Amnesty Journal Burkina Faso 11. Februar 2010

Ein Fuß im Grab

In Burkina Faso ist eine Schwangerschaft lebensgefährlich. Ein Amnesty-Bericht dokumentiert die Gründe für die hohe Müttersterblichkeit und zeigt, dass mit einfachen Maßnahmen viele Leben gerettet werden könnten.

Aïcha lernte ihr erstes Kind nie kennen. Sie starb bei dessen Geburt, mit 21 Jahren. An ihrer Stelle kümmert sich die Großmutter um das Baby. Die Geschichte, die zu ihrem Tod führte, ist eine, wie sie die Menschen in Aïchas Umgebung schon häufig erlebt haben. Mehr als 2.000 Frauen sterben in Burkina Faso in jedem Jahr bei oder gleich nach einer Geburt. Weltweit überlebt jede Minute eine Frau die Entbindung nicht. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer »unsichtbaren Epidemie«. Und: Eine, die sich nicht ereignen müsste. Die allermeisten ­Todesfälle wären vermeidbar.

Auch Aïcha könnte noch leben. Sie war 20, als sie schwanger wurde. Bis zum letzten Tag musste sie arbeiten. In der Hauptstadt Ouagadougou verkaufte sie selbst gekochtes Essen am Straßenrand, mehrere Kilometer Fußmarsch entfernt von ihrem Zuhause. Zeit für drei Vorsorgetermine im örtlichen Gesundheitszentrum nahm sie sich trotzdem. Man verschrieb ihr Eisen gegen ihre Blutarmut und Tabletten zur Vorbeugung von Malaria.

In einer Nacht im April 2008 brachte sie in einem Gesundheitszentrum ihren Sohn zur Welt. Sie bekam starke Blutungen. Ihre Hebamme empfahl, sie in das Kreiskrankenhaus zu verlegen. Die Überführung ließ sich der Krankenwagenfahrer – unzulässigerweise – bezahlen: mit 3,50 Dollar. Im Krankenhaus angekommen, musste ihr Ehemann 18 Dollar für Tabletten und 4,50 für einen Bluttest bezahlen. Weil das Blut vor Ort nicht analysiert werden konnte, musste er es selbst mitten in der Nacht mit dem Taxi in eine Spezialklinik bringen. Als er zurückkehrte, dämmerte der Tag. Seine Familie war nicht mehr da. Um 5.18 Uhr war Aïcha gestorben. »Sie hatte kein Blut mehr«, sagte ein Arzt. Das Amnesty-Team, das den Fall recherchierte, erfuhr noch etwas: Die junge Frau hatte kein einziges der Rezepte für Eisenpräparate eingelöst. Sie konnte die Medikamente nicht bezahlen.

Aïchas Schwangerschaft macht das Drama der unnötig hohen Müttersterblichkeit besonders deutlich: Die werdende Mutter war nicht besonders jung, nicht besonders alt, nicht mit dem HI- und auch mit keinem anderen Virus infiziert. Sie lebte in einer intakten Familie; in einer Großstadt, in der Gesundheitseinrichtungen nicht unerreichbar sind. Und: In einem Land, das sich des Problems durchaus bewusst ist. Die Regierung von Burkina Faso habe »die Tragödie nicht ignoriert«, heißt es in einem Amnesty-Bericht zur Müttersterblichkeit, der Ende Januar veröffentlich wurde.

In den vergangenen zehn Jahren seien – nicht zuletzt mit Unterstützung internationaler Geber und Spendenorganisationen – umfassende Strategien zur Reduzierung der Müttersterblichkeit entwickelt worden. So sichert die Regierung seit 2006 zu, 80 Prozent der klinischen Kosten für Geburt und Geburtsvorsorge zu übernehmen. Es wurde mehr medizinisches Personal ausgebildet und ein Schwerpunkt auf Geburtshilfe gelegt. Die bisher meist ins eigene Haus geholten traditionellen Geburtshelfer wurden angehalten, sich für die Entbindung in einem Gesundheitszentrum stark zu machen. Damit ein solches auch erreicht werden kann, entstanden landesweit Gesundheitsposten.

Und dennoch: Auch drei Jahre nachdem die Familienplanung eine nationale Strategie wurde, ist das Ziel in weiter Ferne. Viermal reisten 2008 und 2009 Mitarbeiter von Amnesty International in das westafrikanische 14-Millionen-Einwohner-Land, um zu dem Thema zu recherchieren. Zusätzlich sammelte ein Mitarbeiter vor Ort über drei Monate Informationen. Trotz einiger Fortschritte ist die Lage ernst. Zwar verdoppelte sich von 2005 bis 2008 die Zahl der medizinisch begleiteten Geburten nahezu, von fast 38 Prozent auf über 65 Prozent. Ländliche Regionen bleiben allerdings abgehängt. Statistisch ist auf dem Land bei jeder zehnten Geburt professionelles Personal zugegen, wenn dieses weniger als fünf Kilometer entfernt ist. Gibt es im Umkreis von zehn Kilometern kein Gesundheitszentrum, dann entbinden 19 von 20 Frauen ohne medizinische Hilfe.

Laut dem »Human Development Index« der Vereinten Nationen ist Burkina Faso eines der drei ärmsten Länder der Erde. Sechs von zehn Menschen leben von weniger als einem Dollar am Tag. Es ist auch das Land mit der niedrigsten Alphabetisierungsrate der Welt: Sieben von zehn Menschen können nicht lesen und schreiben – für Aufklärung eine immense Herausforderung. Dennoch sind die Ursachen für die hohe Müttersterblichkeit komplexer als ein Blick auf nackte Zahlen vermuten lassen. Armut sei ein »Schlüsselfaktor«, attestiert der Amnesty-Bericht. Sie entlasse die Regierung allerdings nicht aus ihrer in nationalen wie internationalen Verträgen festgehaltenen Verpflichtung, so viele Ressourcen wie nötig in die Sicherung des Menschenrechts auf Gesundheit – und damit auch der sexuellen und reproduktiven Gesundheit – zu stecken.

Der unmittelbare Grund dafür, dass so viele Mütter sterben, ist oft der gleiche wie bei Aïcha: Sie sind auf Blut angewiesen, bekommen aber keines. Selbst in der Hauptstadt Ouagadougou haben Krankenhäuser häufig keine Blutkonserven vorrätig. Immer wieder werden bei der Geburt zufällig anwesende Verwandte gebeten, auf die Schnelle ein paar Liter zu spenden. Vor allem auf dem Land fehlen den Gesundheitsstationen häufig noch viel elementarere Dinge: Elektrizität zum Beispiel, oder Reinigungsmittel.

Auch Geburtshindernisse wie schwierige Lagen des Kindes oder plötzliche Infektionen führen zum Tod, wenn die Mütter gar nicht oder zu spät ein Krankenhaus erreichen. Oft ist das Krankenhaus zu weit weg oder es fehlt ein Transportmittel, manchmal halten andere, eher kulturelle Gründe die Frauen ab: Insbesondere Frauen aus ländlichen Gebieten erklären immer wieder, von dem medizinischen Personal respektlos und abweisend behandelt zu werden. Schließlich spielt auch die in vielen wenig entwickelten Staaten nahezu endemische Korruption eine Rolle: Immer wieder können Familien zu Unrecht erhobene Gebühren nicht bezahlen.

In ihrem Bericht fordert Amnesty International die Regierung von Burkina Faso dringend auf, die Gewährung des Menschenrechts auf Gesundheit sicherzustellen. Der dazu benötigte Katalog von Maßnahmen ist lang und reicht von einem Verbot von Frühehen und Genitalverstümmelung bis zu einer systematischen Evaluation der Gesundheitsdaten.

Über allem steht jedoch das Recht der Frauen auf Zugang zu Informationen über ihre sexuellen und reproduktiven Rechte. Auch die internationale Gebergemeinschaft wird aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Hindernisse auf dem Weg dorthin beseitigt werden. Damit ein afrikanisches Sprichwort ein bisschen weniger wahr wird: »Eine schwangere Frau hat einen Fuß im Grab und einen auf der Erde.«

Von Jeannette Goddar.
Die Autorin ist Journalistin und lebt in Berlin.

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