Amnesty Journal Iran 07. Januar 2011

Gefährliche Stimmen

Frauen dürfen nicht öffentlich singen und Musiker müssen sich an Regeln halten, die sie nicht verstehen: Im Iran sind Jugendliche einem rigiden Sittenkodex unterworfen. Doch sie erkämpfen sich immer wieder kleine Freiheiten.

Von Martin Weiss

Den Sport musste Sara nach einem schweren Unfall aufgeben – sie war vom Dach ihres Elternhauses gestürzt. Mühsam steigt sie auf Krücken die Treppen hoch. Die Abendluft genießen viele Teheraner auf den Dächern ihrer Häuser. Nach dem Sturz ging die ehemalige Leistungssportlerin einer anderen großen Leidenschaft nach, dem Singen. Das ist aber gar nicht einfach in einem Land, in dem es Frauen verboten ist, als Sängerin aufzutreten.

"Es ist mir wirklich peinlich, das zu sagen", erklärt Sarah Naini, "doch es hieß, dass Männer durch den Gesang einer Frau erregt würden, und das sei nicht gut. Mir wird ganz anders, wenn ich das erzähle, dies soll wirklich der Grund dafür sein. warum wir Frauen nicht singen dürfen – echt peinlich."

Sara ist 26 Jahre alt und hat einen Traum, den viele in ihrem Alter haben: Sie möchte Sängerin werden. Sie trotzt dem Regime und den Verboten, indem sie unermüdlich weiterübt. Neben Popmusik auch traditionelle Lieder, begleitet von ihrem Bruder. Eines Tages, sagt sie mit Nachdruck in der Stimme, werde sie als Frontsängerin auftreten. Denn bislang dürfen Frauen nur im Chor, im Hintergrund singen.
Auch Omid Hajili hat einen Traum. Der Musiker möchte eines Tages von seiner eigenen Musik leben können. Vor sieben Jahren hat er eine CD aufgenommen und wartet seither vergeblich auf die Genehmigung, seine Songs vermarkten zu dürfen. Das Ministerium für Islamische Erziehung zensiert Medien, Theater, Bücher und genehmigt auch Musikstücke. Für die Künstler ist oft nicht nachzuvollziehen, nach welchen Kriterien: "Wir wissen nicht, welche Rhythmen wir verwenden dürfen und welche nicht", sagt Omid, "oder welche Worte. Es ist reine Willkür. Wir würden sogar rigoros Selbstzensur betreiben, nur damit unsere CD eine Genehmigung erhält. Aber es gibt keine Regeln, an denen wir uns orientieren können."

Trotzdem, so erzählt Omid, gebe es im heutigen Iran kleine Veränderungen: Früher wurde man mit einem Musikinstrument in der Hand festgenommen. Jetzt könne man mit seiner Trompete seelenruhig in der Stadt umherlaufen. Seit ein paar Jahren darf man auch wieder Instrumente aus dem Ausland einführen. Manche Regeln wurden inzwischen gelockert, andere wiederum verschärft. Unter Präsident Ahmadineschad gilt jede Form von Individualität als Rebellentum. Vor ein paar Wochen wurden die neuen Haarschnitte vorgestellt, die die Machthaber gern sehen würden: Nicht zu lang und nicht zu kurz, alle schön einheitlich. Frisuren mit wilden, toupierten oder schräg gestylten Haaren sind dagegen verpönt.

Immer wieder gibt es abendliche Polizeikontrollen auf ­Teherans Straßen. Wer erwischt wird, wie er von Auto zu Auto ­flirtet, wird bestraft. Auch Zivilpolizisten sind im Einsatz. Und wenn sie Männer beim Flirten erwischen, werden diese als "belästigende Person" abgestempelt und bekommen ein postergroßes Schild auf ihrem Auto angebracht, damit es alle in der Stadt sehen können. Autos der teuren Marken bekommen gleich eine Wegfahrsperre. "Was wollen die bloß von uns", ruft ein Mädchen in einer Gruppe Teenager, " ich habe doch lange Strümpfe an, meine Haare schauen nicht raus". Bei Mädchen und Frauen achtet das Regime auf den Hejab, die islamische Kleiderordnung. Der Sitz des Kopftuchs und die Länge der Kleidung müssen stimmen. Nagellack, gezupfte Augenbrauen, zu kurze oder zu enge Mäntel sowie zu viele sichtbare Haare – alles verboten. Wer zu aufreizend ist, wird festgenommen. Es drohen hohe Geldstrafen, ja sogar Peitschenhiebe.

Omid, der Sänger, hat Glück. Überraschend bekommt er im Juli eine Genehmigung und darf vier Konzerte geben, die alle nach kurzer Zeit ausverkauft sind. Ein Ticket kostet umgerechnet 40 Euro. Das ist zwar sehr viel Geld für die jungen Menschen in Teheran, doch sie alle sehnen sich nach Abwechslung. Ende Juli findet dann das erste Popkonzert seit den blutigen Auseinandersetzungen im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr statt. Nach sieben Jahren im Studio darf Omid endlich seine Musik und seine Texte einem großen Pub­likum vorstellen. Doch er muss seine Freude im Zaum halten, denn im Saal sind auch Aufpasser, die das Regime geschickt hat. Sie achten auf den Sänger und auf das Publikum: Keine zu lauten Rufe, keine tanzenden Bewegungen und keine zu großen Emotionen! Würde Omid zum Beispiel tanzen, würde er die ­Genehmigung für weitere Konzerte riskieren.

Plötzlich riskiert er etwas ganz anderes: Er lässt seine Backgroundsängerin Sara ein kurzes Solo singen. Die Passage ist zwar nur wenige Sekunden lang und ohne Text, die Zuschauer sind dennoch begeistert. Sie wissen, dass sie sich mit diesen ­Sekunden erneut ein Stück Freiheit erkämpft haben. Nach der Pause bleibt die Stimmung weiter aufgeheizt. Für viele ist es eine Ablenkung von den schrecklichen Nachrichten über Folter, Verhaftungen und Repressionen gegen Freunde, Nachbarn und Kollegen. Und dann bekommt Sara eine zweite Chance, allein zu singen. Eine kleine Kulturrevolution für die Menschen hier, die sich alle nach Freiheit sehnen, und sei es nur für einen kurzen Augenblick. Auch Sara genießt ihren kurzen Soloauftritt: "Es ist so wunderschön, auf der Bühne zu stehen, es gibt einem soviel Energie, das Publikum glücklich zu sehen. Eines Tages werde ich auch ein Konzert geben, entweder hier oder im Ausland."

Bislang haben Sara und Omid keine weiteren Konzerte im großen Rahmen geplant. Nachricht vom zuständigen Ministerium haben sie bisher auch nicht bekommen. Aber wenn sie das nächste Mal um eine Genehmigung anfragen, wird sich zeigen, ob sie bei diesem Konzert "über die emotionale Stränge" geschlagen haben und zu "zügellos" auf der Bühne waren.

Der Autor ist ARD-Korrespondent und berichtet unter anderem aus dem Iran. Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags aus der Sendung "Weltspiegel".

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