Amnesty Journal Panama 01. Januar 2020

Invasion gegen die Armen

Ein Mann mit weißem Jacket und weißem Hut steht vor einer Mauer, die mit Grafitti bemalt ist.

Blick zurück im Zorn. Ernesto Fitzroy in El Chorillo.

Im Dezember 1989 rückten Tausende amerikanische ­Soldaten in Panama ein. Angehörige der Opfer aus dem ­Armenviertel El Chorrillo kämpfen bis heute für Entschä­digungszahlungen.

Von Tobias Lambert, Panama-Stadt

Schriftzüge und Bilder an den Wänden im Armenviertel El Chorrillo von Panama-Stadt erinnern an die Operation "Just Cause" ("Gerechte Sache") vor dreißig Jahren. Der damalige US-Präsident George H. Bush hatte die größte Luftlandeaktion nach dem Zweiten Weltkrieg angeordnet, US-amerikanische Medien überboten sich mit Lobeshymnen auf die eigene militärische Effizienz. Die Zahl der Todesopfer kennt keiner genau, Schätzungen schwanken zwischen mehreren hundert und mehreren tausend, denn US-Soldaten verscharrten die meisten Leichen in Massengräbern. Von US-Seite wurde die Invasion als notwendiger Eingriff dargestellt, der Panama Freiheit und Demokratie gebracht habe. Doch die Betroffenen erinnern sich mit Schrecken daran.

Noch heute zittert ihre Stimme

Eine von ihnen ist Trinidad Ayola. Sie verlor am 20. Dezember 1989 ihren Mann, der als Soldat zur Schicht in einer Kaserne eingeteilt worden war. Noch heute zittert ihre Stimme, wenn sie davon erzählt. Den USA sei es darum gegangen, neue Waffen in der Praxis zu erproben und das panamaische Militär zu zerschlagen. "Und sie wollten die für Ende 1999 vereinbarte Übergabe des Kanals an Panama verhindern, um sich eine dauerhafte Militärpräsenz im Land zu sichern."

Ziel der Invasion war die Absetzung von Militärmachthaber Manuel Noriega, dessen Hauptquartier sich damals mitten in El Chorrillo befand. Der 2017 verstorbene Chef der Nationalgarde hatte von 1971 bis 1987 auf der Gehaltsliste des US-Geheimdiens­tes CIA gestanden. Bald nach seiner Machtübernahme 1983 ließ er von den USA unterstützte Contras in Panama ausbilden. Sie sollten gegen die linken Sandinisten kämpften, die nach der ­Revolution 1979 die Macht in Nicaragua übernommen hatten. Außerdem stellte Noriega sein Land als Zwischenstation für illegale US-Waffenlieferungen an den Iran zur Verfügung, aus deren Erlösen die Contras finanziert wurden. Die USA sahen ­dafür großzügig über Noriegas Drogengeschäfte mit dem kolumbianischen Medellín-Kartell hinweg. Als Ende 1986 der Iran-Contra-Skandal aufflog, verlor der Militärmachthaber seine ­Bedeutung für die US-Kriegsstrategie in Zentralamerika und wurde plötzlich zum »Bad Guy«. Drei Jahre später folgte die ­Invasion, um ihn abzusetzen.

Die konservativen Eliten warben für die Invasion

Ayola kämpft seit Anfang der 1990er Jahre dafür, dass den Opfern des 20. Dezember Gerechtigkeit widerfährt. Als Präsidentin des Komitees der Angehörigen der Invasionsopfer spricht sie öffentlich über den anhaltenden Schmerz und die Geringschätzung, mit der die Opfer in der panamaischen Gesellschaft häufig konfrontiert werden. Zusammen mit ihren Mitstreitern fordert sie eine echte Erinnerungspolitik, Entschädigungen für die Hinterbliebenen, und dass der 20. Dezember zum nationalen Trauertag erklärt wird. Doch die konservativen Eliten des Landes sträuben sich dagegen.
Aus einem einfachen Grund, so Ayola: Diese hätten damals selbst für die Invasion geworben und wollten auch drei Jahrzehnte später die guten Beziehungen zu den USA nicht aufs Spiel setzen. "Wenn sie offiziell anerkennen würden, dass dieser Tag für einen Teil der Bevölkerung Trauer bedeutet, müssten sie zugeben, dass die Invasion ein Verbrechen war." Die Oberschicht des Landes feierte den Sturz Noriegas und kehrte nach anderthalb Jahrzehnten Militärherrschaft selbst an die Macht zurück.
Auch das ist ein Grund, weshalb außerhalb von Armenvierteln wie El Chorrillo die Erinnerung an die Invasion bis heute kaum präsent ist. Selbst in Schulbüchern wird sie nur am Rande erwähnt. Heute erheben sich in der Ferne die imposanten Hochhäuser des Finanzdistriktes von Panama. Weder dort noch in den wohlhabenden Wohngegenden habe es die meisten Opfer gegeben, sondern in den Vierteln der unteren Schichten, sagt Ayola. Es sei völlig unnötig gewesen, so viele Menschen zu töten. "Die USA konnten von der Kanalzone aus jeden Schritt Noriegas überwachen und hätten ihn jederzeit festnehmen können."

Die Zahl der Opfer bleibt umstritten

Eine Wahrheitskommission aus unabhängigen Experten ermittelt seit 2016 die genaue Zahl der Todesopfer. Die gehen weit auseinander: Ein internes Papier des US-Verteidigungsministeriums bezifferte sie auf 1.000, unterschiedliche Stellen in Pana­ma gehen von 600 oder 700 getöteten Zivilisten aus, die Vereinten Nationen von 500. Opfer- und Menschenrechtsorganisationen sprechen von deutlich mehr. Das Komitee der Angehörigen der Invasionsopfer schätzt die Zahl auf 4.000.

Auch Ayola wurde von der Kommission angehört. "Dass die Regierung die Kommission 20. Dezember erst nach 25 Jahren geschaffen hat, macht ihre Arbeit jedoch viel schwieriger", beklagt sie. 2018 empfahl die Interamerikanische Menschenrechtskommission, die USA solle Entschädigungen an die Hinterbliebenen zahlen. Dafür haben die Angehörigen der Opfer lange gekämpft. Zwar gibt es bis heute keine offiziellen Reaktionen darauf, "aber das stärkt uns den Rücken und gibt uns moralisch recht", sagt Ayola. Selbst in El Chorrillo gehen außer Ayola nur wenige Menschen mit ihren Erfahrungen offensiv an die Öffentlichkeit.

Er war 15, als sein Viertel in Flammen aufging

Zu den Mitstreitern zählt Ernesto Fitzroy. Er war erst 15 Jahre alt, als das Viertel in Flammen aufging. Die meisten Häuser in El Chorrillo waren aus Holz gebaut und brannten während der Invasion am 20. Dezember vollständig ab. Dabei hatte Fitzroys Familie im Vergleich zu vielen anderen Bewohnern noch Glück. In ihrer Wohnung zersplitterten nur die Scheiben, weil sie in einem der wenigen aus Stein gebauten Hochhäuser lebte. "Bis zum 20. Dezember hatte ich eine schöne Kindheit", sagt der 45-jährige Universitätsdozent heute. "Wir lebten in einem Armenviertel, aber es war friedlich, und wir kannten keinen echten Mangel." Dann kam die Invasion. "An diesem Tag endete meine Kindheit auf einen Schlag."

Zwei bis drei Jahre lang lebten Fitzroy und Tausende weitere Menschen aus El Chorrillo in einem Lager für Geflüchtete innerhalb der Kanalzone. Die während der Invasion auf einer US-Militärbasis vereidigte neue Regierung kümmerte sich nicht um sie. Mittlerweile steht auf dem Gelände des einstigen Flüchtlingslagers eine der größten Shoppingmalls des Landes.

El Chorrillo ist heute von einfachen Neubauten geprägt, die in den 1990er Jahren entstanden. Die Familie von Ernesto Fitzroy konnte nach ein paar Jahren in ihr saniertes Haus zurückkehren. Seine Mutter lebt dort bis heute. Auch wenn sich die Lage gebessert hat, ist das Viertel noch immer verrufen. Bis vor wenigen Jahren lieferten sich Gangs mit Namen wie "Vietnam 23" oder "Bagdad" in der Gegend blutige Revierkämpfe.

"Die Gewalt kam erst infolge der US-Invasion nach Panama", sagt Fitzroy. Dass es heute friedlicher zugehe, liege vor allem daran, dass er und andere engagierte Bewohner im Viertel bereits seit den 1990er Jahren soziale Präventionsarbeit für Kinder und Jugendliche machten. "Die Regierungen haben sich nie darum gekümmert."

Mehr dazu