Amnesty Journal Argentinien 14. Januar 2010

Die Stimme der "Verschwundenen"

Mercedes Sosa, eine der bekanntesten Sängerinnen Lateinamerikas, starb Anfang Oktober. Sie erinnerte stets auch an die Opfer der Militärdiktatur und das Schicksal der indigenen Bevölkerung.

Mercedes Sosa war die Symbolfigur des demokratischen Argentiniens. Eigene Songs hat sie nie geschrieben, lieber griff sie auf die Werke anderer Künstler zurück. Weil sie nicht nur in den Traditionen ihres Landes sondern auch im panamerikanischen ­Repertoire zu Hause war, stieg sie in den Achtzigerjahren als "Stimme Südamerikas" zu weltweiter Bekanntheit auf.

Das Duett-Album "Cantora" bildet nun das Vermächtnis der Sängerin, die am 4. Oktober im Alter von 74 Jahren in Buenos Aires starb. Mit einer Art Staatsbegräbnis und dreitägiger Staatstrauer nahmen das offizielle Argentinien und die Bevölkerung Abschied von ihr. Jedes der Lieder auf "Cantora" stammt von einem anderen Komponisten und wird, im Wechselspiel mit Mercedes Sosa, meist auch von diesem gesungen. Gesangspartner sind Weltstars wie Caetano Veloso, Shakira oder Daniela Mercury, andere sind nur in Südamerika oder der spanischsprachigen Welt bekannt.

Die Produktion ist opulent und satt. Mal wird Mercedes Sosas noch immer markante Stimme nur von einer Gitarre, dann wieder von großem Orchester umgarnt. Es dominieren Streicher und Piano, ab und an tauchen ein Bandoneon oder eine Klarinette auf. Das Spektrum der Stile reicht vom Akustik-Chanson über kitschige Latin-Operetten bis hin zur Hip-Hop-Elegie, dazu gibt es Ausflüge in Bluesrock oder Bossa Nova.

Allzu Folkloristisches sucht man auf "Cantora" dagegen vergeblich. Das ist insofern überraschend, als Mercedes Sosa seit den frühen Sechzigerjahren zu den Stars des folkloristischen "Nueva Cancion" zählte und mit ihren Liedern an das Erbe der Inkas und anderer indigener Völker Lateinamerikas erinnerte. Als in Argentinien 1976 das Militär putschte, ging sie ins Exil, um sich von Europa aus Gehör zu verschaffen. Meist in einen Poncho gehüllt, mit ausladenden Bewegungen und sparsamer Mimik, gemahnte Mercedes Sosa an das Schicksal ihres unterdrückten Volks. Wenn sie sang, musste man unweigerlich an all jene denken, die unter der Diktatur spurlos "verschwanden", gefoltert und ermordet wurden. Neben Miriam Makeba, Victor Jara und Bob Marley stieg Mercedes Sosa in jenen Jahren zu einer Ikone der Drittwelt-Solidarität und der lateinamerikabewegten Linken auf.

Als sie nach dem Ende der Diktatur 1982 nach Argentinien zurückkehrte, behielt sie den Ruf einer politischen Sängerin bei. Doch wurde es in den nachfolgenden Jahren eher still um Mercedes Sosa, die sich mit Krankheiten plagte. Der aufkommende "Weltmusik"-Hype ging an ihr vorbei. In ihrer Heimat war sie jedoch nie vergessen, und mit ihrem Tod wurde sie quasi zu einer Nationalheiligen erklärt.

Als "Cantora" vor mehr als einem Jahr in Argentinien erschien, entwickelte es sich innerhalb kurzer Zeit zum Bestseller, jetzt erscheint es in leicht veränderter Version auch in Europa. Das Album enthält keine politischen Botschaften, sondern melancholische Lieder über unerfüllte Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte. Zu den Höhepunkten zählt "La Maza", ein Songklassiker aus Kuba, den Mercedes Sosa mit der Kolumbianerin Shakira neu eingespielt hat.

Von Daniel Bax.

Mercedes Sosa: Cantora (Sony / RCA)

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