Amnesty Journal Mexiko 05. August 2009

Im Reich der Gesetzlosen

In der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez bestimmen Drogenkartelle über Leben und Tod.

Muskeln, Waffen, Spritzen. Bilder einer Stadt, in der Gewalt und der Tod so alltäglich sind wie billiger Sex und ein Schuss Heroin. Hier starben 2008 im Krieg zwischen Soldaten und Killertrupps der Drogenmafia 1.600 Menschen: korrupte und weniger korrupte Polizisten, Politiker, die für die falsche Seite arbeiteten oder junge Männer, die für schnelles Geld die Drecksarbeit der Kartelle übernahmen. Häufig wurden die Opfer vor ihrem Tod gequält. Wer aufmuckt, dem drohen Folter und Hinrichtung.

Es sind die Gesetze der Drogenbarone, die in Ciudad Juárez zählen. Und nicht nur dort. Zwei Drittel der mexikanischen Gemeinden sind von der Mafia unterwandert, acht Prozent sind komplett in der Hand der Kartelle, schätzt Edgardo Buscaglia von der technischen Universität ITAM in Mexiko-Stadt. Die Mafia zahlt besser, und so gehorchen viele Beamte lieber den Kriminellen als den Befehlen aus der fernen Hauptstadt. Das war schon so, als 1993 eine Serie von Frauenmorden begann. Mindestens 500 Frauen wurden seither ermordet, kaum einen Fall klärten die Behörden auf. Machismus, Korruption und Angst haben einen Raum der Straflosigkeit geschaffen, der die ­Täter bis heute schützt.

Dabei sind viele der 1,3 Millionen Einwohner aus dem Süden Mexikos nach Ciudad Juárez gekommen, weil sie auf ein besseres Leben hofften. Sie versprachen sich Arbeit in einer der zahlreichen Weltmarktfabriken oder setzten auf den Sprung in die USA. Doch auf die andere Seite schaffen es vor allem illegale Waren. Nach FBI-Angaben soll die Hälfte der in den USA konsumierten Drogen über diese Grenze ins Land kommen.

Mexikos Präsident Felipe Calderón will dem Schmuggel und der Gewalt mit militärischen Mitteln Einhalt gebieten. 9.000 Soldaten patrouillieren seit Frühjahr 2009 in der Stadt. Die Zahl der Morde ging dadurch zunächst zurück, Nichtregierungsorganisationen beklagen jedoch eine erhebliche Zunahme der Menschenrechtsverletzungen. Folter, Übergriffe und Morde sollen auf das Konto der Sicherheitskräfte gehen. Mit Soldaten gegen gewalttätige Verhältnisse? Ein zweifelhafter Weg.

Von Wolf-Dieter Vogel.

Fotostrecke: Im Reich der Gesetzlosen.

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