Amnesty Journal Laos 26. März 2013

Ein Bombenerfolg

Laotische Verhältnisse. Szene aus "The Rocket"

Szene aus "The Rocket", Gewinner des Amnesty-Filmpreises 2013

»The Rocket« von Kim Mordaunt ist der Gewinner des diesjährigen Amnesty-Filmpreises auf der Berlinale – ein ungemein intelligenter Spielfilm über die Hinterlassenschaften von Kriegen

Von Jürgen Kiontke

Kaum ist Ahlo auf der Welt, da verlässt er sie beinahe schon wieder. Denn bei seiner Geburt kommt nicht nur er, sondern auch sein Zwillingsbruder auf die Welt. »Die bringen Unglück«, sagt die überaus weise Großmutter. »Wir müssen sie umbringen.« Aber Ahlos Bruder ist bei der Geburt bereits gestorben. »Also das sind ja nun keine wirklichen Zwillinge«, bringt seine völlig fertige Mutter vor. »Den können wir leben lassen.«

Was für ein Anfang, denkt man, und atmet erstmal durch: Kim Mordaunts Film »The Rocket« (AUS 2012) beginnt überaus drastisch und Szenen wie diese bleiben kein Einzelfall. Tod und Leben können im selben Moment auftreten, ja sogar in ein und derselben Sache verborgen sein. Mordaunt hat dieses Leitmotiv unglaublich konzentriert und kunstvoll in die Geschichten des Films verwoben. Auch in der Struktur bildet sich dies ab: rasche Schnitte, schnelle Wendungen, ungewöhnliche Ein- und Ausstiege bietet das Spielfilm-Debüt des australischen Regisseurs. Seine Kernthemen machen ihn zum idealen Gewinner des diesjährigen Amnesty-Filmpreises, der am 16. Februar 2013 bei den Berliner Filmfestspielen vergeben wurde.

»Wir haben uns verzaubern lassen von der Magie und Heiterkeit, mit der der Film von einer scheinbar verlorenen Welt ­erzählt. Die vor Lebendigkeit sprühenden Bilder ziehen uns in einen Kosmos hinein, den wir noch nie zuvor gesehen haben«, heißt es in der von Katja Riemann vorgetragenen Laudatio. Die prominente Schauspielerin bildete dieses Jahr gemeinsam mit der Regisseurin Aelrun Goette und Markus Beeko, der bei Amnesty International die Abteilung Kampagnen und Kommunikation leitet, die Jury.

»The Rocket« spielt in Laos, jenem Land, in dessen Erde die meisten Bomben weltweit stecken. Sie stammen noch aus der Zeit des Indochina-Kriegs – zwei Millionen Tonnen Sprengstoff warfen US-Piloten in den siebziger Jahren dort ab, etwa 30 Prozent davon waren Blindgänger. Noch heute werden nach Informationen von Amnesty International jährlich 120 Zwischenfälle mit Blindgängern gemeldet. Ein Viertel davon verläuft tödlich, die meisten Opfer sind spielende Kinder.

Laos heute: ein Land, reich an Bodenschätzen. Die Industrialisierung beginnt, Staudammprojekte sollen für die nötige Elektrifizierung sorgen. Die Bevölkerung wird unter halbseidenen Versprechungen zum Umzug überredet. Viele enden arbeitslos in den Vorstädten.

Kim Mordaunts Film reflektiert all dies: Ahlo ist das Kind von Fischern, die einem Staudamm weichen müssen. Man bringt sie zu halbfertigen Wohnungen, Hauptsache, sie sind aus dem Weg. Der Wald liegt voller Bomben, den »schlafenden Tigern«, wie es im Film heißt. Die Menschen stehen an der Schwelle zwischen Aberglauben und Moderne. Und ist es nicht wirklich so, dass Ahlo nur Unglück bringt? Ist er nicht von Grund auf schlecht? Als er mit seiner Mutter das Familienboot durch den Wald schleppt, rutscht er ab, das schwere Gefährt erschlägt die Mutter. »Man hätte ihn gleich töten sollen«, sagt die Oma. Dass die Familie mittellos, entwurzelt und beschädigt ist, das alles soll die Schuld eines kleinen Jungen sein.
Ahlo reagiert mit unbändigem Überlebenswillen. Als er von einem Raketenwettbewerb erfährt, wittert er seine Chance. Es ist Trockenzeit: Der, dessen Projektil den Regen bringt, den erwartet ein hohes Preisgeld. Größe, Ladung und Design der Feuerwerkskörper kennen keine Grenzen. Da schießen doch tatsächlich Mönche Penisraketen in den, wie sie es nennen, »Hintern Gottes« ab. Die Casting-Show als Erzählstruktur; der Wettbewerb, das immerwährende moderne Format.

Was liegt näher, als den Tiger aufzuwecken? Ahlo macht sich daran, aus altem Kriegsgerät ein denkwürdiges Geschoss zu bauen. Unerwartete Hilfe bekommt er von Uncle Purple, dem Vater seiner Freundin Kia. Denn der James-Brown-Fan hat eine besonders unrühmliche Vergangenheit als Kollaborateur. Deswegen weiß er auch, wie man Sprengstoff richtig einsetzt. Die Natur hilft mit: Für den Antrieb nimmt man Fledermausmist!

Die Menschen in »The Rocket« finden sich in einer verrückten Szenerie wieder – und sie behelfen sich mit Schlagfertigkeit, Spontaneität, Tempo, mit viel Humor und Herz. Mordaunt gelingt es, Komplexität als Leichtigkeit auf die Leinwand zu bringen. Billy Wilder trifft Menschenrechtskino: Was Berlinale-Filmen oft fehlt, das gibt es hier: gelungene künstlerische Verdichtung.

Schauspieler wurden auf der Straße gecastet, zum Beispiel der Darsteller des Ahlo, Sitthiphon Disamoe, sagte Regisseur Kim Mordaunt dem Amnesty Journal. Das ist durchaus wörtlich gemeint: Der Darsteller hatte gerade zwei Jahre als Straßenkind verlebt. Andere spielen in einer thailändischen Sitcom, was eine gewisse, wenn nicht gehörige Tendenz zu Situationskomik mit sich bringt.

Keine schlechte Mischung, und die beste unter vielen guten: »Wir haben wahnsinnig gute Filme gesehen«, sagte Katja Riemann dem Amnesty Journal. 17 Filme waren nominiert, da seien viele Türen aufgegangen, so die Schauspielerin, die sich sichtlich angetan zeigte von der Bandbreite der Auswahl. Die Beiträge stammten aus den Berlinale-Sektionen »Wettbewerb«, »Panorama« und »Forum«. Seit dem vergangenen Jahr sichten die Juroren auch Filme der Kinder- und Jugendfilmsektion »Generation« – und die stellte mit »The Rocket« dieses Jahr prompt den Gewinner.

Zur Auswahl standen ambitionierte Werke wie Danis Tanovic’ Dokufiction-Film »An Episode in the Life of an Iron Picker« (BSN 2013) – eine Roma-Familie in Bosnien spielt Szenen aus ihrem eigenen Alltag, und auch »Narco Cultura« (USA 2012) von Shaul Schwarz, ein Film der unglaubliche Einblicke in das Leben mit und in den Drogenkartellen Mexikos ermöglicht.

Nicht zu vergessen jener Film, der an sich schon ein Politikum ist: »Pardé/Closed Curtain« (IRN 2013) von Jafar Panahi. Der iranische Regisseur hatte zwar einen Beitrag im Wettbewerb, jedoch keine Reiseerlaubnis erhalten. Derzeit ist er mit Berufsverbot belegt, ihm droht eine jahrelange Haftstrafe. Dennoch konnte er »Pardé« nach Berlin schicken – das Protokoll eines Nichtfilms: Wie schon in »This ist not a Film« erzählt Panahi seine Geschichte in der abgeschlossenen Szenerie einer Wohnung. Die Fenster sind verhängt, Figuren tauchen auf und ab, ganz wie sie aus dem Drehbuch gestrichen werden müssen. Tiere übernehmen Rollen, so ist es ein kleiner Hund, der sich im Fernsehen Nachrichten darüber anschaut, wie Hunde verfolgt werden.

»The Rocket« stach dennoch heraus. Das liege an der Fülle von Themen – Vertreibung, Armut, Umweltprobleme und Landverminung –, die mit den Mitteln des Märchens erzählt würden, so Riemann: »Manche Filme verblassen nach einer Zeit, andere gehen immer mehr auf. ›The Rocket‹ funkelt in der Erinnerung. Ein ungemein schlauer und unprätentiöser Film.«

»Wir wollten eine persönliche Geschichte erzählen, mit all den Themen, mit denen Menschen zu kämpfen haben. Gleichzeitig wollten wir das Publikum ins Geschehen hineinziehen«, sagt Mordaunt. Kriegshinterlassenschaften sind das prägende Motiv in der Arbeit des 47-jährigen Australiers: Die Idee zu »The Rocket« sei ihm bei den Arbeiten zu seinem Dokumentarfilm »Bomb Harvest« über Aufräumarbeiten in Laos gekommen.

Der Regisseur, der auch den Preis für den besten Erstlingsfilm der Berlinale erhielt, hofft nun, dass der Amnesty-Preis »The Rocket« zu Aufmerksamkeit verhilft. Hoffentlich gibt es bald einen Start in deutschen Kinos.

Der Autor ist Filmkritiker des Amnesty Journals.

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