Die Macht der Poesie
Sinan Antoon schildert in seinem Roman "Irakische Rhapsodie" das Schicksal eines inhaftierten Studenten zu Zeiten Saddam Husseins.
Verboten" war das meistgebrauchte Wort in diesem Land. Treffender kann man wohl das Leben in einer Diktatur nicht beschreiben. Mit Ironie und Sprachwitz macht sich der Student und Schriftsteller Furat über das Leben im Irak unter Saddam Hussein lustig. Der omnipräsente Diktator kontrolliert alles – selbst die Fußballergebnisse sind politisch motiviert. Doch Furat verweigert sich der Einheitspartei. Er fällt an der Universität durch seine kritische Haltung auf und veröffentlicht subversive Texte in einer kleinen Zeitung.
Dadurch lernt er seine Kommilitonin Aridsch kennen, die ihn für seinen Mut und seine Offenheit bewundert und ihn darin unterstützt. Mit dem Schreiben bringt er sich aber auch in größte Gefahr, denn seine kritischen Äußerungen sind in einer gleichgeschalteten Gesellschaft unerwünscht.
Tatsächlich wird Furat eines Tages vor der Universität verhaftet und eingekerkert. In den Folterkellern des Regimes wird alles unternommen, um seinen Willen zu brechen. Der physischen und psychischen Folter versucht er mit einer Art innerem Rückzug zu entgehen. Sein Leben besteht fortan aus einem Mosaik aus Gedanken, Erinnerungen, Träumen und Halluzinationen.
Es ist einerseits die Liebe zu seiner Großmutter und zu seiner Freundin Aridsch, die ihm hilft zu überleben. Andererseits ist es das Schreiben selbst, mit dem er sich auch im Gefängnis an das Leben klammert. Die Poesie ermöglicht ihm in der Freiheit die Überwindung des Verbotenen. Im Gefängnis dient sie als Rückzug aus der grausamen Gegenwart. Doch aus Angst vor seinen Peinigern isst Furat seine Gedichte auf. Am Ende, nach einer unbestimmten Dauer, wird er aus der Haft entlassen. Seinen Körper kann er mit Seife waschen, doch die Wunden in seiner Seele werden bleiben.
Wie in einer Mischung aus Orwell und Kafka wirft Sinan Antoon seinen Protagonisten in eine Welt, die aus Absurdität und Totalitarismus besteht. Geschickt verschiebt er dabei die Grenzen von Gegenwart und Vergangenheit. Die Zeit wird als Kategorie aufgehoben, der Raum besteht nur aus einer Kerkerzelle. Einzig frei sind die Gedanken. "Die Poesie hat die Antwort auf alle Fragen", lässt er seinen Protagonisten sagen. Und gleichzeitig stellt die Poesie diese Fragen selbst.
Damit wird Poesie zu einem selbstreferentiellen Instrument, das sich der Diktatur verschließt. Gerade in den poetischen Passagen beweist sich Antoons sprachliche Stärke. Hier merkt man, dass sein Erstlingswerk ein Gedichtband war.
"Irakische Rhapsodie" ist auch ein Versuch über Sprache in Zeiten der Unterdrückung, über das Sprechen und über Sprechverbote. Symptomatisch dafür ist, dass der Protagonist von Soldaten träumt, die auf Buchstaben schießen, um die Sprache zu töten. Dieses naive Unterfangen muss schließlich ebenso scheitern wie der Versuch, den Dichter Furat gleichzuschalten. Obwohl das Buch sicherlich keine leichte Lektüre ist, kann man es doch empfehlen, auch wenn die Übersetzung an manchen Stellen etwas mehr Stilgenauigkeit verdient hätte.
Von Ali Al-Nasani.
Sinan Antoon: Irakische Rhapsodie. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich in Zusammenarbeit mit Jinan Fierz. Lenos Verlag, Basel 2009, 133 S., 17,50 Euro.