Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 28. August 2019

Die anderen Töchter Amerikas

Vier Frauen mit Musikinstrumenten auf einem sandigen Weg, dahinter Bäume.

Die Musikerinnen von Our Native Daughters geben dem US-amerikanischen Folk neue Inhalte.  

Die vier Musikerinnen von Our Native Daughters spielen klassischen US-amerikanischen Folk, erzählen dabei jedoch die weibliche, schwarze Geschichte Amerikas.

Von Daniel Bax

Den Ausschlag gab ein Besuch im US-amerikanischen Nationalmuseum. Dort, in Washington D.C., entdeckte die Folk-Musikerin Rhiannon Giddens ein Gedicht, das sich aus heutiger Sicht zynisch liest. Zwar bekundete der Schriftsteller William Cowper darin seinen Abscheu vor der Sklaverei. Zugleich verteidigte er sie, denn ansonsten müsse man auf Annehmlichkeiten wie Zucker und Rum verzichten, so sein Argument, und was sei das schon für ein Leben? Im Song "Barbados" rezitiert Giddens dieses Gedicht, um in Form einer schwermütigen Moritat über Kontinuitäten der Ausbeutung zu sinnieren. Schließlich könne man die Geisteshaltung von damals mühelos auf heute übertragen: Wer möchte schon auf die Annehmlichkeiten der Globalisierung verzichten – auch wenn wir um den Preis wissen, den andere dafür zahlen müssen?

Rhiannon Giddens ist eine Senkrechtstarterin der US-amerikanischen Folkszene. Für ihr 2015 erschienenes Solodebüt "Tomorrow Is My Turn" hatte sie sich Songs ausgesucht, die von Frauen geschrieben oder gesungen worden waren. Zuvor hatte sie die Carolina Chocolate Drops gegründet, ein Trio, das sich ­alter Südstaatenmusik widmete, die lange verächtlich als "Hillbilly-Musik" verspottet wurde. Mit beidem feierte sie Charts-Erfolge und Grammy-Ehrungen, 2015 trat sie im Weißen Haus auf.

Dass sich Giddens jetzt mit drei anderen namhaften afro­amerikanischen Musikerinnen zusammengetan hat, um ein ­Album aufzunehmen, bei dem das Banjo musikalisch im Mittelpunkt steht, ist für sich genommen schon eine Nachricht. Dass sie damit den Emanzipationskämpfen afroamerikanischer Frauen ein musikalisches Denkmal setzt, macht es zu einer kleinen Sensation. Als Mitstreiterinnen konnte sie Leyla McCalla gewinnen, eine Cellistin aus New Orleans, sowie Amythyst Kiah aus Tennessee und die Kanadierin Allison Russell. Allen vieren gemein ist, dass sie in ihrer Musik die vielfältigen Ursprünge heutiger Folk-, Country- und Rockmusik erforschen. Our Native Daughters nennt sich ihr All-Star-Kollektiv: Der Name spielt auf Werke der afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin und Richard Wright an. Mit altmodisch rumpelndem Rhythm and Blues, Bluegrass, Folk und Soul, aber auch Calypso und Gospel-Klängen erzählen sie eine andere Geschichte Amerikas, aus schwarzer und weiblicher Perspektive.

Das rockige "Black Myself" handelt von Stolz und Selbstbehauptung, aus "Moon meets the Sun" spricht ungebrochene Lebensfreude im Angesicht der Unterdrückung, und der rhythmische Call-and-Response-Song "Mama’s Crying" erzählt mit wenigen, eindrücklichen Worten die Geschichte einer vergewaltigten Sklavin, die ihren Peiniger ersticht und dafür gehängt wird. Ebenso eindringlich ist die schleppende Folk-Ballade "Qasheba, Qasheba", mit der Allison Russell eine Vorfahrin würdigt, die einst in Ghana versklavt und nach Grenada verschleppt wurde. Die Geister der Ahnen, sie sind auf diesem Album sehr präsent.

"Intersektionalität" ist in den Sozialwissenschaften ein neues, modisches Schlagwort, das dafür steht, verschiedene Formen der Diskriminierung zusammenzudenken. Was das künstlerisch bedeuten kann, führt ­dieses außergewöhnliche Album vor.

Our Native Daughters: Songs of Our Native Daughters (Smithonian Folkways)

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