Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 22. November 2018

Risse im Fundament

Ein Mann klebt eine Räumungsanordnung an eine Wohnungstür

Vor die Tür gesetzt. Wohnung kurz vor der Zwangsräumung, Milwaukee 2014.

Der Soziologe Matthew Desmond untersucht in "Zwangsgeräumt" den Zusammenhang von Armut und Mietwohnungen am Beispiel der USA.

Von Maik Söhler

Das Zuhause ist und bleibt das Fundament des Lebens", schreibt der US-Soziologe Matthew Desmond in seinem nun auf Deutsch erschienenen Buch "Zwangs­geräumt". Seine sozialanthropologische Studie, die er von 2008 an über mehrere Jahre in Milwaukee im Nordosten der USA durchgeführt hat, beschäftigt sich mit der Zerstörung eines Zuhauses – der Zwangsräumung. Desmond hat nicht nur Daten erhoben, Statistiken ausgewertet und die Struktur des Mietmarktes untersucht, sondern stand auch in engem Kontakt mit all jenen, die an Zwangsräumungen beteiligt waren: mit Mietern, Vermietern, Juristen und Räumungsfirmen.

In Milwaukee hatte fast die Hälfte der Mieter, die Sozialhilfe beziehen, zwischen 2009 und 2011 ein "ernsthaftes und andauerndes Wohnungsproblem". Jeder achte war von einer Zwangsräumung betroffen. Das ist viel, aber kaum mehr als in anderen US-Städten. Es gibt zwar sozialen Wohnungsbau, der ist aber alten, kranken und behinderten Mietern vorbehalten. Zwei Drittel der Mieter müssen auf dem freien Wohnungsmarkt klarkommen. Desmond betont: "Nicht alle Menschen, die in einem Problemviertel wohnen, haben mit Gangmitgliedern, Bewährungsbeamten, Arbeitgebern, Sozialarbeitern oder Pastoren zu tun. Aber fast alle haben einen Vermieter."

Der Autor zitiert die Vermieterin Sherrena mit den Worten: "Das Getto ist gut zu mir. Hier lässt sich viel Geld machen." Trotz manch zahlungsunfähiger Mieter sei die Profitrate in Problemvierteln höher als anderswo. Dafür sind Gesetze mitverantwortlich, schreibt der Autor: "Vermietern war es erlaubt, Wohnungen zu vermieten, die gegen die Bauvorschriften verstießen, und sogar Wohnraum, der nicht den ›Grundstandards für Bewohnbarkeit‹ entsprach, solange sie diese Probleme nicht verschwiegen."

Eine gerichtliche Räumungsverfügung kann Sherrena fast immer beantragen. Dafür reicht ein Mietrückstand oder Ärger der Mieter mit der Polizei. Wenn in einem Haus mehrmals die Polizei anrücken muss, macht die Behörde Druck beim Vermieter, der die Mieter auf die Straße setzen kann. Familiäre Gewalt wird so zum Räumungsgrund, und misshandelte Frauen stehen vor der Wahl, entweder weiter verprügelt zu werden oder die Polizei zu rufen und auf die Straße gesetzt zu werden. Desmond stellt fest: Die Wahrscheinlichkeit einer Zwangsräumung ist bei Schwarzen höher als bei Weißen und bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern. Am Ende der Zwangsräumung stehen die Obdachlosigkeit und ein Eintrag in Datenbanken, die von Vermietern vor einer Neuvermietung abgefragt werden. Wer in solch ­einer Datenbank steht, hat kaum Chancen auf eine neue Wohnung oder muss eine Wohnung mieten, die ohne "Hintergrundchecks" vergeben wird und teurer ist.

Einiges in diesem Buch lässt sich auf die Wohnsituation in anderen US-Städten, aber auch auf Europa übertragen. Für Arme ist das Recht auf Wohnen überall dort gefährdet, wo die Stadtpolitik dem freien Mietmarkt nichts entgegensetzen will. "Zwangsgeräumt" liest sich wie eine Mischung aus Roman und Reportage. Desmond wurde dafür 2017 zu Recht mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Matthew Desmond: Zwangsgeräumt. Armut und Profit in der Stadt. Aus dem Amerikanischen von Volker Zimmermann und Isabelle Brandstetter. Ullstein, Berlin 2018. 544 Seiten, 26 Euro.

Buchtipps

Wenn der Staat versagt

Nach dem Urteil gegen Beate Zschäpe und andere Angehörige des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im August geht die Aufarbeitung des rechten Terrors, dem zehn Menschen zum Opfer fielen, zum Glück weiter. Tanjev Schultz, Professor für Journalismus an der Universität Mainz, trägt mit dem Sachbuch "NSU" seinen Teil dazu bei. Er richtet seinen Blick dabei vor allem auf staatliche Institutionen und deren Arbeitsweise. "Es war ein multiples Versagen, das in fragwürdigen Mentalitäten, Methoden und Strukturen des Sicherheitsapparats wurzelte", bilanziert der Autor. Auf mehr als 400 Seiten schildert er alle Unfähigkeiten, Pannen, Fehlperspektiven, Kooperationsmängel und blinden Flecke, die zwischen 1997 und 2011 die Arbeit von Bundeskriminalamt, Landeskriminalämtern, Sonderkommissionen, Staatsanwaltschaften, Bundesverfassungsschutz und Landesverfassungsschutzämtern prägten. Informationen wurden nicht bearbeitet oder weitergegeben, Verfassungsschützer misstrauten der Polizei und umgekehrt. Die Opfer und ihre Familien standen unter Verdacht, mit der organisierten Kriminalität zu tun zu haben, in Hamburg wurde gar ein "Metaphysiker" befragt. Aber Neonazis als Täter? Darauf wollte kaum einer kommen. Nüchtern sieht sich Schultz alles an, analysiert präzise das Staatsversagen und stellt neue Fragen. Darin und in einer ­guten Quellenabsicherung liegen die großen Stärken dieses "NSU"-Buches.

Tanjev Schultz: NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates. Droemer, München 2018. 576 Seiten, 26,99 Euro.

Datenschutz als Menschenrecht

Wer hat uns verraten? Unsere Daten! Ein wichtiges Buch zum Datenschutz hat die Bürgerrechtlerin und Netzaktivistin Katharina Nocun vorgelegt. In "Die Daten, die ich rief" nimmt sich die ehemalige Politikerin der Piratenpartei viele nützliche Anwendungen vor, bei denen Daten anfallen und man am Ende nicht weiß, wer welche wo und wie lange speichert und wer noch darauf zugreifen kann. Von Online-Netzwerken über Internetshopping, Gesundheits-Apps und personalisierter Werbung bis zu Videoüberwachung und beruflichen Daten durchpflügt Nocun den digitalen Alltag von Millionen Menschen. Erste US-Krankenversicherungen verlangen bereits, dass sich ihre Kunden von einem Fitnessarmband kontrollieren lassen, Firmen machen mit Nutzerdaten ein Riesengeschäft, und der Staat kommt, wenn es um Regulierung geht, kaum hinterher. Sofern er es überhaupt will: Die Autorin macht nicht den Fehler, hier den guten Staat und dort die bösen Konzerne zu sehen. Sie weiß um die Mühen, die sich Geheimdienste und staatliche Behörden machen, um Daten der Bürger zu sammeln. Das Buch ist hilfreich, vor allem aber besticht es, weil Nocun die Enthüllungen des US-Whistleblowers Edward Snowden sehr genau kennt und weiß: "Beim ­Datenschutz geht es nicht um den Schutz von ­Daten, sondern um den Schutz von Menschen."

Katharina Nocun: Die Daten, die ich rief. Wie wir unsere Freiheit an Großkonzerne verkaufen. Lübbe, Köln 2018. 347 Seiten, 18 Euro.

Gescheiterte Flucht

Was passiert mit denen, deren Flucht in eine bessere Welt nicht klappt und die an jenen Ort zurückkehren müssen, den sie aus guten Gründen und voller Hoffnung verlassen haben? Der haitianische Schriftsteller Néhémy Pierre-Dahomey nimmt sich in seinem Roman "Die Zurückgekehrten" dieser Frage an und verarbeitet sie literarisch in der Figur der Belliqueuse Louissaint. Die Haitianerin will an Bord eines kleinen Bootes nach Florida, verliert bei einem Sturm jedoch ihren kleinen Sohn und erreicht ihr Ziel nicht. Zurück in Haiti sieht sie sich gezwungen, ihre beiden Töchter zur Adoption freizugeben. Ihre Seele und ihr Geist trüben sich erst ein und lösen sich schließlich fast ganz auf. Pierre-Dahomey porträtiert seine Hauptfigur und erzählt doch so viel mehr: von den politischen, sozialen, ökonomischen und gesellschaftlichen Nöten Haitis, die nach einem Erdbeben noch einmal rasant anwachsen. Er spart nicht mit Kritik an humanitären Hilfsorganisationen und Helfern, die zwischen Aktionismus und Zynismus die Hilfsbedürftigen aus dem Blick verlieren. Vor allem aber erfasst sein Buch die Zumutungen, denen arme Frauen in Haiti ausgesetzt sind: familiäre Pflichten, eine tiefsitzende Macho- und Gewaltkultur und eine paternalistische Kirche. Sprachliche Leichtigkeit, inhaltliche Düsternis – "Die Zurückgekehrten" ist einer der bedrückendsten Romane des Jahres 2018.

Néhémy Pierre-Dahomey: Die Zurückgekehrten. Aus dem Französischen von Lena Müller. Nautilus, ­Hamburg 2018. 160 Seiten, 19,90 Euro.

Das manipulierte Mädchen

Wie kann es sein, dass sich ein 15-jähriges Mädchen von Deutschland aus aufmacht, um in Syrien einen Kämpfer der Terrorgruppe Islamischer Staat zu heiraten und ihr bisheriges Leben und ihre Identität aufzugeben? Claudia Rinke spürt in ihrem Jugendroman, der sich an wahren Begebenheiten orientiert, dieser Frage nach und findet erschütternde und glaubhafte Antworten. Indem die Autorin, die als Juristin unter anderem für die Vereinten Nationen arbeitete, Manipulationstaktiken dschihadistischer (und anderer extremistischer) Gruppen einerseits und die Fragilität, Naivität und Manipulierbarkeit von Jugendlichen andererseits in den Blick nimmt, gelingt es ihr, das Handeln ihrer Protagonistin und dessen dramatische Konsequenzen nachvollziehbar zu schildern. In schlichter Sprache erfährt man aus Sicht der Ich-Erzählerin Anna zunächst von der Trauer um den verstorbenen Vater, vom angespannten Verhältnis zur Mutter und von der Faszination, die Abu Salam – den Anna über soziale Netzwerke kennenlernt – auf sie ausübt. Man erlebt mit, wie gut ihr die Schmeicheleien des Fremden tun, wie aus Anna Schritt für Schritt Aisha wird und was das Mädchen, entgegen der paradiesischen Versprechungen, in Syrien tatsächlich erwartet. Sich dieser Brutalität und Unmenschlichkeit zu entziehen, erscheint aussichtlos. Und doch gelingt die Flucht zurück nach Deutschland und besteht Hoffnung auf einen Neuanfang.

Claudia Rinke: Die Braut. Radikal verliebt. Planet!, ­Stuttgart 2018. 198 Seiten, 9,99 Euro. Ab 12 Jahren.

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