Amnesty Journal Belarus 28. November 2013

Hüterin der Stimmen

Am 13. Oktober wird der belarussischen Schriftstel­lerin Swetlana Alexijewitsch der Friedenspreis des ­deutschen Buchhandels verliehen – einer Literatin, die trotz Repressionen der Regierung Lukaschenkos Tabus wie die Folgen des Afghanistan-Kriegs oder Tschernobyl thematisiert.

Von Barbara Oertel

Dass die Staatsmacht mit dieser Härte und so erbarmungslos vorgegangen ist, hat mich vollkommen schockiert. Ich saß mit meinen Freunden in der Küche und wir waren fassungslos. Wir hätten uns niemals vorstellen können, dass das, was wir bei Alexander Solschenizyn im Archipel Gulag gelesen hatten, nach der Perestroika und dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei uns noch einmal Realität werden könnte«, sagt Swetlana Alexijewitsch.

Als die belarussische Schriftstellerin über die Ereignisse im Dezember 2010 in ihrer Heimatstad Minsk spricht, hält sie sich gerade in einer Wohnung in Berlin-Friedenau auf. Es ist Januar 2011. Als Stipendiatin des Künstlerprogramms des deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) verbringt sie einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt in der deutschen Hauptstadt – eine weitere Station einer elfjährigen Odyssee durch Westeuropa, die Alexijewitsch seit 2000 nach Paris, Stockholm, München und auch nach Berlin geführt hat. Die preisgekrönte Schriftstellerin ist im persönlichen Gespräch zurückhaltend, eine Frau der leisen Töne, wobei jedes Wort mit Bedacht gewählt ist. Doch bei dem Treffen in der Berliner Wohnung wird schon nach den ersten Sätzen spürbar, dass sie noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse vom 19. Dezember 2010 steht, die sie hautnah miterlebt hat.

An diesem Tag waren die Belarussen dazu aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. Mit der Zulassung oppositioneller Kandidaten hatte die Regierung Hoffnungen auf eine Liberalisierung genährt. Doch diese Hoffnungen wurden im wahrsten Sinne des Wortes am Abend des 19. Dezember zerschlagen, als der Autokrat Alexander Lukaschenko Massenproteste gegen den Wahlausgang zusammenknüppeln und einige seiner politischen Widersacher ins Gefängnis werfen ließ. »Dieser 19. Dezember wird ein großes Trauma bleiben«, prophezeite Swetlana Alexijewitsch damals.

Traumata, vor allem ausgelöst durch Erlebnisse während des Krieges, gebrochene Biografien, zerplatzte Träume, geheime Sehnsüchte, die großen und kleinen Katastrophen im Alltag des »Homo sovieticus« – das sind die Themen, die Alexijewitsch seit nunmehr über 30 Jahren umtreiben. Oder wie es in der Begründung der Jury für die Vergabe des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die 65-Jährige heißt: »Geehrt wird eine Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Belarus, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht.«

Swetlana Alexijewitsch wird am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) geboren als Tochter ­einer Ukrainerin und eines Belarussen. Nach dem Ende des Mi­litärdienstes ihres Vaters zieht die Familie nach Belarus, wo die Eltern in einem Dorf als Lehrer arbeiten. Nach ersten journalistischen Arbeiten bei einer Lokalzeitung in Gomel nimmt Alexijewitsch ein Journalistik-Studium an der Staatlichen Universität in Minsk auf. Nach ihrem Abschluss 1972 arbeitet sie für die »Land-Zeitung« in Minsk sowie das Literaturmagazin »Neman«. In dieser Zeit versucht sie sich an verschiedenen Genres wie Kurzgeschichten, Essays und Reportagen. Und sie entwickelt eine Methode, die ihr die größtmögliche Annäherung an das »wahre Leben« erlaubt, wie sie es formuliert. »Ich habe das Genre menschlicher Stimmen gewählt«, schreibt sie auf ihrer Homepage unter der Überschrift »Auf der Suche nach dem ewigen Menschen – anstatt einer Biografie«. » Meine Bücher erspähe und erlausche ich auf den Straßen und am Fenster. Reale Menschen erzählen von den großen Ereignissen ihrer Zeit – vom Krieg, dem Zusammenbruch des sozialistischen Imperiums, Tschernobyl. Diese Gesamtkonzeption ergibt die Geschichte des Landes.«

Die Methode, Einzelschicksale literarisch zu einer Chronik der Sowjetunion und ihrer Nachfolgestaaten zu verdichten, wendet Alexijewitsch erstmals in ihrem Buch »Der Krieg hat kein weibliches Gesicht« an, das sie 1983 vollendet. Darin dokumentiert sie die Erlebnisse von Soldatinnen, Partisaninnen und Zivilangestellten im und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wegen dieses Buches, das als Vorlage für Theaterinszenierungen und einen Dokumentarfilm dient und erst 1985 mit Beginn der Perestroika erscheinen kann, wird Alexijewitsch angeklagt, die Ehre des »Großen Vaterländischen Krieges« beschmutzt zu haben. Die Zeitung, bei der sie beschäftigt ist, kündigt ihr. Im selben Jahr kommt ihr Buch »Die letzten Zeugen« heraus. Darin schildert die Autorin neben der Sicht von Kindern und Frauen auf den Krieg auch die Erfahrungen ihrer eigenen Familie im Zweiten Weltkrieg und während der Stalinzeit. Das Tauwetter unter Michail Gorbatschow ermöglicht es auch Alexijewitsch freier zu arbeiten. In »Zinkjungen« aus dem Jahr 1989 kommen Veteranen aus dem sowjetischen Krieg gegen Afghanistan sowie Mütter gefallener Soldaten zu Wort. Auch dieses Werk bringt Alexijewitsch mehrere Gerichtsverfahren in Minsk ein – der ­Titel »Zinkjunge« bezieht sich auf die Zinksärge, in denen die gefallenen Soldaten nach Hause gebracht werden. »Im Banne des Todes« (1993) setzt sich mit Menschen auseinander, die den Untergang der Sowjetunion nicht verkraftet haben und darum ihrem Leben ein Ende setzen wollen.

Ein Jahr später kommt in Belarus Alexander Lukaschenko an die Macht. Sein Ziel ist es, die demokratische Verfassung auszuhebeln, die Massenmedien gleichzuschalten und jegliche kritische Stimme mundtot zu machen. Das hat auch Konsequenzen für Swetlana Alexijewitsch. Ihr nächstes Werk »Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft« aus dem Jahr 1997 – ein erschütterndes und verstörendes Dokument über das Leiden und die Tragödie derer, die direkt von der Reaktorkatastrophe im April 1986 in der Ukraine betroffen waren – kann in ihrem Heimatland nicht mehr erscheinen. Überhaupt werden alle ihre Bücher, die mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt sind, aus den Lehrplänen der Schulen gestrichen. Mit dem Preisgeld, das sie 1998 für den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält, kauft Alexijewitsch russische Ausgaben ihres Tschernobyl-Buches und bringt sie heimlich nach Belarus. Derweil verstärken sich die Repressionen. Alexijewitsch wird unter anderem beschuldigt, für die CIA zu arbeiten. Ihr Telefon wird abgehört, sie darf nicht mehr öffentlich auftreten. Mit Unterstützung des Netzwerks »International Cities of Refuge Network« (ICORN) geht sie 2000 für einige Jahre nach Paris.

Heute lebt Alexijewitsch wieder in Minsk und das, obwohl Lukaschenko nach wie vor mit unerbittlicher Härte gegen seine Kritiker vorgeht. Nur dort könne sie Material für ihre Bücher sammeln, sagt sie. Und sie wolle ihren Enkel aufwachsen sehen – den Sohn ihrer Nichte, derer sie sich nach dem frühen Tod ihrer Schwester angenommen hatte.

Lukaschenko dürfte sich wohl kaum über die jüngste Auszeichnung für Swetlana Alexijewitsch gefreut haben. Aber auch viele ihrer Landsleute waren geradezu empört wegen eines Interviews, das Alexijewitsch im Juni der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« gab. Auf die Frage, warum sie auf Russisch und nicht auf Belarussisch schreibe, wird sie dort mit dem Satz zitiert: »Die belarussische Sprache ist sehr bäuerlich und literarisch unausgereift.« Alexijewitsch verwahrt sich energisch gegen diese Darstellung. »Ich bin doch kein Kamikaze, dass ich solche Dinge sagen würde. Aber ich habe immer gesagt, dass ich zwei Mütter habe. Das belarussische Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, und die russische Kultur, in der ich erzogen wurde. Wenn die russische Kultur meine Weltanschauung ist, dann ist die belarussische Kultur meine Seele.«

Derzeit hat die Schriftstellerin, deren angeschlagene Gesundheit sie in diesem Sommer ins Krankenhaus zwang, bereits wieder Pläne für ein neues Buch. »Hundert Erzählungen über die Liebe« soll es heißen.

Die Autorin ist Journalistin und Osteuropa-Expertin und lebt in Berlin.

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