Amnesty Journal Afghanistan 28. August 2019

"Unser Land kommt nur vorwärts, wenn Politiker zur Rechenschaft gezogen werden"

Eine Frau sitzt an einem Fenster, daneben Blumen.

Die Studentin und Aktivistin Nargis Azaryun.

Nargis Azaryun, 25, Studentin und Aktivistin

Einmal sind wir mit Verwandten an einem See picknicken gegangen. Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Zwar war es verboten, dass sich Männer und Frauen gemeinsam in der Öffentlichkeit aufhalten. Aber wir dachten, wir wären sicher, weil ein einflussreicher Mann aus meiner Familie dabei war. Plötzlich tauchten Taliban-Kämpfer auf. Dutzende von ihnen. Sie haben die Männer geschlagen und in Lastwagen abtransportiert. Die Frauen haben geschrien. Kinder wussten nicht, wo ihre Eltern waren. Es herrschte totales Chaos.

Das ist eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Ich erinnere mich auch, wie die Taliban jungen Männern den Kopf geschoren haben, weil sie Frisuren wie Hollywood-Stars trugen. Wie sie meine Mutter mit einem Kabel geschlagen haben, weil sie keine Socken trug und man ihre Zehen sehen konnte. Wie wir tagelang kein Essen hatten. Als Kind dachte ich, das sei normal.

Der Sturz der Taliban fühlte sich an, als ob wir endlich atmen könnten: Die Männer in meiner Familie haben ihre Bärte abrasiert, die Frauen ihre Burkas verbrannt. Meine Eltern haben wieder studiert. Das hat mich geprägt. Ich wusste früh, dass ich Teil des Fortschritts in Afghanistan sein wollte.

Seit zwei Jahren arbeite ich bei der Organisation Open Society. Ich bin für Projekte zuständig, die Toleranz fördern. In unserer Gesellschaft gilt noch immer das Recht des Stärkeren. Die Menschen müssen lernen, einander zuzuhören und friedlich miteinander zu diskutieren.

Ein Teil meiner Arbeit ist es, an Universitäten Debattierclubs aufzubauen. Im Schnitt kommen am Anfang 30 Studenten. Wir reden über Sex, über Politik, über Ethnien – nur Religion ist tabu. Meistens wissen die Studenten am Anfang gar nicht, wie eine Debatte funktioniert.

Ein Thema liegt mir besonders am Herzen: ethnische Identitäten. Unser Land ist noch immer entlang ethnischer Linien geteilt. Es gibt keinen Zusammenhalt in der Bevölkerung. Dieses Denken müssen wir verändern. Parteien sollen sich nicht auf Wähler verlassen können, nur, weil sie zur gleichen Volksgruppe gehören. Unser Land kommt nicht vorwärts, wenn Politiker nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Ich glaube, dass es Afghanistan seit dem Sturz der Taliban besser geht. Aber es gibt noch viel zu tun. Auch, was die Gewalt gegen Frauen angeht. 2015 hat ein Mann fälschlicherweise behauptet, eine junge Frau habe einen Koran verbrannt. Ein wütender Mob hat sie daraufhin auf offener Straße gelyncht. Der Fall hat die Welt schockiert. Ich bin mit einer Gruppe von Frauen zur Beerdigung gegangen. In Afghanistan dürfen Frauen keine Särge tragen. Aber wir waren so wütend: Es waren Männer, die ihr das angetan haben. Also haben wir uns an den Händen gefasst, den Mullah verjagt und den Sarg selbst zum Grab gebracht.

Die Friedensverhandlungen mit den Taliban halte ich für gefährlich. Für mich repräsentieren sie alles, wogegen ich stehe: Intoleranz und ein archaisches Frauenbild. Ein Teil von mir hofft zwar, dass sie sich an die Regeln des politischen Systems halten müssen, wenn sie regulär gewählt werden. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass sich eine so radikale Gruppe an Regeln halten wird. Wahrscheinlicher scheint mir, dass ein Bürgerkrieg ausbricht, sobald die internationalen Truppen abziehen.

Protokoll: Theresa Breuer

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