Amnesty Journal 05. Juni 2009

Bücher

Die Hackordnung

Olivier Adam ist in Frankreich ein gefeierter Autor. Vor wenigen Jahren erhielt er den höchsten literarischen Preis für Nachwuchsschriftsteller und sein Bestseller "Keine Sorge, mir geht’s gut" kam 2007 in die Kinos und war ebenfalls ein Erfolg. Sein neuester Roman "Nichts was uns schützt" erzählt von einer jungen Frau, die immer mehr an Halt verliert, die sich an ihre kleinen Kinder krallt und sich schließlich von dem Elend der Illegalen, die in Frankreich "Sans-Papiers", Papierlose, genannt werden, über ihre eigene Leere hinwegtrösten lässt.
Leicht könnte diese Geschichte zu einem klebrigen Melodram verkommen. Stattdessen verfasst Olivier Adam einen politischen Roman, der die Hackordnung in der französischen Gesellschaft präzise abbildet. Depression und Rassismus, der Mief der Banlieue, die katastrophale Situation von illegalen Flüchtlingen, die Hilflosigkeit von Kindern, die allmählich Angst vor ihren Eltern bekommen – all das wird zu einer dichten Erzählung verwoben. Und obwohl die Geschichte niederschmetternd ist, wie so viele reale Berichte aus den Pariser Banlieues, schafft es der Autor, dass man den Roman atemlos in einem Schwung durchliest.

Olivier Adam: Nichts was uns schützt. Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, 209 Seiten, 19,90 Euro.

Verpönter Personenkult

"In Putins Russland bahnt sich Unheilvolles an: Stalin kehrt zurück." Mit diesem Satz beginnt Wolfgang Leonhard seine "Anmerkungen zu Stalin". Leonhard wurde 1921 in Wien geboren und lebte von 1935 bis 1945 im russischen Exil, danach ging er in die DDR und lehrte schließlich rund 20 Jahre lang die Geschichte des Kommunismus in Yale. Er versteht sich als Zeitzeuge und als Wissenschaftler. Entsprechend mischen sich in sein Porträt der stalinistischen Politik auch Erinnerungen an seine eigene Kindheit und an seine Begeisterung für Stalin.
Das Spannende dieses Sachbuches liegt im Detail. Etwa, wenn der Autor nachzeichnet, wie geschickt der als ungebildet belächelte Stalin die Totenfeier Lenins nutzte, um einen unter Lenin verpönten Personenkult hoffähig zu machen – und so seine eigene Führerschaft vorzubereiten. Oder wie Stalin damit begann, die Veröffentlichung von Statistiken zu verbieten. Ab 1931 gab es keine Zahlen mehr zu Sterbe- und Geburtenraten; im Jahr darauf erfuhr niemand mehr, wie es um die Entwicklung der Reallöhne der Industriearbeiter stand, und ab 1947 wurde die Verbreitung von jeglichem Zahlenmaterial hart bestraft. Konsequent überzog Stalin die Bevölkerung nicht allein mit einer ungeheuren Gewalt. Er nahm ihr gleichzeitig die Möglichkeit, gesellschaftlich relevantes Wissen zu akkumulieren. Diese Mischung sicherte seine Herrschaft ab – und ist vielleicht das, was Putin noch heute für den Diktator begeistert. Leonhards Begeisterung für Stalin hat sich hingegen durch Anhäufung von Wissen relativiert.

Wolfgang Leonhard: Anmerkungen zu Stalin. Rowohlt, Berlin 2009, 187 Seiten, 16,90 Euro.

Die Schuld des Vaters

Wie trete ich das Erbe meines Vaters an – oder besser: Wie schlage ich es aus? Die Brüder Rachel und Malrich leben in
einer französischen Banlieue, ihre Mutter ist Algerierin, ihr Vater Deutscher. Erst im Erwachsenenalter erfahren sie, dass ihr Vater als SS-Mann in diversen Konzentrationslagern Dienst tat. Als sie von der Vergangenheit ihres nicht unbedingt geliebten, aber verehrten Vaters erfahren, geraten sie in tiefgreifende Identitätskonflikte. Sie, die Marginalisierten, die sich aufgrund ihrer algerischen "Wurzeln" stets auf der Seite der "Guten" wähnten, fragen sich nun, inwieweit sie die Schuld ihres Vaters zu sühnen haben. Und kommen exakt mit dieser Frage zu keiner Antwort.
Sansal zeigt, wie traditionelle Ideen von Männlichkeit und Ehre verhindern, sich vom Vater und seiner Geschichte zu emanzipieren. Das Ergebnis ist eine durch und durch missglückende Loslösung. Sansal zeigt aber auch, wie wenig Wissen im Ghetto über den Holocaust vorhanden ist – eine Lücke, die nicht zuletzt der Autorität der lokalen Islamisten zuarbeitet. Das fatale Ineinandergreifen von Männlichkeitsmythen und Unwissenheit in Sachen Geschichte in aller Konsequenz vor Augen zu führen, ist der Verdienst des gleichwohl ein wenig überkonstruierten Romans.

Boualem Sansal: Das Dorf des Deutschen oder Das Tagebuch der Brüder Schiller. Aus dem Französischen über­tragen von Ulrich Ziegler. Merlin Verlag, Vastorf 2009, 360 Seiten, 22,90 Euro.

In Afrika zuhause

Unser Bild von Afrika ist von Katastrophenmeldungen in den Medien geprägt. Wie hingegen das alltägliche Leben in einem kleinen Dorf in Burkina Faso aussieht, davon erzählt Marie-Florence Ehret in ihrem Jugendbuch "Tochter der Krokodile". Die Französin, die selbst viele Jahre in dem westafrikanischen Land gelebt hat, stellt in ihrem Roman die elfjährige Fanta in den Mittelpunkt.
Seit ihre Mutter aus ihrer unglücklichen Ehe geflohen und nach Paris gegangen ist, lebt Fanta bei ihrer Großmutter. Als eine Beschneiderin ins Dorf kommt, um die Mädchen zu "reinigen", verbietet die starke Großmutter Fanta die Teilnahme an diesem Ritual. Damit steht das Mädchen noch deutlicher zwischen der weißen, aufgeklärten Welt und ihrer schwarzen Heimat. Doch als Fantas Mutter, die aus Paris zu Besuch gekommen ist, entscheiden muss, ob sie das Mädchen mit nach Europa nehmen soll, lässt sie Fanta schweren Herzens in Afrika zurück: "Träume weiter, meine Tochter, du musst noch lange nicht vom Tod unserer Götter und unserer Welt erfahren."
Informativ und ohne wertende Tendenz erzählt Ehret von einer fremden Welt, in der Motorräder, Handys und Fernseher neben Männerpalaver, Träume deutenden Wahrsagerinnen und großem Respekt gegenüber den alten Sitten und Gebräuchen existieren.

Marie-Florence Ehret: Tochter der Krokodile. Aus dem Französischen von Stefanie Schäfer, Umschlag: Wolf Erlbruch. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2009, 157 Seiten, 13 Euro. Ab 12 Jahre.

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