Amnesty Journal Irak 28. November 2013

"Leben" gesucht, "Tod" gefunden

Der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider über zweieinhalb Jahre Arabischer Frühling, die ­Situation im Irak zehn Jahre nach der Invasion und die Rolle der Intellektuellen.

Vieles ist in den arabischen Ländern in Bewegung geraten und doch zeigen sich auch die Grenzen der Veränderung. Haben Sie als exil-irakischer Schriftsteller einen spezifischen Blick auf diese Entwicklungen?
Viele Araber hatten lange nicht das Gefühl, dass ihre Länder zu ihnen gehören. Die gehörten anderen. Früher den Kolonialmächten, danach den arabischen Herrschern – Generälen, Mo­narchen, Parteiführern. Der Arabische Frühling hat den Menschen das Gefühl zurückgegeben, sich das eigene Land zurückerobern zu können. Neu ist auch, wie schnell sich die Impulse von Tunesien aus verbreitet haben und dass die Araber plötzlich stolz auf sich sind, stolz darauf, was sie auf der Straße erreicht haben. Immer hieß es über die Araber: »Ihr seid unfähig zur Demokratie.« Gerade die arabischen Herrscher haben solche Sätze über die eigene Bevölkerung gesagt und oft haben Intellektuelle zugestimmt. Die Situation heute ist eine andere. Junge Araber haben gezeigt, dass sie zur Demokratie fähig sind. Darauf können sie stolz sein und sie sind es auch.

Im Westen haben wir von jüngeren Arabern gehört und gelesen: von Twitterern in Tunesien, Facebookern in Ägypten, Youtube-Nutzern in Libyen und Syrien. Gehen die Umbrüche allein von ihnen aus oder täuschen wir uns?
Nein, Ältere waren kaum beteiligt. Nehmen wir mal die älteren Schriftsteller. Sie konnten gegen die Macht sein – im Exil. Die im Land blieben, waren gespalten. Sie redeten von Liebe und Revolution, tanzten aber für den Präsidenten. Dabei verloren sie auf Dauer die Fähigkeit, ein Land kulturell zu führen. Sie kritisierten nicht mehr den Präsidenten, sondern das Volk. Daraus erwuchsen weitere Probleme. Am Ende hatten beide Seiten, das Volk und die Intellektuellen, den Eindruck, nicht im selben Land zu leben.

Hat sich das mittlerweile geändert?
Viele Schriftsteller sind erst laut geworden, als die Veränderungen schon in Gang waren. Es ging ihnen vorher gut, sie be­kamen Geld vom Staat und aus dem Westen, sie lebten in einer abgeschotteten Welt. 2005 habe ich eine Sammlung von Kurz­geschichten aus der arabischen Welt herausgegeben und darin nach dem Wort »Leben« gesucht. Es war kaum zu finden, ebenso wie »Liebe« oder »Mensch«. Im Überfluss fand ich das Wort »Tod«. Das ist heute nicht mehr so, die Schriftsteller ändern sich und ihre Sprache. So optimistisch wie das Volk sind die Intellektuellen aber nicht. Wenn ich mit älteren Schriftstellern zusam­mensitze, etwa in Kairo, und sie fangen an zu sprechen, dann denke ich: »Was für großartige Ideen!« Aber wenn sie schreiben, kommt das nicht vor. Sie haben zwei Identitäten; eine, wenn sie sich frei und sicher fühlen, das ist ihre private Identität. In ihrer öffentlichen Identität ist davon nichts zu spüren. Wer bezahlt, bestimmt, das gilt leider immer noch für viele – arabische Schriftsteller sind gute Geschäftsleute.

Viele Schriftsteller in arabischen Ländern sagen, ihr Problem seien nicht die Herrscher oder die Bevölkerung, sondern die ­Islamisten. Was ist da dran?
Die Islamisten sind ein Problem. Aber sie sind auch ein Produkt der Diktaturen. Im Kalten Krieg waren die Kommunisten stark in der arabischen Welt. Deswegen haben die Herrscher gern mit den damals noch kleinen islamischen Parteien zusammengearbeitet, genauso wie die Amerikaner. In Ägypten hat Sadat mit der Muslimbruderschaft kooperiert, um die Kommunisten auszuschalten. In Syrien war das so, im Irak auch. Danach gab es nur noch die Konkurrenz zwischen diktatorischen Regimen und Islamisten. Erst mit dem Arabischen Frühling hat etwas Neues angefangen, das aus diesem Dualismus ausbricht.

Wie gehen denn jüngere Intellektuelle in arabischen Ländern mit den Islamisten um?
Ohne Dialog geht es nicht. »Die Islamisten, das sind die Dummen«, so denken die meisten jungen Künstler, und auch ich bin davon nicht frei. Das ist ein großer Fehler. Die Islamisten sind ein Teil der Gesellschaft und man muss mit ihnen reden.

Die Islamisten sind teilweise stärker als vor der Revolution.
Islamisten instrumentalisieren es gern, wenn arabische Intellektuelle Unterstützung aus dem Ausland bekommen. Dann sind sie auch noch Opfer ausländischer Interessen und nicht nur Opfer inländischer Repression. Wenn die Einmischung aus dem Ausland aufhört, ich meine hier nicht nur den Westen, sondern auch Saudi-Arabien und Katar, können sich die Islamisten nicht mehr so leicht als Opfer darstellen. ­Damit wäre viel gewonnen.

Warum hat der Arabische Frühling den Irak nicht erreicht?
Die Revolution war nur in den nordafrikanischen Ländern erfolgreich, nicht in den arabischen Staaten Asiens. Sie ist in ­Syrien gestoppt worden und die Iraker starren gebannt dorthin. Im Irak löst das politische System keine Probleme, es produziert welche. Die Frage im Irak ist: Ist das ein Land oder eine Ansammlung von Banditen? Dazu kommen die Hinterlassenschaften der Amerikaner – vielerorts gibt es weder Strom noch Wasser, die Preise sind hoch, Sicherheit gibt es nicht, ein normales Leben ist unmöglich.

Gibt es keine Beispiele dafür, dass etwas besser wird?
Die Bilder Saddam Husseins sind verschwunden, auch aus den Schulbüchern. Doch die Texte, die es unter Saddam gab, sind oft geblieben. Ein großer Saddam Hussein wurde entfernt, jetzt haben wir mehrere kleine Saddams. Den Irakern fehlen Stolz, Hoffnung und Träume.

Vor gut zehn Jahren begann die Invasion. In westlichen ­Medien wurde zum Jahrestag gefragt, ob sich der Irakkrieg ­gelohnt habe. Wie beantworten Sie diese Frage?
Kriege sind immer falsch. Und Saddam Hussein ist weg. Als Saddam noch an der Macht war, versanken wir in einem Meer aus Blut und Traurigkeit. Es war uns egal, wer uns die Hand zur Hilfe reichte und wie diese Hilfe aussah. Viele Iraker waren froh, als endlich die Amerikaner da waren. Dann begannen die neuen Probleme, die bis heute anhalten. Das Land ist kaputt, das Volk ist erschöpft, nichts funktioniert. Damit sind nun auch die letzten Hoffnungen zerstört. Im Irak wird sich nur etwas ändern, wenn sich in den Nachbarländern etwas ändert. Deswegen ist der Fortgang der arabischen Revolution auch für den Irak so wichtig.

Fragen: Maik Söhler

Abbas Khider
Abbas Khider, geboren 1973 in Bagdad, lebt seit dem Jahr 2000 in Deutschland. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Brief in die Auberginenrepublik«, der in Libyen, Ägypten, Jordanien und im Irak spielt und das irakische Spitzel- und Folterregime zum Thema hat. Edition Nautilus, Hamburg 2013, 160 Seiten, 18 Euro.

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