Egesborgs Kampf um die Meinungsfreiheit
Er hat sich mit Putin angelegt, dem Mullah-Regime im Iran, der Junta in Myanmar und anderen. Jan Egesborg und seine Aktionsgruppe "Surrend" haben mit ihrer Kunst über Jahre politisch provoziert.
Zermürbung ist ein schleichender Prozess. Beinahe hätte Jan Egesborg seine eigenen Grenzen übersehen. "Im vergangenen Herbst hätten wir nur noch auf die Taste 'Senden' drücken müssen", erinnert sich der 46-jährige Künstler aus Dänemark in seinem Berliner Atelier, "es war alles fertig in unseren Computern": Die täuschend echte Website eines vermeintlichen dänischen Sicherheitsministeriums und eine fingierte Anzeige für afghanische Zeitungen. Darin hieß es, Dänemark ziehe seine Truppen aus Afghanistan zum 1. April 2009 ab. Wegen Unwohlsein der Soldaten sowie – Sandstürmen.
Ein zufriedenes Grinsen zieht sich über Jan Egesborgs Gesicht. Diplomatische Krise, Medienaufmerksamkeit, Drohungen oder gar ein Gerichtsprozess gegen ihn als Urheber der politischen Provokation – man darf davon ausgehen, dass Egesborgs bissige Afghanistan-Botschaft angekommen wäre bei ihren Adressaten. Und ähnlich Furore gemacht hätte wie vorherige politische Kunstwerke seiner deutsch-dänischen Aktionskünstlergruppe Surrend ("Ergib dich") in Iran, Russland, Myanmar, Simbabwe und anderen menschen- und presserechtlich schwierigen Ländern. Allein: Im letzten Moment entschieden sich Egesborg und seine vier Kollegen gegen ihren Afghanistan-Coup.
"Wir waren einfach zu müde", sagt Egesborg, ein klein gewachsener Mann mit kurz rasiertem Haar und wachen Augen, der gern über andere und sich lacht. Doch jetzt klingt er ernst. "Wir wussten plötzlich, wir stehen das nicht noch ein weiteres Mal durch. Erst dieses Hochgefühl, wirklich etwas zu bewegen, und unmittelbar danach: Vernehmungen, Prozesse, Anwaltskosten. Es hätte uns über Monate sämtliche Energien geraubt und als Künstler lahm gelegt."
Der Rückzug aus der politischen Kunst als Ausdruck tiefer Resignation? Er schüttelt den Kopf: Resignation, nein. Diese Genugtuung will er ihnen nicht gönnen, den Putins, Ahmadinedschads, Lukaschenkos und anderen Autokraten, die Surrend auf die Schippe nahm, und die scharf zurückschossen. "Es sind jetzt andere dran. Wir haben unseren Beitrag geleistet."
Es begann im März 2006, als der ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic in seiner Geburtsstadt Pozarevac beigesetzt wurde. Jan Egesborg, dänischer Journalist, Plakatkünstler und Dozent an der Königlich-Dänischen Kunstakademie, und seine Lebensgefährtin Pia Bertelsen, Kriegsberichterstatterin für dänische Medien, beobachteten, wie Tausende dem Massenmörder ekstatisch huldigten. "Stell dir vor, wir würden hier ein paar satirische Poster aufhängen und den Psychopathen dieser Welt so richtig auf die Nerven fallen", sagte Jan Egesborg zu seiner Freundin. Es war die Geburtsstunde von Surrend – mit dem Duo Egesborg/Bertelsen als Kern der Gruppe sowie den Künstlern und Designern Stine Skott-Olesen, Martin Nielsen und Johannes Töws, die sich zuweilen an Aktionen beteiligen.
"Ich hatte damals das Gefühl, im Journalismus zu wenig auszurichten", sagt Egesborg. "Es kümmerte die Machthaber nicht, was ich und andere schrieben über Menschenrechte, Bürgerrechte und deren Aushöhlung. Die wichtigsten Themen unserer Zeit, aber es tangierte sie einfach nicht." Das Echo auf Egesborgs politische Kunst dagegen ist nachhaltig. In der regimetreuen "Tehran Times" gelingt es Surrend, eine Anzeige zu platzieren, die die verschlüsselte Botschaft "SWINE" unter einem Foto von Irans Präsidenten Ahmadinedschad enthält; das Mullah-Regime tobt. In Myanmar schalten Surrend, getarnt als "Friedensaktivisten", eine Anzeige, die den Chef der Junta als Killer bezeichnet.
Im Mai 2007 besucht der russische Präsident Wladimir Putin Wien. Surrend plakatieren: "Erschießt Putin", und dahinter, klein gedruckt, "Journalisten?". Egesborg, dieser harmlos aussehende Mann in Jeans und Pulli, wird festgenommen, neun Stunden verhört wie ein Schwerverbrecher, das Poster konfisziert. Er wird wegen Anstiftung zu einer Straftat angeklagt, gewinnt den Prozess, und legt nach: Auf einer der offiziellen Kreml-Website nachempfundenen Internetseite lässt er Putin fiktive innere Monologe über Sex, Wodka und Krieg halten. Zwischen Moskau und Kopenhagen brodelt es, wieder gewinnt Egesborg den Kampf um die Meinungsfreiheit.
Er genießt die internationale mediale Aufmerksamkeit, dazu das gute Gefühl, auch stellvertretend für die Künstler weltweit zu agieren, denen von ihren Diktaturen ein Maulkorb verpasst wurde. "Politische Kunst ist eine wunderbare Waffe", sagt Jan Egesborg. Vielleicht auch, weil Politiker, Demokraten wie Willkürherrscher, systemimmanente Kritik von Journalisten, NGOs oder Gewerkschaften oft nur als lästiges Ritual wahrnehmen. Politische Angriffe von Externen dagegen, etwa von Künstlern, wiegen schwer. Zumal, wenn sich diese nicht einordnen lassen: Surrend haben sowohl die NPD wie die Linke parodiert; sie gehören weder einer Partei an, noch einer NGO und verstehen sich als anarchistische Bohemiens.
Die Kehrseite dieser Unabhängigkeit ist Einsamkeit. "Wir haben enorme Risiken auf uns genommen, aber wenig Unterstützung erfahren." In der Auseinandersetzung mit Putins Machtapparat blieben die Künstler weitgehend auf sich gestellt; vorsichtshalber hält Egesborg seine Wohn- wie Arbeitsadressen bis heute geheim. Die Leichtigkeit, mit der seine Kunst daherkommt, ist Ergebnis monatelanger Recherchen, häufig vor Ort, und minutiöser Vorbereitung. Einen Großteil seines Tages verbringt Egesborg in seinem minimalistisch eingerichteten Atelier – Tisch, Laptop, seine Poster nachlässig an die Wände gepinnt – in einer Kreuzberger Fabriketage mit der Lektüre von Zeitungen und Internetberichten. "Ich war nie so naiv zu glauben, dass unsere Aktionen einen unmittelbaren politischen Wandel herbeiführen würden", sagt er. "Aber immerhin haben wir Nachahmer gefunden, unter anderem in Myanmar." Er guckt wie ein erfüllter Firmenchef vor dem Rückzug ins Private.
In diesem Jahr wird Jan Egesborg 47, seine Freundin Pia Bertelsen 36, ihr Sohn hat gerade seinen zweiten Geburtstag gefeiert. "Es ist keine vorübergehende Pause, es ist ein Schnitt", sagt Egesborg. Im Januar hat das Paar die Figur des Moll Morgengrau geschaffen: Er ist der Prototyp eines depressiven Künstlers, geboren 1960 in der documenta-Stadt Kassel, seither Miesepeter, drei gescheiterte Ehen. Von Plakaten, in Ausstellungen und bei Facebook gibt er nun seinen Senf zur Lage der Nation ab. "Zum ersten Mal", sagt Jan Egesborg, "haben wir jetzt eine Figur, hinter der wir zurücktreten können." Das ist nicht die schlechteste Möglichkeit, selbst ein wenig aus der Schusslinie zu kommen.
Von Heike Haarhoff
Die Autorin ist Reporterin der "taz".