Amnesty Journal Syrien 26. Juli 2017

"Die Politik schwingt mit im Herzen des Textes"

Porträt von Nihad Siris und Widad Nabi vor einer Wand aus Stein

Um Worte ringen - Der Romanautor Nihad Siris und die Dichterin Widad Nabi im Berliner Exil

Der Romanautor Nihad Siris und die Dichterin Widad Nabi sind aus Aleppo geflohen – er vor der Repression des Assad-Regimes, sie vor dem Krieg. Nun versuchen sie sich als Literaten in Berlin neu zu verorten. Ein Gespräch über das Schreiben im Exil.

Interview: Hannah El-Hitami, Fotos: Christian Jungeblodt

Wie hat sich Ihre Arbeit als Schriftstellerin im Exil verändert?

Widad Nabi: Das Schreiben ist an jedem Ort gleich. In Syrien habe ich fast über die gleichen Themen geschrieben, über die ich hier schreibe: in letzter Zeit vor allem über den Krieg, den Tod, die alltägliche Zerstörung. Jetzt schreibe ich zusätzlich über die Flucht, über die Sehnsucht nach der Heimat, die Sehnsucht nach den Orten, die wir hinter uns gelassen haben, die Sehnsucht nach dem Zuhause. 

Sie sagten bei einer Lesung, Sie könnten sich mit der deutschen Gruppe 47 identifizieren, an deren Treffen Schriftsteller wie Ingeborg Bachmann und Günter Grass teilnahmen. Warum?

Widad Nabi: Ich habe zufällig von der Gruppe 47 erfahren. Sie wurde in Deutschland als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg von jungen Schriftstellern gegründet. Heute, 70 Jahre später, sehe ich, dass sie damals das gleiche Bedürfnis hatten, über den Krieg zu sprechen, über das Grauen, das er mit sich bringt. Selbst in der Sprache gibt es Parallelen. Die Autoren der Gruppe 47 benutzten eine extrem realistische Sprache, die sich an die Rohheit des Krieges angepasst hatte. So wie ich heute. Meine Sprache ist realistischer geworden, während ich zuvor mehr ­literarische Stilmittel verwendete. 

Worauf führen Sie solche Gemeinsamkeiten zurück?

Widad Nabi: Wenn du die Details der Zerstörung, der Trümmer, des Todes erlebst, wird auch das Schreiben härter. Die Menschen empfinden überall gleich, unabhängig von Kultur, Sprache oder Nation. Es gibt ein gemeinsames Wesen. Was der Krieg damals in Deutschland anrichtete, richtet er heute in Syrien an. Was die Menschen damals in Deutschland erlebten, erleben die Menschen in diesem Moment in Syrien. Ich frage mich: Wenn die Literatur das erkannt hat, warum erleben wir dann immer noch das Gleiche, nicht nur in Syrien, auch im Jemen, in Somalia? Menschen verhungern, obwohl genau das Gleiche schon einmal passiert ist. Warum können wir das nicht überwinden?

Wie ist es, als Literat in einem Land zu leben, dessen Sprache man nicht versteht?

Nihad Siris: Literatur ist mehr als nur Sprache. Als Roman­autor interessiere ich mich für die Geschichte der Gesellschaft, für ihre Kultur, ihre Musik. Daher fühle ich mich hier tatsächlich isoliert. Wenn ich etwas über die deutsche Gesellschaft schreiben wollte, wäre mein Schreiben oberflächlich. Als ich über meine Stadt Aleppo geschrieben habe, habe ich über alles geschrieben, was mir in den Sinn kam. Ich machte mich auch mit der Landwirtschaft vertraut, mit den Pflanzen, den Vögeln, den wilden Tieren. Das alles macht einen Roman aus. Wenn ich mich jetzt hinsetze, um zu schreiben, bin ich verunsichert. Alles, was ich kannte, ist zerstört worden. Die Menschen, über die ich geschrieben habe, sind tot, geflohen oder verschwunden.

Wie haben sich die Themen, über die Sie schreiben, durch den Krieg in Syrien verändert?

Nihad Siris: Die meisten meiner Werke habe ich vor den ­Geschehnissen in Syrien geschrieben. Ich habe über die Gesellschaft geschrieben und über historische Ereignisse, die die ­Realität in Syrien beeinflusst haben. Ich wollte für gesellschaftlichen Fortschritt schreiben, für die Vernunft, für die persönliche Entwicklung der Menschen. "Ali Hassans Intrige" habe ich geschrieben, um ein Zeichen gegen den Totalitarismus zu setzen, der sich in Syrien seit den sechziger Jahren entwickelt hat. Ich wollte die Menschen darauf aufmerksam machen und sie dazu anregen, den demokratischen Weg zu wählen. 

Haben Sie diesen Anspruch noch immer?

Nihad Siris: Es fällt mir schwer, meine alten Projekte weiterzuführen. Ich frage mich oft, ob wir als Intellektuelle einen Fehler begangen haben. Haben wir versagt, weil wir es nicht geschafft haben, das Land zu beschützen, die Menschen, die Kinder, unsere Lebensweise? Sind wir als Intellektuelle, als Schriftsteller gescheitert? In der Vergangenheit habe ich geschrieben, um Menschen in Syrien etwas bewusst zu machen. Jetzt schreibe ich für die "anderen", für die Menschen im Westen und im Rest der Welt, damit sie nicht den Fehler machen, das syrische Regime als Alternative zum Terrorismus zu sehen. Dieses Regime ist dafür verantwortlich, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Aber um über den Krieg selbst zu schreiben, ist es noch zu früh. Die meisten Werke der Weltliteratur, die über Ereignisse wie in Syrien berichten, wurden erst später geschrieben.

Widad Nabi, während der Proteste in Aleppo wurden auch Zeilen aus Ihren Gedichten auf Plakate und Wände gesprüht. Sind Ihre Gedichte politisch?

Widad Nabi: Ich habe eigentlich nie die Absicht, über Politik zu schreiben. Doch die Politik schwingt im Herzen des Textes mit – zum Beispiel, wenn ich über Freiheit schreibe, in einem Land, in dem es keine Freiheit gibt, sondern nur Totalitarismus und Diktatur. Ich als Kurdin lernte meine Muttersprache zwar sprechen, aber nicht schreiben, weil sie verboten war. Wer Kurdisch gelernt hat, wurde eingesperrt. Auf der Universität habe ich mit ein paar kurdischen Kommilitonen versucht, Kurdisch zu lernen – im Geheimen und voller Furcht. Wenn ich also in ­einem solchen Land über Freiheit schreibe, dann schreibe ich auch über das Regime, ohne es beim Namen zu nennen, ohne das Baath-Regime oder Bashar al-Assad zu nennen. In einem ­Gedicht schreibe ich: »In diesem Land ist Platz für Vieles: für die Träume der Toten, für die Körper der Märtyrer, für Patronen und Kampfflugzeuge. Und trotzdem reicht der Platz nicht für ein kleines Wort: Freiheit.«

Hatten Sie jemals die Freiheit, ohne Einschränkungen zu schreiben?

Nihad Siris: Wenn man in einem Land wie Syrien lebt, muss man symbolisch schreiben. Man muss etwas ausdrücken, ohne es zu direkt zu nennen. Ich kann nicht einfach schreiben, dass der Geheimdienst dieses und jenes gemacht hat, sonst wird das Geschriebene verboten und ich bekomme Schwierigkeiten. Aber ich kann über die Amtszeit des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser schreiben, der mithilfe der Geheimdienste geherrscht hat. Menschen werden das lesen und mit ihrer eigenen Realität vergleichen. Die Autoren in Syrien finden stets neue literarische Wege, um Zensur und Verhaftung zu umgehen. In meinen Werken geht es immer um Politik. Das ist mein Projekt. Die Menschen aufzuklären, sie in eine demokratische Richtung zu lenken. 

Widad Nabi: Vor der Revolution konnte niemand über Politik und die Probleme im Land schreiben. 2011 hat sich das plötzlich verändert. Wir konnten auf die Straße gehen und demonstrieren, für Freiheit und den Sturz des Regimes. Meine Generation hatte keine Furcht mehr. Wir haben gerufen und unsere Schilder hochgehalten. Ich schrieb damals für eine Oppositionszeitung, die in der Türkei gedruckt wurde. Ich schrieb über meine Freunde, die verhaftet wurden, über den Krieg und das Töten. Sogar auf Facebook habe ich darüber geschrieben. Die Revolution hatte die Furcht aus meinem Herzen gelöscht. Vor der Revolution haben wir über jedes kleine Wort nachgedacht und uns gefürchtet, aber nach Beginn der Revolution war das anders. Es war ein Zustand von Freiheit, von Lebensfreude. Ich glaube, das hatte Syrien vorher noch nie erlebt. Es gab zwar keine Demokratie, aber es gab ein überwältigendes Gefühl von Freiheit. Dann begannen die Luftangriffe, und die jungen Demonstrierenden verschwanden von den Straßen.

Kurzbiografien

Nihad Siris

Nihad Siris wurde 1950 in Aleppo ­geboren. Er studierte Bauingenieurwesen in Sofia und gründete eine Baufirma in ­Syrien. Seit 1987 schreibt er Romane, Erzählungen, Dramen und Drehbücher. Sein Roman "Ali Hassans Intrige" (Lenos Verlag) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit dem PEN-Award ausgezeichnet. In ihm versucht ein Schriftsteller der Propaganda eines fiktiven totalitären Regimes zu entkommen. Das Buch wurde in Syrien verboten. 2012 floh Siris vor Repressionen des syrischen Regimes nach Ägypten. Seit 2013 lebt er in Berlin. 

Widad Nabi

Widad Nabi wurde 1985 in Kobanê ­geboren. Die syrisch-kurdische Lyrikerin studierte an der ­Universität in Aleppo Wirtschaftswissenschaften. Sie hat für verschiedene arabische Zeitungen ­geschrieben. 2013 erschien ihr erster Gedichtband "Zeit für Liebe, Zeit für Krieg". 2014 flüchtete sie aus Aleppo nach Europa. Seit Ende 2015 lebt sie in Berlin. Ihr zweiter Gedichtband "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" erschien 2016 in Beirut. In dem Sammelband "Weg sein – hier sein" (Secession Verlag) sind zwei ihrer Gedichte auf Deutsch zu lesen.

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