Amnesty Journal Uganda 04. Februar 2014

"Auf diesem schmalen Grad lebe ich mein Leben"

Ein Leben in ständiger Bedrohung. Die LGBTI-Aktivistin Kasha Nabagesera

Ein Leben in ständiger Bedrohung. Die LGBTI-Aktivistin Kasha Nabagesera

Kasha Nabagesera ist Menschenrechtsaktivistin in Uganda. Mit ihrer Organisation FARUG setzt sie sich für die Rechte lesbischer Frauen ein. Ihr Engagement bringt sie selbst in Gefahr, denn Homosexualität steht in Uganda unter Strafe.

Sie kämpfen in Ihrer Heimat seit Jahren gegen Homophobie – und riskieren dabei Ihr Leben. Haben Sie als lesbische Frau nie mit dem Gedanken gespielt, aus Uganda zu fliehen?
Nein! Ich bin in Uganda geboren und aufgewachsen. Ich bin in diesem Land schlicht und einfach zu Hause. Meine Heimat ist für mich der schönste Ort der Welt. Ich möchte die Möglichkeit nicht missen, in einem so wunderbaren Land zu leben. Es gibt aber auch noch einen weiteren Grund, warum ich noch immer in Uganda lebe: Ich bin nicht die einzige lesbische Frau in meiner Heimat. Würden wir alle fliehen, so würde sich in Uganda nie etwas ändern – und im restlichen Afrika erst recht nicht. Die Homosexuellen bilden in Uganda eine Community, die fest zusammenhält. Und das ist für unseren Kampf ungemein wichtig. Je mehr Menschen zusammenhalten, desto mehr Kraft haben wir, gegen die Repressionen in unserem Land vorzugehen und die Bevölkerung aufzuklären. Wir brauchen uns gegenseitig.

Warum haben Homosexuelle in Ihrer Heimat einen so schweren Stand?
Uganda ist ein sehr religiöses Land, wie andere afrikanische Staaten auch. Insbesondere die methodistischen Prediger haben einen immensen Einfluss. Sie erzählen den Gläubigen, dass Homosexualität eine Krankheit sei. Und sie warnen davor, dass sich ihre Kinder bei uns anstecken könnten. Während die religiösen Führer ihre Lügen auf großen Plattformen verbreiten, haben wir nur sehr begrenzte Möglichkeiten, auf uns aufmerksam zu machen und die Menschen über Homosexualität aufzuklären.

Mit Ihrer Organisation »Freedom And Roam Uganda« (FARUG) versuchen Sie, sich Gehör zu verschaffen. Wie sieht die Arbeit von FARUG aus?
Wir wollen Lesben, bisexuellen Frauen und Transsexuellen vor allem eine Stimme geben. Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, die Community selbst aufzuklären und mit Informationen zu versorgen. So können die Menschen für sich selbst eintreten und sich verteidigen. Außerdem geht es natürlich darum, all dieses Wissen an die Bevölkerung weiterzugeben, um die Vorurteile gegen sexuelle Minderheiten stetig abzubauen. Wir leisten also im weitesten Sinne Aufklärungsarbeit. Dafür starten wir regelmäßig Kampagnen und arbeiten sehr eng mit den Medien zusammen. Schließlich versuchen wir, die ganze Welt auf unsere schwierige Situation aufmerksam zu machen. Wir helfen aber auch ganz konkret vor Ort und unterstützen die Menschen in ihrem Alltag. Viele Schwule, Lesben und Transsexuelle rutschen in die Drogensucht ab. Andere leiden unter Depressionen. Von der Gesellschaft verurteilt zu werden und einer stetigen Bedrohung ausgesetzt zu sein, setzt die Menschen unter enormen Stress und macht sie psychisch krank.

Sie haben in diesem Sommer die Leitung von FARUG abgegeben …
Ja, aber ich werde mich weiterhin als Aktivistin für die LGBT-Szene in meinem Land engagieren. Ich werde mich wieder mehr auf die Arbeit an der Basis konzentrieren. Dass ich als Leiterin von FARUG zurückgetreten bin, hat zwei Gründe. Zum einen bin ich davon überzeugt, dass eine stete Entwicklung wichtig ist. Nach mehr als zehn Jahren war es einfach an der Zeit, einer jüngeren Generation an der Spitze von FARUG Platz zu machen. Der zweite Grund ist rein privat: Die vergangenen zehn Jahre waren für mich extrem anstrengend. Die administrative Arbeit hat mich zuletzt regelrecht überflutet. Ich brauche jetzt mehr Zeit mit meiner Familie. Eine Pause tut mir gut, damit ich mich regenerieren und neu fokussieren kann. Schließlich will ich mich auch in Zukunft ganz und gar auf meine Arbeit als Aktivistin konzentrieren können. Meine Vision bleibt schließlich die gleiche und dafür gibt es noch viel zu tun. Doch um für diese Ziele zu kämpfen, muss ich die Organisation nicht leiten.

Können Sie denn in Uganda ein freies Leben führen?
Nein, das kann ich leider nicht. Ich versuche, mein Haus so wenig wie möglich zu verlassen. Es gibt nur bestimmte Gebiete in der Stadt, die für Schwule und Lesben sicher scheinen. Aber gewiss ist das nie. Es passiert immer wieder, dass jemand von uns an einem vermeintlich sicheren Ort plötzlich angegriffen wird. Ich habe also immer im Hinterkopf, dass ich wachsam sein muss. Jedes Mal, wenn ich auf Menschen treffe, die erkennen, dass ich homosexuell bin, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie greifen mich an oder sie werden meine Freunde. Auf diesem schmalen Grad lebe ich mein Leben.

Kommen denn die internationale Unterstützung und die Solidarität bei Ihnen an?
Ja, die Unterstützung hilft natürlich sehr. Aber an dieser Stelle möchte ich einmal eine große Bitte äußern: Wenn sich jemand dazu entscheidet, eine Bewegung zu unterstützen – egal ob es sich um die LGBT-Szene oder um eine andere Bewegung handelt – sollte sich diese Person am besten immer direkt mit den Aktivisten vor Ort austauschen. Oftmals möchten die Menschen helfen, aber die Hilfe kommt vielleicht gar nicht am richtigen Ort an. Wenn sich die Menschen direkt mit den Aktivisten in Verbindung setzen, erfahren sie ganz konkret, wie und womit sie am besten helfen können.

In Nürnberg haben Sie im September den »Internationalen Menschenrechtspreis« verliehen bekommen. In der ganzen Stadt waren aus diesem Anlass Regenbogenfahnen gehisst. Was bedeutet Ihnen so ein Preis?
Sehr viel, denn er schützt mich! Durch Preise wie den »Internationalen Menschenrechtspreis« wird der Regierung und den Menschen in Uganda gezeigt, dass der Rest der Welt registriert, was in diesem Land passiert – und es nicht gutheißt, wie Homosexuelle dort behandelt werden. Außerdem ermutigt mich der Preis natürlich, mit meiner Arbeit weiterzumachen. Doch darüber hinaus soll der Preis auch ein Zeichen für junge Homosexuelle in der ganzen Welt sein, sich nicht mehr zu verstecken, sondern für ihre Rechte zu kämpfen.

Fragen: Sabine Mahler

Kasha Nabagesera
In Uganda steht Homosexualität unter Strafe. Außerdem sind Schwule und Lesben dort steter öffentlicher Diskriminierung ausgesetzt. Die Hetze gegen Homosexuelle ­erreichte im Oktober 2010 einen tragischen Höhepunkt, als ein ugandisches Magazin zur Ermordung homosexueller Menschen aufrief. Auch ein Bild der Anwältin Kasha Jaqueline Nabagesera wurde damals veröffentlicht. Nabagesera setzt sich als Gründerin der Organisation FARUG (»Freedom and Roam Uganda«) für die Rechte der LGBT-Szene in Uganda ein. Da sie ständiger Bedrohung ausgesetzt ist, wechselt sie regelmäßig ihren Wohnsitz. Im September 2013 wurde sie für ihr Engagement und ihren lebensgefährlichen Einsatz für Lesben und Schwule in Afrika mit dem »Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis« ausgezeichnet.
Weitere Infos: www.faruganda.org

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