Amnesty Journal Ägypten 16. Januar 2012

Eine Kindheit am Nil

Zeichnung eines Fotoapparates, eines Pinsels und Viertelnoten

Als sich Anfang 2011 in Kairo Tausende von ­Menschen auf dem Tahrir-Platz versammelten und den Rücktritt von Präsident Mubarak forderten, war unter ihnen auch die ägyptische Journalistin und Schriftstellerin Mansura Eseddin. Jetzt ist erstmals ein Roman von ihr auf Deutsch erschienen.

Von Wera Reusch

Schweigen ist ein Verbrechen. Selbst wenn das Regime uns weiterhin mit Kugeln und Tränengas bombardiert, den Internetzugang sperrt und unsere Mobiltelefone kappt, werden wir dennoch Mittel und Wege finden, um unsere Stimmen in der Welt hörbar zu machen, um Frieden und Gerechtigkeit zu fordern." Das schrieb Mansura Eseddin Ende Januar 2011 in der "New York Times". In ihrem Artikel schilderte die ägyptische Journalistin das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten, die wenige Tage zuvor den Tahrir-Platz besetzt hatten. Auch nach dem Sturz Mubaraks setzt sich die 35-Jährige für Meinungsfreiheit, Demokratisierung und Frauenrechte in Ägypten ein. Mansura Eseddin ist Redakteurin bei einem renommierten ägyptischen Literaturmagazin und zählt zu den wichtigsten jungen Autorinnen der arabischen Welt. Jetzt ist erstmals ein Buch von ihr auf Deutsch erschienen, der Roman "Hinter dem Paradies".

Die Rahmenhandlung dieses relativ schmalen Bands ist schnell erzählt: Eine junge Frau, die in Kairo als Journalistin ­arbeitet, besucht ihr Heimatdorf im Nildelta. Auslöser der Reise ist eine persönliche Krise. Salmas Ehe ist kurz zuvor gescheitert. Und sie wird von Alpträumen geplagt, in denen ihre Jugendfreundin eine zentrale Rolle spielt. Zudem steht der erste Todestag ihres Vaters bevor. Aus all diesen Gründen will Salma in ihr Elternhaus zurückzukehren, um sich dort noch einmal mit ihrer Kindheit und Jugend zu beschäftigen. Es ist "der Versuch, den Kern meiner eigenen Existenz zu ergründen, ihrer habhaft zu werden und mich ihrer zu vergewissern, ihre groben, spitzen Ränder abzutasten und so vielleicht die Gewissheit zu erlangen, dass das kleine Mädchen mit den krausen braunen Haaren und den leuchtenden Augen genau diese Frau ist, die furchtsam in ihre Dreißiger schreitet und Tag um Tag anhäuft, ohne eigentlich zu leben."

Salmas Besuch in ihrem Elternhaus löst eine Flut von Erinnerungen aus. Jetzt sitzen nur noch ihre Mutter und eine Tante auf der Terrasse, doch früher war das Haus Mittelpunkt einer riesigen Familie und Schauplatz opulenter Feste sowie familiärer Dramen. Außer den Eltern, Großeltern und Geschwistern ­bevölkerten unzählige Onkel und Tanten das Anwesen. Auch Bedienstete gingen ein und aus, denn Salmas Familie gehörte die Ziegelfabrik im Dorf. Gamila, die Tochter des Heizers, war ihre engste Freundin, mit der sie viel Zeit verbrachte. Mit Vorliebe kletterten die Mädchen in einen ausrangierten Lkw und spielten Autofahren: Dabei gab Salma "ihrer Freundin mit der rauen Stimme eines Fahrers, wie sie ihn sich vorstellt, imaginäre Anweisungen für Aufgaben, die sie für solche des Beifahrers" hielt.

Das Arbeiterkind Gamila hat inzwischen Karriere gemacht. Als sich die beiden Frauen nach vielen Jahren in Salmas Elternhaus wiedertreffen, ist von der alten Vertrautheit nichts mehr zu spüren: "Die elegante Frau mit dem gekünstelten aristokratischen Tonfall, die ins Zimmer stürmte, (…) war eine andere Gamila als die Freundin aus Kinder- und aus Jugendtagen. Diese neue Gamila trug ein kurzes schwarzes Kleid, spickte ihre Sätze mit französischen und englischen Worten, duftete nach Givenchy-Parfüm, trug ein Louis-Vuitton-Täschchen und beschränkte sich beim Essen auf grünen Salat, weil sie Vegetarierin sei."

Gamila ist nur eine von vielen Figuren in Mansura Eseddins Roman "Hinter dem Paradies". Die Vielzahl der Familienmitglieder und Dorfbewohner, an die sich Salma wieder erinnert, ist für den Leser zunächst verwirrend. Doch gelingt es der Autorin, in kurzen prägnanten Szenen die charakteristischen Züge ihrer Figuren herauszuarbeiten. Die Schilderungen der Großfamilie sind treffend, oft hintersinnig, manchmal auch komisch. Faszinierend ist vor allem die unglaubliche Bandbreite an Frauenfiguren: Da ist die geschäftstüchtige Großmutter, die mit Landkäufen den Grundstein für den späteren Wohlstand legt. Oder eine Tante, die sich weigert, zu heiraten und sich stattdessen der Traumdeutung widmet. Eine andere wird ledig schwanger und schluckt in ihrer Verzweiflung Arsen. Salmas selbstbewusste Mutter drängt auf Bildung für ihre Töchter, während ihre Schwester nur zuhause sitzt und religiöse Sender schaut.

Mansura Eseddin, die selbst aus einem Dorf im Nildelta stammt, veröffentlichte "Hinter dem Paradies" 2009, also lange vor dem arabischen Frühling. Sie zeichnet in ihrem Roman das facettenreiche Porträt einer Familie, aber auch ein Bild des ländlichen Ägyptens in den achtziger Jahren. Ihr temperamentvolles Buch über eine Kindheit am Nil korrigiert dabei manch gängige Vorstellung, insbesondere über das Leben der Frauen.

In einem Artikel für die "Neue Zürcher Zeitung" hat Mansura Eseddin vor kurzem darauf hingewiesen, dass sich das Blatt derzeit wieder gegen die Ägypterinnen zu wenden scheint – dabei hatten die Frauen in den Tagen der Revolte unübersehbar Präsenz markiert. So werden zum Beispiel "die Stimmen immer lauter, die eine Revision des Personenstandsgesetzes und die Streichung des Artikels fordern, der es Frauen erlaubt, selbst die Scheidung einzureichen, statt jahrelang in den Gängen des Zivilgerichts auf ein Scheidungsurteil zu warten, das nie ausgesprochen wird". Eseddin fordert daher nach der politischen nun auch eine gesellschaftliche und kulturelle Revolution. Frauen hätten dabei eine doppelte Aufgabe: "Sie haben nicht nur gegen die Diktatur, sondern gleichzeitig auch gegen ein längst erstarrtes, rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild anzukämpfen."

Mansura Eseddin: Hinter dem Paradies. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich, Unionsverlag, Zürich 2011, 190 Seiten, 19,90 Euro

Die Autorin ist Journalistin in Köln.

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