Amnesty Journal Mexiko 19. August 2010

Der Teufel aus Stahl

Häufig werden Migranten in Mexiko Opfer krimineller Banden

Häufig werden Migranten in Mexiko Opfer krimineller Banden

Im mexikanischen Arriaga steigen jedes Jahr tausende Menschen aus Zentralamerika auf Güterzüge und versuchen so, in die USA zu kommen.

Von Hauke Lorenz
Der Autor ist Mitglied der Mexiko-Ländergruppe der deutschen Sektion von Amnesty International. Im Rahmen seines Ethnologiestudiums reiste er 2007 an die Südgrenze Mexikos und interviewte dort Migrantinnen und ­Migranten.

Rosa und ihr Vater kommen aus Nicaragua. Sie wollen in die USA. Ohne Probleme haben sie es bis nach Guatemala geschafft. Auch die Grenze von Guatemala nach Mexiko zu passieren, war kein Problem. Wie viele andere überquerten sie den Grenzfluss Suchiate auf einem Floß. Mit langen Stangen stoßen hier Dutzende Männer ihre aus Lkw-Schläuchen und Brettern zusammengebundenen Flöße von einem Ufer zum anderen. Darauf transportieren sie alles, was im anderen Land gerade günstiger ist – und Menschen auf den Weg in die USA, in der Hoffnung auf Arbeit. Am offiziellen Grenzübergang auf der Brücke herrscht viel weniger Verkehr als auf dem Fluss.

Nachdem sie den Fluss überquert haben, müssen Rosa und ihr Vater innerhalb Mexikos unentdeckt an den Kontrollen der Einwanderungsbehörde vorbei. An der Straße, die nach Norden führt, hat die Behörde allein im südlichen Bundesstaat Chiapas, der an Guatemala grenzt, fünf feste Kontrollposten errichtet. Jedes Auto, das Richtung Norden fährt, muss die Kontrolle passieren. In La Arrocera, etwa 70 Kilometer hinter der Grenze, steht die zweite solche Kontrollstation. Zusammen mit einer Gruppe anderer Migranten steigen Rosa und ihr Vater aus dem Minibus. Sie versuchen, die Polizisten der Einwanderungsbehörde in einem großen Bogen zu Fuß zu umgehen.

Ausgeraubt und abgeschoben

Weit entfernt von der Straße wird die Gruppe von drei Männern angehalten und mit Waffen bedroht. »Sie haben uns ausgezogen«, erzählt Rosa später. »Ich war die einzige Frau. Einer ging mit mir hinter ein paar Büsche und hat meine Unterwäsche kontrolliert. Ich sagte zu ihm: ›Bitte tu mir nichts.‹ – Gott sei Dank wurde ich nicht vergewaltigt.«

Rosa, ihrem Vater und den anderen wird bei diesem Überfall ihr ganzes Geld gestohlen und so können sie die Polizisten, die ein paar hundert Meter weiter schon auf sie warten, nicht bestechen. Die Polizisten übergeben sie der Einwanderungsbehörde. Schließlich landen sie in dem riesigen Abschiebegefängnis in Tapachula, von dem aus an manchen Tagen über tausend Menschen abgeschoben werden. Rosa und ihr Vater werden einen Tag nach ihrer Festnahme zurück nach Guatemala gebracht.

Nur einen Tag später sind sie wieder in Mexiko. Gleich nach der Abschiebung bestiegen sie wieder ein Floß über den Suchiate. Jetzt sitzen Rosa und ihr Vater im Schatten eines Baumes vor einer Migrantenherberge in Tapachula und erzählen mir ihre Geschichte. Von hier aus sind es rund 60 Kilometer bis zur guatemaltekischen Grenze. Die katholische Kirche betreibt im ganzen Land Herbergen für die Menschen, die ohne Erlaubnis durch Mexiko reisen. Dort können sie sich drei Tage lang aus­ruhen, bevor sie weiterziehen. Es gibt Waschräume und zwei Mahlzeiten am Tag, Kranke können sich von einem Arzt untersuchen lassen. Die Herberge in Tapachula bietet auch zweimal in der Woche Aufklärungsveranstaltungen an, denn ungewollte Schwangerschaften oder Krankheiten wie Aids zählen zu den großen Problemen der Migrantinnen und Migranten.

Nach zwei Nächten in der Herberge brechen auch Rosa und ihr Vater auf. Sie wollen ein zweites Mal versuchen, an den Kontrollen vorbeizukommen. Sie zu begleiten, traue ich mich nicht. Zu viele Migranten haben mir von Raubüberfällen und Vergewaltigungen, auch an Männern, berichtet. Ich nehme den Linienbus nach Arriaga. Dort wollen die beiden auf einen Güterzug steigen. Auf meinem Weg passiere ich vier Kontrollen. Beamte steigen in den Bus und kontrollieren die Pässe der Reisenden. Sie finden niemanden ohne gültige Papiere.

Im Herbst 2005 zerstörte der Hurrikan Stan nahezu alle Brücken an der mexikanischen Pazifikküste. Bis heute ist der Bahnverkehr unterbrochen. Deshalb laufen die Migranten etwa zehn Tage die alten Schienen entlang, um 250 Kilometer weiter zum Zug zu gelangen, oder sie fahren in Kleinbussen auf der Straße und versuchen, wie Rosa und ihr Vater die Kontrollen zu Fuß zu umrunden.

Warten auf einen Platz auf dem Dach

Am Bahnhof von Arriaga treffe ich Isael aus El Salvador. In seiner Heimat habe sein Geld gerade zum Überleben gereicht. Hefte, Stifte und Bücher für seine Kinder konnte er sich nicht leisten. »Also habe ich darüber nachgedacht auszuwandern, auch wenn ich mich so vielen Gefahren aussetze«, erzählt er. »Die Wege sind schwierig, aber es ist nicht unmöglich. Ich habe mein Ziel vor Augen und möchte durchkommen, damit wir aus diesem Loch herauskommen. Diese Reise muss ein Erfolg werden und ich sage mir immer, dass sie ein Erfolg wird.«

Isael sitzt im Schatten einiger Bäume, unmittelbar am Bahnhof neben den Gleisen. Überall sieht man Menschen, die auf den Zug warten. Viele von ihnen sind entlang der Schienen von der Grenze bis hierher zu Fuß gelaufen. Täglich reisen Hunderte auf Güterzügen in Richtung Norden. So können sie Kontrollen weitgehend ausweichen. Sie nennen den Zug den »Teufel aus Stahl« oder auch den »Zug des Todes«. Denn immer wieder kommt es vor, dass Menschen während der tagelangen Reise im Schlaf vom Zug fallen. Manchmal werden sie durch herabhängende Äste von den Dächern der Waggons gefegt oder von Gangs überfallen, die sie auf dem fahrenden Zug ausrauben.

Isael ist nicht zum ersten Mal hier. Fünf Mal wurde er schon abgeschoben. Fünf Mal kam er zurück. »45 Tage saß ich insgesamt schon auf dem Zug«, erzählt Isael. »Dabei habe ich gesehen, wie der Zug die Menschen tötet. Auf dem Zug wurden Frauen vergewaltigt und Menschen haben sich beschossen. Es war furchtbar.« Trotzdem will Isael es wieder versuchen. Auch Rosa kennt die Geschichten, trotzdem will sie hier auf den Zug Richtung USA klettern.

Menschenrechte nur auf dem Papier

Rosa hätte wegen des Überfalls bei La Arrocera Anzeige erstatten können. Nach einer 2007 erlassenen Bestimmung hätte sie dann ein befristetes Visum bekommen müssen, um als Zeugin gegen die Täter aussagen zu können. Sie hat keine Anzeige erstattet. Kaum einer der Durchreisenden ohne Papiere wagt es, in Mexiko Anzeige zu erstatten, wenn er von Banden überfallen oder entführt wird. Auch dann nicht, wenn die Migranten von Polizisten geschlagen oder vergewaltigt werden oder wenn die Polizisten mit den kriminellen Banden zusammenarbeiten. Die Migranten zeigen die Verbrechen nicht an, weil sie die Abschiebung fürchten. Und die Täter müssen keine Verfolgung fürchten, weil es keine Zeugen gibt, die vor Gericht aussagen würden.

Dieses Problem ist auch der staatlichen Menschenrechtskommission bekannt. Deshalb richtete sie 1995 eine eigene Abteilung für die Rechte der Migranten ein. Ihre Mitarbeiter nehmen auch Beschwerden der Migranten in den Herbergen auf. Seither erreichten die Kommission über 500 Beschwerden allein gegen Beamte der Einwanderungsbehörde. Aber verurteilen oder entschädigen kann die Kommission niemanden. Sie kann nur Empfehlungen aussprechen.

Für Isael sind die Menschenrechte nicht mehr als ein Stück Papier. Die Leute von der staatlichen Menschenrechtskommission redeten viel, hielten aber ihre Versprechen nicht. »Sie wissen, dass wir auf der Durchreise sind. Du bleibst nicht, um auf eine Antwort zu warten, denn sie werden nicht losgehen, um den zu suchen, der dich ausgeraubt hat.« Isael klingt enttäuscht. »Die Mexikaner wandern doch auch in die USA aus. Warum behandeln uns so viele schlecht? Wir sind auch Menschen und haben dieselbe Würde wie sie.«

Nach mehreren Tagen des Wartens hören wir abends das Pfeifen der Lokomotive. Es ist schon fast dunkel, doch man kann erkennen, wie sich aus allen Richtungen Menschen dem Bahnhof nähern. Der Zug fährt langsam ein und noch bevor er zum Stehen kommt, klettern die ersten auf den Zug. Im Bahnhof versuchen dann Hunderte einen Platz auf den Güterwaggons zu finden. Wenig später ist es dunkel und die Lokomotive fährt langsam wieder an. Ich versuche, auf einem der Waggons Isael zu entdecken. Plötzlich steht er hinter mir. Dieser Zug sei ihm zu voll. Er warte lieber auf den nächsten. Von hier aus sind es schließlich immer noch über 2.000 Kilometer bis zur Grenze mit den USA.

Rosa und ihr Vater sind noch nicht in Arriaga eingetroffen. Vielleicht sind sie inzwischen auch schon wieder abgeschoben worden. Was ihnen noch alles passiert sein könnte, mag ich mir nicht ausmalen.

Infokasten: Reise durch Mexiko

Jedes Jahr versuchen Zehntausende ohne Visum oder Aufenthaltserlaubnis durch Mexiko in die USA zu gelangen. Die meisten von ihnen kommen aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua, 20 Prozent sind Frauen oder Mädchen, jeder Zwölfte ist minderjährig. 2009 nahm die mexikanische Einwanderungsbehörde 64.061 Ausländer ohne legalen Aufenthaltsstatus fest, von denen 60.143 abgeschoben wurden. Überfälle und Entführungen durch kriminelle Banden, willkürliche Festnahmen und Erpressungen durch Polizisten sind alltäglich. Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler schätzen, dass von zehn Frauen und Mädchen sechs während der Reise vergewaltigt werden.

Infokasten: Unbürokratische Hilfe und untätige Bürokraten

Die vielen Männer, Frauen und Kinder, die ohne Visum durch Mexiko Richtung USA reisen, sind ein leichtes Opfer für Kriminelle, die sie ausrauben oder Lösegeld von ihren Verwandten erpressen wollen. Oft verdienen korrupte Beamte an diesen Verbrechen, die sie eigentlich bekämpfen sollen. Es gibt es aber auch viele Mexikaner, die den Migrantinnen und Migranten helfen.

So schützten Bewohner des Städtchens Rafael Lara Grajales im Bundesstaat Puebla 60 Menschen aus El Salvador, Honduras und Nicaragua, die ihren Kidnappern entflohen waren. Einer der Entflohenen sagte später aus, er und eine Gruppe Mitreisender seien von bewaffneten Männern vom Zug geholt und zu einem Polizeiauto gebracht worden. Die Polizisten übergaben die Festgenommenen an eine bekannte kriminelle Gang, die »Zetas«.

Die Bande nahm ihnen die Kleider ab und verlangte Telefonnummern von Verwandten, um Lösegeld zu erpressen. Die Kidnapper schlugen ihre Gefangenen und misshandelten sie mit Feuerzeugen. Einigen gelang es schließlich, sich zu befreien. Sie rannten nackt und blutend auf die Straßen von Rafael Lara Grajales. Bewohner der Stadt leisteten Erste Hilfe und versorgten die Geflohenen mit Kleidung, Nahrung und Unterkunft.

Doch die lokale Polizei weigerte sich, die Kidnapper zu verfolgen. Stattdessen wollte die lokale Staatsanwaltschaft die Migrantinnen und Migranten festnehmen lassen. Bewohner von Rafael Lara Grajales verhinderten die Festnahme, weil sie befürchteten, die gerade befreiten Gefangenen würden wieder an die Kidnapper übergeben.

Der Vorfall aus dem Jahr 2008 ist ein Beispiel aus dem Amnesty-Bericht »Unsichtbare Opfer« zur Transitmigration in Mexiko. Für den Bericht interviewte Amnesty Mitarbeiter von Notunterkünften, verschiedene Experten und über hundert Migrantinnen und Migranten, wertete Dokumente aus und forderte Behörden zur Stellungnahme auf.

Mexiko setzt sich immer wieder für die Rechte von mexikanischen Migranten in den USA ein. Um den Schutz der Zentralamerikaner, die durch Mexiko in die USA reisen wollen, sorgt sich die mexikanische Regierung dagegen kaum. Zwar hat das Land in den vergangenen Jahren einige Schritte unternommen, um den Schutz von »Irregulären« zu verbessern, diese werden jedoch oft nicht konsequent umgesetzt. Amnesty International fordert Mexiko deshalb auf, Verbrechen an den ohne Genehmigung Durchreisenden zu verfolgen und schlägt eine Reihe von Maßnahmen vor, um sie besser zu schützen.

Um auch in Deutschland für Aufmerksamkeit zu sorgen, hat die Mexiko-Ländergruppe der deutschen Sektion eine Fotoausstellung zusammengestellt, die in verschiedenen Städten in Deutschland gezeigt wird. Ausstellungstermine und Aktionsvorschläge sind auf http://unsichtbareopfer.wordpress.com zu finden, der vollständige Bericht auf http://www.amnesty.org.

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