigerInnen der deutschen Amnesty-Sektion.

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