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Spielen für eine bessere Welt
Szene aus "Not for broadcast"
© Charles Games
Wer sagt, dass Computerspiele anspruchslos oder brutal sein müssen? Es gibt auch aufklärerische Inhalte, die Spaß machen. Vier ausgewählte Spiele im Selbsttest.
Von Klaus Ungerer
Beecarbonize
Die Welt retten macht ja immer Spaß. Am schönsten ist es aber, wenn dies in einer niedlichen Optik geschieht. Die ganze Weltretterei ist oft mit viel Drohung, Dunkelheit und schlechtem Gewissen verbunden, das wir als aufgeklärte Menschen zu empfinden haben. Das Einpersonen-Strategiespiel Beecarbonize holt hingegen das Kind in mir ab, eine knuffige Biene mahnt "Do not let the world fall apart", und eine bunte Optik unterteilt die Welt in die Bereiche Industrie, Ökosysteme, Menschen, Wissenschaft. Sie wirken mit ihren Unterkategorien und Möglichkeiten aufeinander ein, bringen dem Spielenden Aktionspunkte, sorgen aber auch für Ressourcenfraß und Verschmutzung. Vor allem die Wirtschaft ist ständig dabei, den Planeten zu ruinieren. Dann komme ich und gebiete an meinem Handy Einhalt! Beim ersten Mal verhungern mir noch die Leute, weil ich die Produktion zu drastisch herunterfahre. Also mache ich mich ein zweites Mal ans Werk: So rasch wie möglich baue ich die klassische Verbrenner- und Verschmutzerindustrie des 20. Jahrhunderts um, und der Rest geht dann fast wie von selbst. Die Welt liegt mir zu Füßen! Gerettete Elefanten tröten mir dankbar zu, und Heerscharen von Offshore-Windanlagen pusten mir Luft ins lächelnde Gesicht. Beecarbonize ist eine kostenlose App, die von Pädagog*innen empfohlen wird. Sie ist ab 9 Jahren spielbar und hat im Google Playstore starke 4,7 von 5 möglichen Punkten. Das Spiel bietet Entspannung beim Träumen von einer geheilten Welt.
Szene aus Beecarbonize
© Charles Games
Forced abroad – Tage eines Zwangsarbeiters
Das Spiel orientiert sich an der wahren Lebensgeschichte eines Niederländers in Rotterdam im November 1944. Der 19-jährige Jan wohnt bei seinen Eltern und liebt seine Freundin. Die Stadt ist komplett zerbombt, besetzt, und die Menschen hungern. Als die Deutschen Tausende Bewohner*innen Rotterdams zur Zwangsarbeit zusammentreiben, entkommt Jan durch einen Zufall. Aber rettet ihn das? Seine Eltern sind nicht begeistert, denn sie haben Mühe, ihn zu ernähren. Irgendwann werden die Deutschen ihn ja doch drankriegen. Jan geht in sich und meldet sich freiwillig. Er erlebt die Hölle der Güterwaggons und Durchgangslager, die Zwangsarbeit und die verheerenden Bombenangriffe. Seine Handlungsoptionen sind gering und seine Entscheidungen doch oft von Bedeutung: Wenn der deutsche Aufseher deinen Freund verprügelt, wie verhältst du dich? Wenn es eine Gelegenheit zur Flucht mitten im Feindesland gibt, wirst du sie nutzen? "Forced abroad – Tage eines Zwangsarbeiters" ist als App kostenlos spielbar, eine schöne, im Comicstil erzählte Bildergeschichte, die die Spielenden vor keine unlösbaren Rätsel stellt, aber durchaus mit moralischen Zwickmühlen konfrontiert.
Szene aus Forced Abroad
© Charles Games
Not for Broadcast
Bei der Errichtung einer Diktatur ist es wichtig, die Menschen von moralischen Fragestellungen abzulenken und sie vom Nachdenken über den Sinn und die Vertretbarkeit des eigenen Tuns abzubringen. Also verstrickt man niedere Funktionsträger am besten in allerlei unüberschaubare, schwer zu bewältigende Aufgaben – dies ist ganz nebenbei aber auch ein Grundrezept, um Komik zu erzeugen. Die Macher von "Not for Broadcast" haben für ihr Spiel über das Überleben und Durchwursteln in einer Diktatur eine gute unterhaltsame Mischung gefunden. Der Spieler oder die Spielerin sitzt im Regieraum eines Fernsehsenders in einem Ein-Parteien-Regime und muss live Sendungen schneiden und im richtigen Moment den richtigen Knopf drücken, etwa um missliebige Äußerungen wegzupiepen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe in einer schwierigen Umgebung und ein immenser Druck, der aufgehellt wird durch Komik in den Spielszenen, die wir zu kontrollieren, und Werbetrailer, die wir dann und wann ins Programm einzufügen haben. Als Spieler*innen starren wir auf das Schnittpult und werden von diversen Bildschirmen und Telefonanrufen gleichzeitig übermannt, während wir die Zuschauer*innen bei der Stange halten und unseren Staatssender auf keinen Fall verärgern wollen. Oder sollte es möglich sein, subversiv zu arbeiten? Der Arbeitsalltag in einer Diktatur ist jedenfalls anstrengend und das Nachhausekommen leider auch nicht immer angenehm … "Not for Broadcast" ist für PC und Konsolen erschienen und auf "Steam" erhältlich.
Szene aus Svoboda
© Charles Games
Svoboda 1945: Liberation
Immer noch relevant ist das Point-and-click-Adventure "Svoboda 1945: Liberation", das bereits 2021 für Windows, Linux und Mac erschienen ist, aber nichts von seinem Bildungspotenzial eingebüßt hat. Es zeigt, dass das Computerspiel der bessere Geschichtsunterricht sein kann, sogar bei einem kniffligen und sensiblen Thema, bei dem es keine einfachen Wahrheiten gibt.
Als Beauftragter einer Denkmalschutzbehörde wird man 2001 in das fiktive Dorf Svoboda im tschechisch-deutschen Grenzgebiet gerufen: Der dortige Lehrer möchte das alte Schulgebäude schützen lassen, der Dorfbonze will es lieber heute als morgen aufkaufen und planieren. Welchen historischen Wert hat also das Haus? Wie in einem guten Krimi entfaltet sich anhand dieser Frage die Geschichte des Dorfs, seiner Bewohner*innen, seiner Toten, Geflohenen und Vertriebenen, seiner vielen Traumata und Geheimnisse. Die europäische Geschichte der 1930er bis 1950er Jahre hat in Svoboda ihre Spuren hinterlassen: Besatzung, Diktatur, Krieg, Holocaust, Vertreibung, neue Diktatur, Zwangskollektivierung. Als Fremder geht man den Verwerfungen und Verletzungen nach: in vielen Einzelgesprächen, die mit tschechischen Schauspielern umgesetzt sind, in Rückblenden, die als Comic und in historischen Filmaufnahmen gestaltet sind, und mit einem kleinen Landwirtschaftssimulator-Unterspiel, das die existenzielle Falle des Kollektivierungsdrucks erlebbar macht. "Svoboda 1945: Liberation" kommt ohne Gut-Böse-Schema aus, lässt uns mulmig und klüger zurück und gönnt uns ein kleines Happy End.
Klaus Ungerer ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.