Amnesty Journal 25. Juli 2013

Widerstand an der Wand

Wandgemälde, Graffiti, Urban Art: Ein neuer Bildband zeigt, wie politisch das Sprayen und Malen im öffentlichen Raum ist – und dass es sich um eine universelle Kunst handelt.

Von Maik Söhler

Auf Wänden einmal um die Welt und durch verschiedene Epochen: "Whispering Walls", ein neuer Bildband über politische, soziale und Alltags-Graffiti, zeigt uns, wie Wandbilder in Städten auf fast allen Kontinenten komplexe Geschichten von Unterdrückung und Befreiung, Angst und Hoffnung, Gewalt und Frieden erzählen können. Die fast 500 Fotos des Bands von Frédéric Soltan und Dominique Rabotteau hinterlassen beim Leser bleibende Eindrücke.

Von Soweto in Südafrika bis Gdańsk in Polen, von Valparaíso in Chile bis San Francisco in den USA, von Bhopal in Indien bis zum von Palästinensern und Israelis beanspruchten Jerusalem – die Fotos der gemalten und gesprühten Bilder decken mit Ausnahme Australiens alle Kontinente ab. Aufnahmen aus Metropolen wie New York und Mexiko-Stadt stehen neben solchen aus Provinznestern wie Orgosolo auf Sardinien.

Schnell wird deutlich, dass Graffiti und Wandgemälde, von den Autoren als "Urban Art" zusammengefasst, ein universelles Phänomen sind. Ob in Schwarz-Weiß oder in Farbe, mit Sprühdose oder Pinsel ausgeführt, mit Worten oder ohne, ob als Riesengraffito an den Wänden eines ganzen Häuserblocks oder als Mini-Gemälde auf ein paar Quadratzentimetern, ob als Slogan, Gesicht oder Abstraktion – die sozialen und politischen Aussagen sind meist einfach zu verstehen. Denn sie geben im Stadtbild Ausschnitte von Konflikten und Widersprüchen der jeweiligen Gesellschaften wieder.

Das Kapitel "Social Struggles" etwa spannt einen weiten Bogen von der portugiesischen Nelkenrevolution über die Unterdrückung der Werftarbeiter im realsozialistischen Polen bis hin zur Apartheid in Südafrika. Es geht um den Tod Carlo Giulianis bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua im Jahr 2001, um Bauernwiderstand auf Sardinien und die Opposition gegen Pinochet in Chile. Weitere Beispiele für soziale Kämpfe sind die Forderungen nach Bildungsreformen in Mexiko, die Immigration in den USA oder die derzeitige Weltwirtschaftskrise.

Im Kapitel "And Tomorrow" wird sichtbar, welche gemeinsamen Themen über die je spezifischen Probleme der einzelnen Städte und Gesellschaften hinausgehen. Im Vordergrund stehen dabei der Wunsch nach Frieden, die Suche nach einer Alternative zum Kapitalismus und seiner Warenwelt und die Hoffnung auf ein Ende von Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit und Unfreiheit. Die Betonung liegt dabei häufig auf Verbindendem, Utopien und Träumen. Viele Wandgemälde sind von verblüffender Naivität. Man mag darüber schmunzeln, doch macht genau dies den Charme und die Stärke dieser Wandgemälde aus.

Die Kapitelaufteilung des Buches ist allerdings unglücklich. Die Unterteilung in "Fighters", "Women", "Violence", "Beliefs", "Social Struggles" und "And Tomorrow" hilft zwar bei der Orientierung. Doch trennt sie Fotos, zwischen denen durchaus fließende Übergänge bestehen, und setzt Grenzen, wo keine sind. Ergänzt werden die Bilder durch kluge, kleine Erklärtexte und gut ausgewählte Zitate von Intellektuellen und Personen des öffentlichen Lebens (alle Texte sind auf Englisch).

Dem Buch liegen drei CDs mit Weltmusik bei – eine fasst Europa und Asien zusammen, eine andere Afrika und den Nahen Osten, die dritte trägt den Titel "America". Musik und Fotos harmonieren mal besser, mal schlechter. Eine prägnante Erklärung, was das eine mit dem anderen zu tun hat, fehlt leider.

Im Vorwort erzählt der Autor Rabotteau, wie sich bei ihm und dem Fotografen Soltan seit ihrer ersten Begegnung mit "Urban Art" in den siebziger Jahren eine gezielte "Jagd auf Wandgemälde" entwickelte. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren bereisten die beiden 15 Staaten. Rabotteau schreibt, dass einige Städte Graffiti ausdrücklich fordern und fördern – wie zum Beispiel die US-Metropole Philadelphia mit ihren mindestens 3.500 Wandgemälden und dass die Tradition solcher Bilder zum Beispiel in Mexiko-Stadt bis in die zwanziger Jahre zurückreicht.

Gdańsk zeige "die größte Freiluftgalerie Europas", während in Südamerika die Dialektik demokratischer Staaten auch in den Graffiti sichtbar werde: Formal gebe es eine demokratische Teilhabe, real aber würden in Peru und Chile Teile der Bevölkerung strukturell und finanziell vom Zugang zu Schulen und Krankenhäusern ausgeschlossen. Wer die Wandgemälde in aller Welt betrachte, dem erscheine schließlich Che Guevara als universelles Symbol des "Gerechten", so oft sei er überall auf der Welt zu sehen.

Der Verlag preist "Whispering Walls" als "schönes Coffee-Table-Book" an. In Kombination mit Rabotteaus Verweis auf den kubanischen Revolutionär ergibt sich daraus ein so kaum beabsichtigtes, interessantes Paradoxon: Das Widerständige als heimische Dekoration – das haben städtische Graffiti und der Bildband wohl gemeinsam. Die politische Funktion von Graffiti zeigt sich dagegen im öffentlichen Raum und in der öffentlichen Auseinandersetzung – nicht am Kaffeetisch.

Whispering Walls. Fotografie: Frédéric Soltan, Text: Dominique Rabotteau. Edel Verlag, Hamburg 2013, 220 Seiten, 500 Fotos, 3 CDs, 39,95 Euro.

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