Amnesty Journal Syrien 17. September 2014

Der lange Weg

Tausende syrische Flüchtlinge versuchen, über die Türkei in die EU zu gelangen. Die meisten scheitern, denn Europa mauert. Und nur wer Geld hat, kann überhaupt an die Reise denken.

Von Nicole Graaf

Die Flucht nach Europa lässt sich wählen wie eine Reise aus dem Urlaubskatalog. "Ein Flug nach Deutschland mit gefälschtem Pass kostet 8.000 bis 9.500 Euro, nur nach Bulgarien über die Grenze 450 Euro, bis zum Flüchtlingscamp dort 1.200 Euro, bis Sofia 2.500, nach Griechenland 3.000 Euro." Der 22-jährige Haidar kennt die Preise der Schleuser in der Türkei aus dem Kopf. Mit seinem besten Freund Hamid dreht er in Istanbul nach Feierabend eine Runde um den Block. Die beiden Syrer sind wie so viele ihrer Landsleute vor dem Krieg geflohen. Sie arbeiten in einer Reiseagentur im Viertel Aksaray: "Die dreckigste Gegend der Stadt", sagt Haidar. Er spart für den falschen Pass, das ist die teuerste, aber auch die sicherste Option, meint er. "Die Bulgaren haben zu viele Syrer, die sind selbst arm. Sie schicken die Flüchtlinge wieder zurück in die Türkei, genau wie die Griechen." Haidar will nach Deutschland oder Frankreich. Er lächelt, als würde er von einer längst geplanten Traumreise erzählen. Sein blaues T-Shirt zeigt den Eiffelturm und die Aufschrift "Paris". Mit seinen gegelten kinnlangen Haaren und dem hageren Gesicht könnte man ihn für verschlagen halten, würde er nicht so viel lachen. Sein Humor ist sein einziger Halt – neben seinem besten Freund Hamid.

Der 23-Jährige ist aus dem Militärdienst desertiert. Seine Einheit glaubt, er sei von Rebellen getötet worden. "Wenn die erfahren, dass ich noch lebe, bringen sie mich um." Assad habe seine Schergen überall, auch im Ausland, sagt er. Haidar studierte ursprünglich an der Universität von Aleppo. Ein paar hundert Meter hinter seinem Haus verlief die Front zwischen Regierungssoldaten und Rebellen in der schwer umkämpften Stadt und schnitt ihm den Weg zur Uni ab.

Neun Quadratmeter für vier Personen
Ihr nächtlicher Spaziergang führt die beiden Männer an einem vierspurigen Boulevard mit Reiseagenturen, Büros für Geldtransfer, Handyshops und Kiosken entlang. Viele der Passanten sind Afrikaner, Araber, Pakistaner oder aus dem Kaukasus. Unter einer Brücke verkaufen fliegende Händler gefälschte Uhren und Markenkleidung. In den Seitenstraßen leuchten die Namensschilder schummriger Hotels. "Um diese Uhrzeit sieht man hier nur Bettler, Kriminelle und Prostituierte." Haidars Blick schweift zu einer stark geschminkten Türkin in Pink, die mit einem Mann in Trainingsanzug in einer Kebab-Kaschemme zu Abend isst. An der Straßenecke haben sich zwei afrikanische Drogendealer mit dunklen Jacken und Baseballkappen postiert und warten auf Kundschaft. "Ich muss hier weg, bevor ich genauso werde", sagt Haidar.

Die beiden Freunde teilen sich ein Zimmer mit zwei anderen Syrern, neun Quadratmeter für vier Personen, mit Überwachungskameras an der Decke. "Wenn wir nicht da sind, ruft der Chef an und fragt, was wir machen", erzählt Haidar. Fremden gegenüber nennen sie ihn ihren Türkischlehrer, sie arbeiten schwarz. Vor dem Eingang eines sechsstöckigen, heruntergekommenen Hauses sprechen sie arabisch aussehende Touristen und Geschäftsleute an, um ihnen Ausflüge zu verkaufen, jeden Tag von morgens um neun bis nachts um zehn oder elf. "Das kann er nur mit uns machen, weil wir Syrer sind und keine andere Wahl haben", sagt Haidar über seinen Chef. Syrer erhalten in der Türkei wegen des Krieges zwar temporären Schutz, aber keine Arbeitserlaubnis.

Die beiden verdienen knapp 250 Euro im Monat, etwa die Hälfte davon schickt Haidar seiner Familie. Sie lebt in einem kurdischen Dorf nahe der türkischen Grenze. Es blieb bisher von Kämpfen weitestgehend verschont, aber es gibt keine Jobs, die Familie ernährt sich von einem kleinen Garten. "Letzten Monat habe ich kein Geld geschickt, da habe ich mir ein Handy gekauft." Haidar setzt ein jungenhaftes Grinsen auf und wedelt mit einem billigen Smartphone. Facebook ist seine Nabelschnur zu Familie und Freunden, die der Krieg über die Nachbarländer Syriens verstreut hat. Einige wenige haben es nach Europa geschafft, nach Stockholm, Den Haag und Berlin. Sie erzählen von Sprachkursen und der Chance auf ein neues Leben. "Ich will eine Zukunft, ich will mein Studium beenden", sagt Haidar.

Noch zwei Jahre wird es dauern, bis er genug Geld für den falschen Pass gespart hat, schätzt er. Nur mit dem Job in der Reiseagentur kommt er nicht weiter; ein Schleuser hatte ihm 450 Euro Prämie für die Vermittlung "Reisewilliger", wie er sie nennt, versprochen. Doch die Gruppe musste noch vor der Grenze umkehren und er ging leer aus. "Vielleicht klappt es beim nächsten Mal", lacht er. "Alle Syrer hier wollen weiter nach Europa. In der Türkei zu überleben, ist zu hart."

"Möge Gott ihnen helfen"
Den meisten bleibt nichts anderes übrig. Nur wer Geld für die Reise hat, kann an Europa überhaupt denken. In der Türkei sind offiziell knapp 800.000 syrische Flüchtlinge registriert – etwa zehn Mal so viele wie die gesamte EU bisher aufgenommen hat. Und die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher liegen, denn aus Unwissen oder Angst vor Abschiebung lassen sich viele nicht registrieren. Nur etwa 200.000 Syrer sind in UNO-Camps entlang der türkisch-syrischen Grenze untergekommen. Die meisten anderen versuchen, sich in den großen Städten durchzuschlagen. In Istanbul trifft man sie überall: Sie betteln auf Plätzen, Fußgängerbrücken und vor U-Bahneingängen. Im Ausgehviertel Beyoğlu streunen Kinder an den Bars vorbei und verkaufen Wasser an Nachtschwärmer. Jugendliche, die ihre Habseligkeiten in Plastiktüten mit sich tragen, verbringen die Nächte auf Pappkartons vor den Eingängen der Modeläden auf der Einkaufsmeile Istiklal. Die Neuankömmlinge stranden in öffentlichen Parks.

Dort, wo Touristenbusse die Altstadt anfahren, hat eine Großfamilie mit kleinen Kindern ihr Lager aufgeschlagen. An offenen Feuern wärmt sie sich. Wenn es regnet, schläft sie in Etappen unter einem Dach aus Plastikplanen, bis der Parkwächter sie wegscheucht. "Sie vergraulen die Touristen", sagt er. "Unsere Regierung nimmt sie alle auf, aber dann kümmert sich niemand um sie." Im angrenzenden Altstadtviertel Fatih vermieten Hausbesitzer Zimmer in halb verfallenen Altbauten für umgerechnet 35 bis 135 Euro – pro Tag. Sie nutzen die Notlage der Flüchtlinge aus, die niemanden kennen, keine Sicherheiten vorzuweisen haben und deshalb keine reguläre Wohnung finden. Türkische Anwohner beschweren sich über Diebstähle, Dreck und sinkende Löhne in Restaurants und Fabriken, weil die Syrer jede Bezahlung akzeptieren.

"Inschallah, möge Gott ihnen helfen", sagt der Imam einer kleinen Moschee, ein kleiner, beleibter Mann mit kurzem, weißem Bart. "Hoffentlich können sie bald zurückkehren. Möge die EU ihnen doch helfen, Inschallah. Wo sollen sie denn hin?"

Warten, bis der Krieg vorbei ist
An eine baldige Rückkehr ist nicht zu denken. In Syrien kämpfen so viele verschiedene Gruppen gegeneinander, dass der Konflikt unlösbar scheint. Selbst die bislang vergleichsweise ­ruhigen Kurdengebiete im Norden des Landes sind nicht mehr sicher, seit die radikalislamischen ISIS-Rebellen dort stärker werden.

Der 27-jährige Muhammed* musste erleben, was das bedeutet. Die Islamisten entführten seinen Bruder, er hat seit drei Monaten nichts von ihm gehört. Seine Familie drängte ihn und den Jüngsten zur Flucht, bevor ihnen Ähnliches widerfahren würde. Die Mutter will Syrien nicht verlassen, bevor sie ihren Sohn nicht gefunden hat. Zwei weitere Brüder sind bei ihr geblieben, erzählt Muhammed. Die Sorge um seine Mutter steht ihm ins Gesicht geschrieben. Seine Hände verraten, dass er kräftig gewesen sein muss, doch nun schlackert sein schwarzes Hemd um seinen hageren Körper. Mit seinem jüngsten Bruder, seiner Frau und zwei kleinen Töchtern ist er in Cizre gestrandet, im Kurdengebiet der Türkei. Die Grenze zu Syrien und dem Irak liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Viele syrische Kurden fliehen in diese Region. Allein in seinem Viertel lebten an die 300 Familien, sagt Muhammed. Die Flüchtlingslager seien voll. Außerdem seien dort hauptsächlich Araber untergebracht. Kurden und andere ethnische Gruppen haben häufig Schwierigkeiten, nachzuweisen, dass sie tatsächlich aus Syrien stammen.

Die Familie hat das Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses gemietet, zwei dunkle, fast leere Zimmer. Auf einem dünnen Teppich über dem Betonboden werden nachts Decken als Schlaflager ausgebreitet. Tagsüber sitzt die Familie draußen im Hof. Gleich hinter der Mauer fließt ein offener Abwasserkanal vorbei, der im Sommer nach Müll und modrigem Wasser stinkt. Muhammeds Frau, eine schüchterne 18-Jährige, wiegt in einer Ecke der kahlen Veranda unablässig ihr Baby im Arm. Wenn ihr Mann und ihr Schwager bei der Arbeit sind, lädt eine Nachbarin sie manchmal zum Tee ein.

Neben einem Kerosinkocher lehnt ein Sack Kartoffeln und ein Kanister billiges Speiseöl. Die Männer bringen nur etwa jeden zweiten Tag Geld nach Hause. Sie arbeiten auf dem Bau für 14 Euro am Tag. "In Syrien war ich Baggerführer. Ich konnte mir die besten Arbeitsstellen aussuchen", sagt Muhammed. Sein Bruder studierte Architektur. Muhammeds rechtes Auge ist blau und rot unterlaufen, sein Gesicht geschwollen. Am Tag zuvor ist er bei der Arbeit gestürzt. Bis sein Auge verheilt ist, muss er zu Hause bleiben. "Wir arbeiten ohne Versicherung. Wenn etwas passiert, hilft uns niemand." Die Familie will in Cizre bleiben, bis der Krieg vorbei ist, selbst wenn es Jahre dauert, sagt Muhammed. "Wir können nur abwarten, was jeder Tag bringt."

Am Grenzfluss
Die EU hat Ende 2013 die türkische Regierung dazu gebracht, ein Rücknahmeabkommen zu unterzeichnen, damit sie Flüchtlinge dorthin abschieben kann. Sie machte dies zur Vorbedingung für eine visafreie Einreise in die EU, die sich die Türken seit Jahren erhoffen. Kritiker nennen das Erpressung. Die Türkei hat sich in dem Abkommen auch verpflichtet, ihre Nordwestgrenze zu Bulgarien und Griechenland besser zu sichern.

Nur wenige Kilometer von den beiden EU-Staaten entfernt liegt Edirne, eine gemütliche Stadt mit griechisch anmutender Architektur. Ohne die prächtigen, alten Moscheen im Stadtzentrum könnte man sich bereits im Nachbarland wähnen. In der Lobby eines kleinen Hotels sitzen zwei Dutzend Männer und eine sechzehnköpfige Großfamilie auf ausladenden Ledersofas. Ihre Kinder rennen vor der Rezeption auf und ab. Bis auf einen Iraker und zwei Algerier kommen alle hier aus Syrien.

Auf einem großen Flachbildschirm läuft "Al Jazeera" auf Arabisch. Wenn Bilder von Kämpfen und Toten in Syrien gezeigt werden, geht ein Raunen durch den Raum. Fast alle haben Bilder wie die, die über den Fernsehschirm flimmern, mit eigenen Augen gesehen. Sie sehen Europa als ihren einzigen Ausweg an. Die meisten haben bereits einen gescheiterten Versuch hinter sich, nach Griechenland oder Bulgarien zu gelangen, wie der 27-jährige Informatiker Ammar aus Damaskus. Er trägt hellgraue Jeans, ist sauber rasiert, die Haare modisch kurz. Er würde auch in Berlin oder Paris nicht weiter auffallen. Er ist geflohen, als er zum Militärdienst in der syrischen Armee eingezogen werden sollte. Zur Strafe wurde sein Bruder von Regierungssoldaten mitgenommen und gefoltert. Inzwischen ist auch er geflohen.

Ammar möchte zu seinem ältesten Bruder, der seit mehr als zehn Jahren in Barcelona lebt. Lange vor dem Krieg hat er ihn einmal besucht, zwei Wochen mit Touristenvisum. Es war so einfach damals. Vor ein paar Tagen hat er versucht, den Grenzfluss Evros zwischen der Türkei und Griechenland zu überqueren, gemeinsam mit sechs weiteren Syrern, eine bunt gemischte Gruppe: Vier Sunniten, zwei Christen, einer davon Araber, die anderen Kurden. "Das ist egal, hier sind wir alle einfach Syrer", sagt Hosin. Der große durchtrainierte 37-Jährige mit kurzem Haarschnitt und Lederstiefeln ist ihr Anführer und Stratege. Die Art, wie er redet und sich bewegt, lässt ahnen, dass er Soldat war. Er lässt sich nie aus der Ruhe bringen, spricht nüchtern, selbst wenn er von schrecklichen Erlebnissen berichtet. Hosin hat 15 Jahre als Leutnant in der syrischen Armee gedient, zuletzt für den syrischen Botschafter im Libanon. "Rebellen der Al-Nusra-Front haben meine gesamte Familie ermordet – wegen mir", sagt er. Als er kurz darauf nach Syrien zurückbeordert wurde, um gegen die Rebellen zu kämpfen, ist er desertiert und geflohen. Der Krieg schien ihm sinnlos. "Ich kann nirgendwo hin", sagt er. Im Libanon würde ihn die Hisbollah umbringen, die auf der Seite Assads steht. In Syrien würde ihn die Kriegspartei töten, die ihn als erstes zu fassen bekommt.

"Niemand weiß, wer ihr seid"
Für ihren ersten Fluchtversuch wählten die Männer die Route nach Griechenland. Doch nachdem sie den Grenzfluss überquert hatten, verliefen sie sich im Wald. Im Glauben, sie würden temporären Aufenthalt bekommen, meldeten sie sich auf einer Polizeistation im nächsten Dorf. Nach EU-Recht müssen die Behörden der Mitgliedsstaaten bei jedem Flüchtling den Anspruch auf Asyl prüfen – und zwar einzeln. Solange dürfen sie nicht abgeschoben werden. "Aber in der Nacht kamen plötzlich andere Polizisten", sagt Ammar. "Sie haben uns in einen Bus gesetzt und uns zurück zum Fluss gefahren." Er erzählt von maskierten Männern, die ihn angeschrien und geschlagen hätten. Sie mussten in ein Boot steigen und kurz vor einer Insel auf türkischer Seite ins Wasser springen. Ob sie schwimmen konnten, war den "Maskenmännern" egal. Hosin zeigt seinen verwaschenen Reisepass und sein altes Nokia-Handy. Unter dem Display haben sich Wassertröpfchen gesammelt. "Einige von denen haben Englisch mit deutschem Akzent gesprochen. Und auf ihrer Jacke stand 'Polizei'", sagt er. "Sie haben gedroht, wenn wir es noch einmal versuchten, würden sie uns erschießen, unsere Pässe vernichten und uns ins Wasser werfen. Niemand weiß, wer ihr seid, haben sie gesagt." Hosin und Ammar sind überzeugt, dass die maskierten Männer Deutsche waren. Nachprüfen lässt sich das nicht. Doch auch andere Syrer in dem Hotel erzählen von sogenannten "Push-Back"-Aktionen, an denen nicht nur Griechen oder Bulgaren, sondern auch Grenzschützer aus anderen EU-Ländern beteiligt gewesen seien.

Die Großfamilie, drei Brüder mit ihren Frauen und insgesamt zehn Kindern, sind bei ihrem Fluchtversuch nach Bulgarien ebenfalls gefasst und zurückgeschickt worden – mitten in der Nacht mussten sie mehrere Stunden durch den Wald laufen. Sie haben einen Zweijährigen mit Herzfehler und Blutgerinnseln im Kopf dabei. Seine Mutter zeigt Krankenhauspapiere aus Istanbul mit Röntgenbildern. "Er braucht dringend eine Operation, aber die Polizisten haben uns nicht geglaubt", sagt sie. In der Türkei erhalten registrierte Flüchtlinge zwar eine kostenlose medizinische Behandlung, aber die Ärzte hätten sie bisher nur mit Pillen und Sirup abgespeist, weil eine Operation zu teuer sei. Der Junge kann weder laufen noch sprechen und weint permanent. "Ich musste ihm unterwegs Schlafmittel geben, damit sein Weinen uns nicht verrät", erzählt die Mutter, eine kleine, sanfte Frau mit Pferdeschwanz.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Pro Asyl kritisieren die teilweise rabiaten "Push-Back"-Aktionen seit Langem. Immer wieder sterben Menschen bei dem Versuch, die EU zu erreichen. Nicht nur die gefährlichen Fahrten über das Mittelmeer fordern Menschenleben, auch aus dem Grenzfluss Evros wurden bereits ertrunkene Flüchtlinge gefischt. Nachdem Griechenland seine Landgrenze mit einem sechs Meter hohen Zaun gesichert hat, wählen immer mehr Flüchtlinge den Weg über den Fluss. Auch Bulgarien hat die Kontrollen verschärft und einen Zaun errichtet. Seitdem verzeichnen die Registrierungsstellen dort zehn Mal weniger Antragsteller als zuvor. "Wir sind doch Menschen", sagt die Mutter des kranken Jungen mit ratloser Miene.

Auf die türkische Armee lassen die meisten Flüchtlinge indes nichts kommen. Soldaten hätten sie nach dem gescheiterten Versuch von der Insel im Fluss gerettet, erzählt Ammar. Sie hätten sie in Decken gepackt, ihnen Wasser und etwas zu essen gegeben. Nach zwei Nächten im Auffanglager durften sie gehen. "Sie haben uns wie Brüder behandelt", sagt er.

Über der Heizung in seinem Zimmer hängen Socken und T-Shirts zum Trocknen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wollen die Männer einen erneuten Versuch wagen: per Taxi bis zum letzten Dorf vor der Grenze und dann zu Fuß durch die Felder bis zum Fluss. Sie haben Kinderschwimmringe gekauft, an denen sie sich in der starken Strömung festhalten und ihre Sachen in Plastiktüten trocken ans andere Ufer bringen wollen. Mithilfe eines Smartphones und Google Earth haben sie sich eine Route überlegt, die sie von der Grenze ins Landesinnere führen soll. Hosin zeigt auf eine Stadt rund 40 Kilometer vom Fluss entfernt. "Wenn wir es bis dorthin schaffen, können sie uns nicht so leicht wieder zurückschicken", sagt er.

Die Autorin ist Auslandskorrespondentin.

Die mit *gekennzeichneten Namen wurden zum Schutz der Personen ­geändert.

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