Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 28. Januar 2014

Wut und Schmerz

Der kongolesische Tänzer und Choreograf Faustin ­Linyekula zählt zu den bekanntesten Künstlern ­Afrikas. In seinen Arbeiten thematisiert er die ­grausame Geschichte und Gegenwart seines ­Heimatlandes.

Von Georg Kasch

Ich will keine Geschichten mehr vom Elend erzählen«, sagt der kleine drahtige Mann am Rand der Bühne. »Ich will mich auf die Suche nach den Träumen machen.« So sehr Faustin Linyekula den Träumen an verschiedenen Orten seines Heimatlandes nachspürt, so sehr die Tänzer und Schauspieler kreiseln und stampfen, singen und brüllen und ihre ­Körper zucken lassen, als könnten sie so ein besseres Leben beschwören – am Ende erkennt Linyekula: »Hier ist der Traum nicht mehr. Man muss weiter nach ihm suchen.«

Seit langem schon thematisiert der Tänzer und Choreograf in seinen Arbeiten Geschichte und Gegenwart der Demokratischen Republik Kongo, die Jahrzehnte der Kriege, des Terrors, der Angst und des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. »Ich erzähle immer wieder von Wut und Schmerz«, erklärt Linyekula den Beginn von »Drums and Digging« (Trommeln und Graben), das in diesem Jahr unter anderem beim Theaterfestival in Avignon und beim Berliner Festival »Tanz im August« zu sehen war. Eigentlich will er das nicht mehr, aber bislang ist ihm kein anderes Thema geglückt – zu tief sitzen die Wunden der vergangenen Jahrzehnte, zu chaotisch sind die Zustände in seinem Heimatland. Besonders tief steigt er hinab in den Keller der kongolesischen Geschichte in seinem Stück »Sur les traces de Dinozord« (Auf den Spuren von Dinozord), das im Sommer beim »Foreign Affairs«-Festival in Berlin gezeigt wurde. Er setzt damit auch dem kongolesischen Dichter Kabako ein Denkmal, der 1997 an der Pest starb. Nach seinem Jugendfreund hat Linyekula auch seine Produktionsplattform benannt, die Studios Kabako.

Die Demokratische Republik Kongo hat eine blutige Geschichte: Der belgische König Leopold II. erklärte das Gebiet zu seinem Privatbesitz und beutete es brutal aus. Nachdem das Land 1960 die Unabhängigkeit erlangt hatte, putschte sich 1965 Mobutu an die Macht. Der Diktator regierte das Land unter dem Namen Zaire bis 1997. Unter seinem Nachfolger, Ex-Rebellenführer Laurent Désiré Kabila, spitzte sich die Situation weiter zu. Dessen Sohn Joseph wurde zwar 2006 als erster Präsident demokratisch gewählt, dem Land geht es jedoch dennoch schlecht, sagt Linyekula: »Wir fallen gerade hinter die schlimme Mobutu-Zeit zurück. Das ist tragisch! Mobutu hatte eine bestimmte Idee von sich selbst, er brachte die Menschen wenigstens zum Träumen. Heute zeichnet sich die Regierung durch den kollektiven Mangel an Ehrgeiz aus.« Jenseits der Hauptstadt herrscht Chaos und Selbstorganisation – bestenfalls. »Eine Folge der Diktatur, als jede Individualität unterdrückt wurde, ist die Tatsache, dass zu wenige Menschen in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Wenn es ein Problem gibt, warten wir auf jemanden, der von außen kommt und es löst.«

Der 39-Jährige gehört längst zu den bekanntesten Künstlern Afrikas. Nach längeren Aufenthalten in Europa kehrte er 2001 in sein Heimatland zurück und gründete in Kinshasa seine Produktionsplattform, die er mittlerweile in Kisangani im Norden des Landes betreibt. In den Studios Kabako produziert er Tanz und visuelles Theater, Musik und Videos; außerdem bietet das Zentrum Trainingsprogramme an und unterstützt Forschungsprojekte. Längst sind die Studios zur Anlaufstelle für Künstler aus dem ganzen Land geworden, ein »Raum zum Denken und Träumen«, wie Linyekula sagt. Das Geld für die Studios verdient Linyekula im Ausland: Die Hälfte des Jahres choreografiert, tourt und unterrichtet er in Europa und den USA.

In »Sur les traces de Dinozord« etwa verarbeitete er die Trauer um seinen Freund Kabako, aber auch die Trauer um die verlorenen Träume und Utopien. Mozarts »Requiem« legt die Klangspur, allerdings verfremdet: Ein kleiner Chor singt nur die Männerstimmen, rhythmisch zuweilen frei interpretiert, dazu kommen eine Orgel und Countertenor Serge Kakudji. Gespenstisch klingt das, skelettiert wie die Knochenmänner, als die die Tänzer später über die Bühne klappern. Dazwischen sprechen die Performer Texte von Kabako und von Antoine Vumilia Muhindo, genannt Vumi. Auch er gehörte einst zu Linyekulas Clique: Sie alle träumten davon, die Gesellschaft zu verändern und die afrikanische Literatur zu revolutionieren.

Einmal hört man eine alte Aufnahme, auf der Vumi euphorisch von seiner Zeit in der kongolesischen Rebellenbewegung gegen Mobutu Anfang der neunziger Jahre berichtet. Er vergleicht die Paraden der Rebellenarmee mit einer Theaterbühne, weil beim Kommando »Stillgestanden!« selbst der Gesichtsausdruck korrigiert wurde. Sei es nicht Ziel der Kunst, die Welt zu verzaubern? Und hätten die Rebellen nicht mit ihren Pistolen Mozart gespielt? Als Idealist sei er in den Dschungel gegangen, sagt Vumi – und als Fanatiker zurückgekehrt.

Das bezahlte er beinahe mit seinem Leben. Als Rebellenchef Laurent-Désiré Kabila die Macht übernimmt, wird Vumi Geheimdienstmitarbeiter. Nach der Ermordung des Präsidenten 2001 wird er in einem umstrittenen Prozess zum Tode verurteilt. Die Aufnahme, die da knistert, war Vumis Beitrag zu Linyekulas »The Dialogue Series: iii. Dinozord« von 2006 – die Kassette ließ er aus der Todeszelle des Malaka-Gefängnisses in der Hauptstadt Kinshasa schmuggeln.

Heute sitzt Vumi in »Sur les traces de Dinozord« selbst auf der Bühne – nach zehn Jahren Gefängnis und Folter, gelang ihm die Flucht. Er lebt in Schweden. Er ist auch der Grund, warum Linyekula seinen »Dialogue«-Abend weiterentwickelte: Jetzt kann Vumi selbst seine Texte vortragen. »Meine Rolle ist, Zeugnis über das abzulegen, was ich im Gefängnis erlebt habe«, sagt er. »Ich bin die Person, die zurückkehrt in die Gemeinschaft, wie ein Toter, der wieder zum Leben erwacht.« So ist dieser Abend auch ein Ritual, um den Freund wieder aufzunehmen in die Gemeinschaft der Lebenden. Gefängnisbilder werden zu »Requiem«-Tonfolgen eingeblendet, Tänzer winden sich, beben am ganzen Körper, umsorgen und umhüllen einander in Gruppen. Vumi schockiert mit seinem »Monolog eines Hundes«: »Ich bin von der Art derer, die man für den Rest ihres Lebens zum Tode verurteilt, mit geschlossenen Augen, zugehaltener Nase und das Gesicht abgewandt. Ich bin das Vomitorium der Republik.«

Das Stück ist ein Ringen mit der Frage, wie und ob man Schönheit darstellen kann nach den extremen Erfahrungen, die die jungen Kongolesen gemacht haben. »Manchmal kann Kunst die Kraft geben, das Leiden zu überwinden«, sagt Linyekula. »Im Kongo ist vielleicht nicht die Kunst das Wichtigste, sondern an etwas zu glauben. Wenn die Kunst vermag, den Glauben an sich selbst zu stärken, dann ist diese Arbeit es wert, auch wenn sie nur zehn von einer Million Menschen sehen.« Dennoch fragt er sich oft: »Woher nehmen wir die Energie hierzubleiben? Die Ruinen des Landes sind so tief in uns verwurzelt. Die Situation wird sich nicht morgen verändern, vielleicht nicht einmal in den nächsten 20 Jahren.« Dennoch lässt er »Sur les traces de Dinozord« entsprechend mit einem Hoffnungsschimmer enden: Da gehört die Bühne ganz dem jungen, titelgebenden Hip-Hopper Dinozord, der energiegeladen zu Jimi Hendrix’ »Voodoo Child« tanzt. Hier kreist nicht mehr die Trauer, sondern ballt sich die Kraft zum Weitermachen.

Der Autor arbeitet als Kulturjournalist in Berlin.

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