Amnesty Journal Mexiko 17. September 2014

Theater gegen die Straflosigkeit

Mit Stücken über die Situation an der Grenze zu den USA hat das mexikanische Theater "Telón de Arena" national und international auf sich aufmerksam gemacht. Derzeit ist das Ensemble mit einem Drama über die Frauenmorde in und um Ciudad Juárez auf Tournee.

Von Knut Henkel

Die Bühne wird von einem einsamen Scheinwerfer und ein paar Kerzen in mattes Licht getaucht. Die Silhouette einer Frau, die mit dem Rücken zum Publikum auf einem Stuhl sitzt, schält sich aus dem Dunkel. Dann wird es schlagartig heller. Auf einer Leinwand über der Bühne erscheint das Konterfei von Rosa Isela Jurado, der Richterin des 6. Strafsenats des mexikanischen Bundesstaates Chihuahua. Zu dem Bundesstaat gehört auch die Grenzstadt Ciudad Juárez, wo bis heute immer wieder junge Frauen tot aufgefunden werden und Rosa Isela Jurado ist eine für die schleppende Aufklärung dieser Morde mitverantwortliche Richterin. "Wir haben mit einer Originalsequenz aus der Verhandlung vor dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte begonnen, weil wir die Zuschauer gleich in die Atmosphäre des Prozesses über den 'Feminicido' entführen wollten", sagt Perla de la Rosa. "Feminicido" ist in Ciudad Juárez der gängige Begriff, wenn über die Frauenmorde gesprochen wird, sagt die Regisseurin und Schauspielerin. Gemeinsam mit César Cabrera ist sie für die künstlerische Leitung des Theater "Telón de Arena" aus Ciudad Juárez verantwortlich und sie hatte die Idee zu "Justicia Negada", zu Deutsch "Verweigerte Gerechtigkeit".

Warum dieses Stück? "Weil ich mit den drei Frauen in Kontakt gewesen bin, die den Mut aufgebracht haben, vor dem Interamerikanischen Gerichtshof gegen den mexikanischen Staat zu klagen", sagt de la Rosa. Ein ungewöhnliches Beispiel. Von den Hunderten von Müttern, Vätern und Tanten, die das Verschwinden ihrer Töchter, Nichten und Frauen bei der Polizei von Ciudad Juárez anzeigten, haben nur wenige mit dem Gedanken gespielt, Recht bei einer übergeordneten Instanz einzuklagen. In Lateinamerika ist das der Interamerikanische Gerichtshof der Organisation Amerikanischer Staaten, dessen Urteilen sich die Mitgliedsstaaten unterwerfen. Verhandelt wurde der Fall "Campo Algodonero", wie der aufsehenerregende Prozess zu den Frauenmorden in Ciudad Juárez heißt, in Chile. Drei Tage dauerte die Anhörung der drei klageführenden Mütter, die Befragung der Ermittlungsbeamten, der Forensiker sowie der verantwortlichen Richterin Rosa Isela Jurado.

Das war im Dezember 2009 und in Ciudad Juárez war die Hoffnung groß, dass sich nach der Klage etwas ändern würde. "Schließlich ist der mexikanische Staat für seine Untätigkeit, für seine Ignoranz und Unfähigkeit verurteilt worden. Dafür ist die für ihre Untätigkeit und ihr Desinteresse bekannte Richterin das beste Beispiel", erläutert Perla de la Rosa. Die Literaturdozentin an der Autonomen Universität von Ciudad Juárez hat das Versagen der staatlichen Institutionen und den Schmerz der Angehörigen in den Fokus des Bühnenstücks gestellt.

Gegen die Untätigkeit, das Verschleppen und Vertuschen haben sich Josefina González, Benita Monárrez und Irma Monreal Jaimes, drei betroffene Mütter, gewehrt. Sie haben den mexikanischen Staat angeklagt, nach dem Verschwinden ihrer Töchter Claudia Ivette, Laura Berenice und Esmeralda Herrera zwischen dem 22. September und dem 29. Oktober 2001 nicht ermittelt zu haben. Die drei jungen Frauen wurden schließlich am 6. und 7. November 2001 auf einer als Baumwollfeld ("Campo Algodonero") bezeichneten Freifläche gegenüber eines Industriegebiets aufgefunden – missbraucht, verunstaltet und brutal ermordet. Insgesamt wurden acht Leichen junger Frauen zwischen 15 und 19 Jahren dort gefunden und alle wiesen Spuren von Folter auf.

Die Morde vom "Campo Algodonero" sorgten auch jenseits der Stadtgrenzen von Ciudad Juárez für Schlagzeilen. "Allerdings wird das Verschwinden von Frauen in Ciudad Juárez als Kollateralschaden des Fortschritts angesehen, als Preis des Wachstums sozusagen. Das ist eine perverse Logik und als Theater haben wir die Pflicht, darauf aufmerksam zu machen und den Toten ein Gesicht zu geben", formuliert die Regisseurin den Anspruch des 2002 gegründeten "Teatro Telón de Arena". Das beschäftigt sich mit der Situation in einer Stadt an der Grenze zu den USA, wo Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter Produkte für den US-Markt am Fließband zusammensetzen – von der Audioanlage bis zur elektrischen Zahnbürste. Ciudad Juárez als verlängerte Werkbank der US-Industrie – mindestens eine halbe Million Menschen arbeiten im Montagesektor. Untergebracht ist das Arbeitsheer in Siedlungen zwischen Sand, Felsen und Schnellstraßen in der Nähe der weitläufigen Industriegebiete.

In diesen oft trostlosen Siedlungen lebten auch Claudia Ivette, Laura Berenice und Esmeralda Herrera mit ihren Familien. Diese zeigten das Verschwinden ihrer Töchter umgehend an. Doch bei der Polizei wurden die beunruhigten Mütter nicht ernst genommen. Man speiste sie mit Vermutungen ab, die jungen Frauen würden sich bei ihren Freunden befinden, herumstreunen und schon wieder auftauchen. Selbst als die Leichen gefunden waren, wurde die Polizei nicht aktiv.

Für die Mütter ein Schock mit Folgen. "Wieder schlafen können, die Alpträume beenden", fleht die eine auf der Bühne, während die nächste nur wissen möchte, ob ihre Tochter wirklich tot ist oder noch lebt. Die quälende Unsicherheit verkörpern die drei Schauspielerinnen, unter ihnen Perla de la Rosa, ebenso überzeugend wie die nagende Einsamkeit. Diese überfällt immer wieder die Mutter von Claudia Yvette, gespielt von Guadalupe de la Mora, die ihre Tochter vermisst, weil sie das "Licht in ihr Haus brachte". Aufklärung, Gerechtigkeit und in Würde die Überreste ihrer Kinder beerdigen, wollen die drei Frauen. Und eine von ihnen spart mehrere tausend US-Dollar, um in den USA einen DNA-Test durchführen zu lassen. Warum? Weil sie schlicht nicht sicher ist, ob die Angaben der mexikanischen Behörden korrekt sind, die ihr die Überreste ihrer Tochter aushändigten. Also schickt sie einen Knochen zum DNA-Test nach San Francisco. Eine schockierende Maßnahme, die zeigt, wie weit das Misstrauen gegenüber der Polizei, den Behörden und der mexikanischen Justiz reicht.

Zu Recht, wie die Reaktionen auf das Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofs zeigten. "Wenige Tage nach dem Ende des Prozesses wurde Marisela Escobedo, eine der Aktivistinnen für Strafverfolgung und Aufklärung der Frauenmorde, auf einem Protestmarsch in Ciudad Juárez auf offener Straße erschossen", sagt Perla de la Rosa. Ein erster bitterer Dämpfer für die siegreichen Mütter, von denen auch Benita Monárrez massiv bedroht wurde. Sie wanderte nach dem Prozess in die USA aus, wo sie ­politisches Asyl erhielt. Ein Ende der Angst ist auch für Josefina González und Irma Monreal nicht in Sicht. Sie haben Angst, um die Kinder, die ihnen geblieben sind, denn in Ciudad Juárez hat sich trotz des aufsehenerregenden Prozesses kaum etwas geändert. Mehrere Punkte des umfang­reichen Urteils sind auch vier Jahre später noch nicht umgesetzt, immer noch verschwinden Frauen und selbst die Richterin Rosa Isela Jurado ist noch im Amt.

Der Autor berichtet als Journalist regelmäßig aus Lateinamerika.

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