Amnesty Journal Indien 17. September 2014

Indiens große Widersprüche

Hunger, Misshandlung von Mädchen und Frauen, Witwenverbrennung, Unmenschlichkeit: Zwei Indien-Korrespondenten analysieren in einer Streitschrift Politik und Alltag des Subkontinents.

Von Maik Söhler

Immer wieder beschleicht uns (…) das Gefühl, dass selbst gestandene Journalisten, Politiker und Experten Indien mit Samthandschuhen anfassen, weil ihnen das demokratische Indien am Ende doch sympathischer ist als ein islamischer Gottesstaat, das kommunistische China oder eine afrikanische Diktatur. Das aber ist falsche Rücksichtnahme und wird den Tatsachen nicht gerecht.« Es sind deutliche Worte, die die Journalisten Georg Blume (»Die Zeit«) und Christoph Hein (»FAZ«) am Ende ihres Buches »Indiens verdrängte Wahrheit« wählen. Blume hat lange in Indien gelebt, Hein berichtet aus Singapur und bereist den Subkontinent noch immer regelmäßig.

Die Autoren schildern einen Abgrund aus »menschenverachtenden Zuständen«, die vom Staat und den Eliten des Landes toleriert werden und von denen viele der Mächtigen profitieren. In einigen indischen Bundesstaaten müssen Mädchen systematisch Hunger leiden, weil Familien ihre Söhne bevorzugen. Witwen werden von Nachbarn mit Benzin übergossen und verbrannt, weil alleinstehende Frauen in der Gesellschaft nichts zählen. Frauen werden in allen Teilen Indiens häufig angegriffen und vergewaltigt. Die Autoren sprechen vom »Genderzid in einem Ausmaß, wie ihn die Menschheit bisher noch nicht erlebt hat«.

Ein Drittel aller Inder muss mit weniger als 1,25 Dollar pro Tag auskommen. Die medizinische Versorgung ist vor allem auf dem Land katastrophal. Die Suizidrate unter Kleinbauern ist hoch und wer das Elend verlässt, um in einer Boom-Stadt wie Bangalore sein Auskommen zu finden, landet nicht selten in einem Tagelöhnerjob, bei dem giftige Chemikalien und Dämpfe zum Alltag gehören. 40 Millionen Kinder sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Mangelernährung und Krankheiten gestorben, die in anderen Teilen der Welt längst als überwunden gelten.

»Indiens verdrängte Wahrheit« ist ein Buch, dem man die Wut seiner Autoren anmerkt und auch anmerken soll. Es ist als Streitschrift angelegt und richtet sich direkt an deutsche Politiker und Unternehmer, die mit Indien in diplomatischem oder wirtschaftlichem Kontakt stehen. Für eine Streitschrift wiederum sind die Aussagen gut belegt mit Zahlen, Statistiken und Expertenaussagen, die das Ausmaß des Elends verdeutlichen. Dabei wird auch die Schwäche des Werkes klar: Insbesondere im zweiten Teil, der sich mit der ökonomischen Situation Indiens befasst, scheinen die Autoren die möglichen Folgen ihrer Forderungen nach mehr wirtschaftlicher Liberalisierung und Öffnung zum Weltmarkt hin aus dem Blick zu verlieren. Denn mehr ökonomische Liberalisierung könnte zu noch mehr Armut führen – eine Garantie, dass dies nicht der Fall sein wird, kann derzeit jedenfalls niemand geben.

Georg Blume/Christoph Hein: Indiens verdrängte Wahrheit. Streitschrift gegen ein unmenschliches System. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014. 200 Seiten, 17 Euro.

Mehr dazu