Amnesty Journal Guatemala 19. Mai 2011

Insel der Grausamkeit

Der Bürgerkrieg in Guatemala dauerte 36 Jahre. In "La Isla" dokumentiert Uli Stelzner die Aufarbeitung der Verbrechen dieser Zeit.

Von Jorun Poettering

Wenn Uli Stelzner einen Film dreht, dann lässt er Menschen zu Wort kommen, die viel zu sagen haben, aber nur selten Gehör finden. Er geht behutsam mit ihnen um, die Geschichten, die sie erzählen, bleiben ihre eigenen. Stelzner dokumentiert, er beansprucht nicht, Erklärungen geben zu können. Und dennoch versteht er es, seine Zuschauer zu packen und sie mit ihrer eigenen Verantwortung zu konfrontieren.

Der Film "La Isla. Archive einer Tragödie" stellt den schmerzhaften Erinnerungsprozess der guatemaltekischen ­Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg dar und zeigt Ausschnitte aus der grausamen Vergangenheit des Landes. "La Isla" (Die ­Insel) ist der Name eines ehemaligen Geheimgefängnisses, in dem 2005 durch Zufall das Archiv der ehemaligen Nationalpolizei entdeckt wurde (siehe Amnesty Journal April 2010). Die dort aufbewahrten Dokumente geben Einblick in die von staatlicher Seite verübten Verbrechen während des 36 Jahre dauernden ­bewaffneten Konflikts. Er kostete rund 200.000 Menschen das Leben, weitere 40.000 Personen "verschwanden". Bis heute wurden die Täter nur in den seltensten Fällen zur Rechenschaft gezogen.

Stelzner drehte den Film ausschließlich auf dem Terrain von "La Isla". Ein dunkles Gebäude, in dem einst gefoltert wurde, ein trostloses Gelände, auf dem heute eine Polizeischule untergebracht ist, ein monotones Archiv voller staubiger Papiere und technischer Geräte. Aber auch ein Ort, der für die erwachende Erinnerung Guatemalas steht. Denn die eigentlichen Protagonisten des Films, die Mitarbeiter und Besucher des Archivs, gehören zu den unmittelbar Betroffenen des Konflikts. Sie suchen die Wahrheit über die Schicksale ihrer Angehörigen – die stellvertretend für das Schicksal eines ganzen Landes stehen können.

Um die politische Willkür, die extreme Repression und die internationale Beteiligung an dem Konflikt darzustellen, projiziert Stelzner weitgehend unbekanntes historisches Filmmaterial an die rauen Wände des Gebäudes. So werden die persönlichen Berichte der Protagonisten mit den von den Wänden reflektierten Szenen zu einer komplexen, aber klar strukturierten Gesamterzählung verwoben. Der Film berichtet ruhig und dicht – streckenweise ist er ausgesprochen hart. Er macht einen Konflikt nachvollziehbar, der die Gesellschaft mit ständigem Terror unterhöhlte.

Bis heute herrscht Angst vor der Wahrheit, Schweigen über die Vergangenheit. Es fällt den Menschen im Film sichtlich schwer, über ihre Erlebnisse zu berichten. Aber sie überwinden ihre Angst; und ihre Berichte lassen sie ein Stück ihrer verlorengegangenen Würde zurückgewinnen. Schmerz und Trauer werden erträglich. Ein Cellist improvisiert. Es ist ein Film voll herber Poesie, meisterhaft in Szene gesetzt.
Die Einschüchterungen und die Gewalt in Guatemala sind keinesfalls Vergangenheit. Kurz vor der Erstaufführung des Films im guatemaltekischen Nationaltheater gab es eine Bombendrohung.

Spezialeinheiten suchten das Gelände ab, fanden aber nichts. Drei Stunden vor der Vorführung wurde ein Stromaggregat in die Luft gesprengt. Die Premiere fand dennoch statt und der Besucherandrang war groß, unter ihnen junge Leute, die den Konflikt nicht selbst miterlebt hatten. Sie wissen wenig über die Vergangenheit und so gut wie nichts über die Rolle ihrer eigenen Eltern. Aber sie kennen den außerordentlich hohen Grad alltäglicher Gewalt, der heute in Guatemala herrscht, eine Gewalt, die sich aus der fortwährenden Straflosigkeit speist.

La Isla. Archive einer Tragödie: Drehbuch und Regie Uli Stelzner, Guatemala/Deutschland 2009, HD, Spanisch mit deutschen Untertiteln.

"La Isla"
"La Isla" wurde mit einer Reihe internationaler Preise ausgezeichnet, unter anderem beim Internationalen Dokumentarfilmfestival München, bei den Festivals Memorimage und XÓM in Spanien, beim Festival de la Memoria in Mexiko und beim Moqavemat International Filmfestival im Iran. Uli Stelzner arbeitet in Berlin und Zentralamerika. Seit 1992 dreht er Dokumentarfilme, darunter drei weitere zu Guatemala: Die Zivilisationsbringer (1997), Testamento (2003) und Angriff auf den Traum (2006).

Weitere Artikel